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Interview mit Oliver Schwehm und Steppenwolf-Sänger John Kay

Geschrieben von Peter Gutting am 6. Juli 2024

Dokumentarfilmer Oliver Schwehm liebt es, verborgene Geschichten aufzuspüren. In seiner neuen Arbeit „Born to be wild – Eine Band namens Steppenwolf“ erkundet er die wechselvolle Geschichte der kanadisch-amerikanischen Rockstars, die sich mit der Biker-Hymne in die Geschichtsbücher einschrieben, aber bald unterschiedliche Wege gingen und sich teils mühevoll wieder hocharbeiten mussten. Schwehm findet den verschollen geglaubten Komponisten von „Born to be wild“ und treibt das ursprüngliche Demo-Tape des Songs auf. Außerdem erzählt er, wie zwei deutsche Auswanderer aus Nachkriegsdeutschland in einer der ersten Hardrock-Bands der Rockgeschichte zueinander fanden: Bassist Nick St. Nicholas und Frontmann John Kay. Auf dem Filmfest München, wo der Film Premiere hatte, sprachen wir mit Oliver Schwehm und John Kay, dem legendären Sänger von „Born to be wild“ über den jahrzehnlangen Streit zwischen Nick und John, über frühe Rockstar-Fantasien und über die politische Wirkung von Steppenwolf. Auf einer Kinotour kann man den Regisseur und Nick auch live erleben: In Heidelberg (6. Juli, 16 Uhr, Gloria Kino), Alzey (7. Juli, 11 Uhr, Bali Kino), Bochum (7. Juli, 18 und 20:30 Uhr, Metropolis), Bremerhaven (8. Juli, 18 Uhr, Koks), Hamburg (8. Juli, 22.15 Uhr, Zeise sowie 23:15 Open Air Altona) und in Nicks Geburtsstadt Plön (9. Juli, 18 Uhr, Astra).

Oliver, was war der Auslöser für dich, einen Film über die Band Steppenwolf zu drehen?

Ich habe zu Hause eine Schublade, in die alle Ideen kommen, die ich sammle, etwa wenn ich Zeitungen oder Bücher lese. Darin war ein Artikel, den ich 2008 hineingelegt habe. Den hat der Journalist Matthias Greffrath im „Zeit“-Magazin geschrieben, ein Jugendfreund von John Kay. Greffrath nennt John den „größten Rocksänger, den Deutschland je hervorgebracht hat“. 2015 habe ich mir den Artikel nochmal angeschaut und dann meinen Onkel  Helmut Kassel angerufen, der Musikspezialist ist. Der war ganz verwundert und wusste nicht, dass John Kay ursprünglich aus Deutschland kommt. Da habe ich gedacht, dass das eine gute, verborgene Geschichte ist. Zugleich ist sie extrem populär, weil den Song „Born to be wild“ jeder kennt. Dann habe ich angefangen, zu recherchieren und John zu kontaktieren.

John, was war deine erste Reaktion, als er dich anrief? Warst du sofort begeistert?

Es hat mich interessiert, denn ich fand Matthias‘ Artikel sehr gut. Hinzu kam, dass es bisher keinen Film über Steppenwolf gibt, der wahrhaftig ist. Zum Beispiel gab es eine Folge der Doku-Serie „Behind the Music“ über uns. Da ging es fast nur um Drogen und Skandale. Aber das ist nicht das, worum es uns in den 1960er Jahren ging. Als Oliver anrief, dachte ich, das wird ein Film werden, der die Wahrheit zeigt.

Oliver, hast du John gleich verraten, dass auch Nick St. Nicholas prominent im Film vertreten sein würde, der einstige Bassist, mit dem sich John jahrzehntelang überworfen hatte?

Mein dokumentarisches Arbeiten erstreckt sich meist über mehrere Jahre und ist relativ ergebnisoffen. Ich fragte John im Vorfeld, ob es Themen oder Personen gibt, die nicht vorkommen sollen. John machte von Beginn an klar, dass es keinerlei Zensur gebe. Im Zuge der Recherche fiel mir dann auf, dass Nick eine vergleichbare Lebenslinie hat, weil er auch aus Deutschland stammt. Und Nick hortet wie ein Hamster sämtliches Material. Er hat ein riesiges Archiv über Steppenwolf. Wir waren fünf Tage bei ihm und irgendwann kam er mit einer großen Tasche von Super-8-Filmen. Er sagte, vielleicht interessiert euch das, ich habe es während der erfolgreichsten Jahre von Steppenwolf gedreht und 50 Jahre lang nicht mehr gesehen. Das könnten wir uns zusammen anschauen.

Hat auch Nick euch freie Hand gelassen, was ihr verwenden wollt?

Ich fand toll, dass weder John noch Nick jemals gefragt haben, wie ich das Material eigentlich verarbeite. Sie wollten auch keine ersten Schnittfassungen sehen. In anderen Fällen bewegt man sich dagegen auf ganz dünnem Eis, wenn man Stars interviewt. Sehr schnell kommen Manager oder Agenten, die etwas begutachten und freigeben wollen. Nick und John haben den Film gestern bei der Premiere zum ersten Mal gesehen. Für mich war es ganz toll, diese künstlerische Freiheit zu haben.

John, warum warst du so großzügig, wenn du schon schlechte Erfahrungen mit anderen Dokumentarfilmern gemacht hast?

Weil ich ihm vertraut habe. Ich war gestern Abend, als ich den Film sah, sehr froh, dass Nick dieses Material hatte und beisteuerte. Denn ich bin kein großer Sammler. Mich beeindruckt besonders, dass Randy, Nicks erste Frau, zu Wort kommt. Sie begreift sehr gut den Unterschied zwischen unseren beiden Persönlichkeiten. Nick ist mehr der Künstlertyp und ich bin Commander Kay, der sagt, wir müssen unseren Job erledigen. Wenn es nach mir geht, setzen wir uns keine Hasenohren auf, wie Nick das tat, sondern wir sind eine geradlinige Hardrock-Blues-Band. Randy beschreibt uns beide sehr gut. Sie ist eine hervorragende Beobachterin und nimmt Unterschiede wahr, ohne darüber negativ zu urteilen.

Oft sind Unterschiede ja wichtig, besonders in Rockbands.

Ja, eine Zeitlang ergänzten wir uns sehr gut. Nick hat ein Talent, hartnäckig zu sein und Leute zu überzeugen. Wenn ich jemandem eine Idee vorschlage und er ist nicht interessiert, dann sage ich okay und das war‘s. Aber Nick bleibt am Ball und öffnet jemanden für die Idee. Zum Beispiel war er derjenige, der beständig einen Manager suchte für The Sparrows, wo wir zuerst zusammenspielten. Und letztlich fand er einen. Nick hatte eine Vision davon, welches Erfolgsniveau zuerst The Sparrows und dann Steppenwolf erreichen könnten. Die Vision war wichtig für die Geschichte von Steppenwolf. Ich dagegen war an der Unterhaltungsindustrie und ihren Regeln nicht so interessiert.

Oliver hat mir erzählt, dass er vergeblich versucht hat, dich und Nick für den Film zusammenzubringen. Warum wolltest du Nick nicht mehr sehen?

Ich war wütend, dass Nick Ende der 1970er den Namen Steppenwolf benutzte, während ich ein paar Soloplatten machte. Jerry Edmonton, unser Drummer, und ich waren sehr empört über das, was Nick mit dem Namen machte. Es kam zu Rechtsstreitigkeiten. Als ich Anfang der 1980er als „John Kay and Steppenwolf“ in kleinen Clubs auf Tournee ging und mich von ganz unten wieder hocharbeitete, hatte Nick den Namen Steppenwolf ruiniert durch die Band, mit der er unterwegs war. Es dauerte lange Zeit und war sehr anstrengend, sich wieder hochzuarbeiten. Deshalb hatte ich kein Interesse, mit Nick Kontakt aufzunehmen.

Besteht der Konflikt immer noch?

Inzwischen ist er beigelegt. Vor ein paar Jahren kam Nick zu einem meiner Konzerte. Danach haben wir mit einander gesprochen und ich habe ihm gesagt, dass ich das Negative der Vergangenheit nicht weiter mit mir herumschleppen will und dass das vorbei ist. Deshalb war ich sehr froh, dass Oliver auf Nick zugegangen ist und all das Material zur Verfügung hatte, das interessanter ist als nur meine Version der Steppenwolf-Geschichte. Nick hat Talente, die ich nicht habe.

Du hattest schon als Kind den Wunsch, Rockstar zu werden, obwohl es damals kaum Vorbilder gab. Wie kam das?

Als Zwölfjähriger habe ich Little Richard gehört. Die Intensität seiner Musik hat mich umgehauen. Für eine Weile hatte ich die Fantasie, dass ich eines Tages auf der anderen Seite des Teichs sein und Englisch lernen und Gitarre spielen werde. Aus Zufall ist das dann später tatsächlich Wirklichkeit geworden. Die Idee, auf der Bühne zu stehen und zu singen, hat mich schon früh angezogen. Das Ego ist bei so etwas natürlich immer dabei. Das Showbusiness war attraktiv, aber es sollte nicht auf Kosten der Ehrlichkeit gehen. Aber mir war immer wichtiger als der Ruhm, dass wir in der Musik unsere Einstellungen zur damaligen Zeit ausdrücken konnten. Uns haben Leute geschrieben und gesagt, dass einige unsere Texte und Songs für sie zu persönlichen Hymnen wurden, weil sie genau das ausdrückten, was viele junge Menschen damals empfanden. Die Lieder hatten ihnen eine Stimme gegeben.

Oliver, man spürt in deinem Film die Faszination für die Musik und für die Persönlichkeiten von John und Nick. Aber du stellst die beiden trotzdem nicht auf einen Sockel. Warum nicht?

Ich mag persönlich keine Filme über Musikgruppen und Rockstars, die zu formatiert sind und sich in Heiligenlegenden ergehen. Mir ging es um ein tieferes Verständnis der Geschichte und auch darum, zu erfassen, woher der Sound eigentlich kommt. Mich interessiert die Reise, die in Deutschland beginnt mit Freddy Quinn und über Toronto bis ins psychedelische Kalifornien der 1960er führt. Das Faszinierende an der Steppenwolf-Musik ist für mich, dass sie aus ganz verschiedenen musikalischen Familien kommt. Es ist ein interessanter Mix aus Rock, Blues, psychedelischer  und schwarzer Musik. Manche Stücke könnten auch von „Booker T. & the M.G.’s“ sein. Alles zusammen verschmolz zu einer einmaligen Mischung. Mir war wichtig zu zeigen, dass Steppenwolf viel mehr ist als nur ein oder zwei Songs. Wir konnten insgesamt zwölf Stücke im Film verwenden, auch solche aus dem Spätwerk. Ich wollte rüberbringen, dass die Reise immer weiter ging und der Zug nie stehen blieb. Zum Beispiel finde ich „It’s never too late“ einen wahnsinnig tollen Song, der aber in Deutschland nicht wirklich bekannt wurde.

John: Übrigens war „It’s never too late“ Nicks Idee. Erst waren es nur diese vier Worte, aber für mich war das genug, um es aufzugreifen und weiterzuspinnen. Auf diesem unserem dritten Album, übrigens dem ersten, bei dem Nick dabei war, sind drei Songs, die ich bis heute toll finde. Das sind neben „It’s never too late“ auch „Jupiter‘s Child“ und „Rock me“.

Viele Leute glauben, „Born to be wild“ sei der erste Steppenwolf-Song in einem Film gewesen, nämlich in „Easy Rider“ von Dennis Hopper. Stimmt das, John?

Der Film „Easy Rider“ kam 1969 heraus, da war Born to be wild“ schon ein Jahr lang ein großer Hit. Aber zuvor gab es ein bekanntes Buch namens „Candy“, das verfilmt wurde mit Richard Burton, Ringo Starr und Marlon Brando. Der französische Regisseur Christian Marquand sagte, wir möchten gern euren Song „Magic Carpet Ride“ im Soundtrack haben, aber wir brauchen einen weiteren Song, der sich um das Mädchen Candy dreht. Aus diesem Auftrag heraus entstand „Rock me“. Ich schrieb den Song zusammen mit der schwedischen Hauptdarstellerin Ewa Aulin. Das wurde dann ein Top-Ten-Hit, aber insgesamt war die dritte Platte eher durchwachsen, was den Erfolg betrifft. Danach brachten wir „Monster“ heraus, ein politisches Konzept-Album, das bei den Anti-Vietnam-Demonstranten besonders gut ankam. Von da an sagten die Leute, Steppenwolf ist die Rockband der Intellektuellen. Wir hatten mehr zu geben als Hits. Und wir hatten das Glück, dass wir sowohl von den Mainstream-Radiosendern gespielt wurden als auch von den gerade aufkommenden Underground-Sendern.

Im Film gibt es eine schöne Szene, die zeigt, wie du vor ein paar Jahren nach Arnstadt eingeladen wurdest. In der thüringischen Stadt hast du einen Teil deiner Kindheit verbracht. Was hat dir diese Einladung bedeutet, John?

Ich habe noch Erinnerungen an Arnstadt, obwohl ich damals erst dreieinhalb bis vier Jahre alt war. 1990 waren wir in Deutschland auf Tournee. Jemand aus Arnstadt fragte uns, ob wir im Zuge der Tournee dorthin kommen könnten, um ein Open-Air-Benefiz-Konzert zugunsten eines Waisenheims zu spielen. Ich sagte, wir kommen, weil das das Städtchen war, das meiner Mutter und mir Schutz gegeben hat bei unserer Flucht aus Ostpreußen vor der Roten Armee. Für mich war das eine berührende Erfahrung, dort zu spielen. Vor wenigen Jahren fragte Arnstadt nochmal an, ob ich solo in der Bachkirche des Ortes spielen würde, und zwar zur Adventszeit. Ich bin zwar nicht religiös, aber Weihnachten war immer etwas Besonderes für mich. Deshalb sagte ich zu, aber es kam die Pandemie dazwischen und es wurde Mai, bis ich in der Bachkirche auftrat. Für mich war sehr beglückend zu sehen, welch weite Wege unsere und meine Fans auf sich genommen hatten. Manche kamen aus der Schweiz, aus Österreich, aus Holland, Dänemark und natürlich aus ganz Deutschland. Ich war sehr berührt, die Akustik in der Kirche war wunderbar und ich hatte mir überlegt, am Ende des Konzerts etwas auf Deutsch zu singen, nämlich das Kunst- und Volkslied „Am Brunnen vor dem Tore“. Das war sehr unerwartet für die Leute und auch für mich. Aber es klappte.

 

Zu den Personen

Oliver Schwehm wurde 1975 in Mainz geboren. Er studierte Germanistik und Romanistik, gefolgt vom Studiengang Dokumentarfilm an der Universität Straßburg. Der Regisseur debütierte 2007 mit „Winnetou darf nicht sterben“ über Pierre Brice und hat seitdem verschiedene Persönlichkeiten aus dem Film-, Literatur- und Unterhaltungsgeschäft porträtiert. Zu seinen bislang bekanntesten Werken zählen „Milli Vanilli: From Fame to Shame“ (2016) und „Fly, Rocket, Fly! – Mit Macheten zu den Sternen“ (2018).

John Kay wurde 1944 als Joachim-Fritz Krauledat im ostpreußischen Tilsit geboren. Sein Vater starb in den letzten Kriegsmonaten wenige Wochen vor seiner Geburt und seine Mutter floh mit ihm bei Kriegsende vor der Roten Armee nach Arnstadt in Thüringen. In Hannover heiratete sie ein zweites Mal. 1958 wanderte die Familie nach Toronto in Kanada aus, wo sich John 1965 der Bluesband „The Sparrows“ anschloss. 1967 ging aus dieser Band „Steppenwolf“ hervor. Seit seiner Geburt leidet John unter einer seltenen Sehstörung namens Achromatopsie. Statt Farben nimmt er nur Kontraste wahr, ist stark kurzsichtig und lichtempfindlich. Deshalb muss er immer eine Sonnenbrille tragen, die später zu seinem Markenzeichen wurde.

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Interview mit Oliver Schwehm und Steppenwolf-Sänger John Kay

Geschrieben von Peter Gutting

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Start: 01.01.1970