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Interview mit Stéphane Brizé zu „Zwischen uns das Leben“

Geschrieben von Peter Gutting am 30. April 2024

Der französische Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler Stephane Brizé ist ein Spezialist für komplexe Gefühle. Seine Figuren, die oft aus dem Milieu der kleinen Leute stammen, stehen fast nie mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Sie werden bestimmt von Sehnsüchten, zögerlichen Begierden und der Suche nach dem richtigen Platz im Leben. Selbst in die realistisch-halbdokumentarische Sozialtrilogie „Der Wert des Menschen“ (2015), „Streik“ (2018) und „Another World“ (2021) spielen Selbstzweifel und Identitätskrisen mindestens hinein. In seiner neuesten Arbeit „Zwischen uns das Leben“ wendet sich der Franzose nun voll und ganz dem Innenleben seiner Charaktere zu. Er erzählt von dem berühmten Schauspieler Mathieu (Guillaume Canet), der in einer Lebenskrise Entspannung in einem Wellness-Hotel sucht und seine ehemalige Lebensgefährtin Alice (Alba Rohrwacher) wieder trifft, die er vor 16 Jahren verlassen hat. Aus der gemeinsamen Zeit sind einerseits noch Rechnungen offen, andererseits erwacht die ehemalige Liebe unter veränderten Umständen neu. Zum Filmstart sprachen wir mit Stéphane Brizé über das Groteske eines Wellness-Urlaubes, die Lebenslogik seiner Figuren und die besondere Chemie zwischen den Hauptdarstellern.

Der Film beginnt mit einem ironischen Blick auf den Wellness-Kult. Welchen Blick haben Sie auf solche Einrichtungen wie dieses riesige Gebäude direkt am Meer, das aussieht wie ein Kreuzfahrt-Schiff?

Ich habe das früher selber probiert, eine Woche ausspannen zu wollen in einem Wellness-Hotel. Aber wenn man mit Abstand darauf blickt, ist das eine sehr groteske Veranstaltung. Man bildet sich ein, in wenigen Tagen den Stress einer langen Periode abbauen zu können, und denkt, die kurze Spanne würde ausreichen, um sich zu erholen. Man tut jedoch nur dem Hotelbesitzer etwas Gutes, wenn man dafür 5000 bis 7000 Euro ausgibt. Ob man sich selber damit hilft, ist eine andere Frage.

Ihre männliche Hauptfigur ist von Beruf Schauspieler, und zwar ein sehr berühmter. Er ist privilegiert und wird praktisch überall erkannt. Gehört es zur Tragik erfolgreicher Filmschaffender, dass sie dank ihrer Privilegien immer ein glückliches Gesicht machen müssen?

Es geht darum, welche Idee wir uns von einem erfolgreichen Schauspieler machen. Natürlich hat er ein außergewöhnliches Leben, aber oft kann man sich nicht vorstellen, dass es solch einem berühmten Menschen nicht gut geht. Insofern liegt eine gewisse Komik und Ironie in dieser Figur, weil man im Film seine echten Probleme und seine Desillusion sieht, und trotzdem alle ein Selfie mit ihm machen wollen. Dafür muss er lächeln und etwas Positives ausdrücken, egal wie es ihm gerade geht. Das ist jedoch nicht nur das Problem von berühmten Filmschaffenden, sondern eine Metapher für uns alle. Wenn wir ein Selfie machen, versuchen auch wir, zu lächeln oder gut rüberzukommen. Wenn ich Sie anschaue, sehen Sie nicht unbedingt unglücklich aus, aber es könnte ja sein, dass Sie vor fünf Minuten etwas sehr Tragisches erfahren haben. Und bei mir könnte es auch so sein. Trotzdem machen wir dieses Interview und versuchen, gut gelaunte Mienen aufzusetzen. Ist es nicht Bestandteil unser aller Leben, dass wir versuchen, besser auszusehen, als es uns vielleicht geht? Bei Schauspielern ist es nur hundert Mal extremer.

Sie haben einmal gesagt, jede Figur sei in gewisser Weise ein Abbild Ihrer selbst. Was von Ihnen steckt in Mathieu?

Mich interessiert an der Fiktion, dass ich sie nicht wie eine Fiktion begreife, sondern wie eine Art Dokumentarfilm über Schauspieler. Das heißt, sie stellen natürlich etwas dar, aber mich interessiert, dass man herausbekommt, wer sie eigentlich wirklich sind und was in ihnen steckt. Natürlich rede ich in der fiktiven Figur auch von mir und meinen Stimmungen oder Gedanken oder Gefühlen, aber ich muss das nicht alles selber erlebt haben. Ich möchte, dass die Schauspieler etwas ausdrücken, was mich beschäftigt, ohne dass das autobiografisch ist, sondern eher die Frage reflektiert, wie ich die Welt sehe und welche Fragen ich mir stelle. Die Schauspieler drücken etwas von mir aus und zugleich projiziere ich etwas in sie hinein. Dadurch entsteht eine wechselseitige Nähe. In gewisser Weise bin ich ein bisschen Schauspieler und sie spielen ein bisschen mich. Es ergibt sich dadurch eine Art Brüderlichkeit. Man ist sich nicht fremd, was die Psychologie der Figuren angeht. Das ist mir wichtig. Um es etwas einfacher zu sagen: Wenn ich von mir rede, heißt das nicht, dass das autobiografisch ist. Und die Fragen, die ich mir stelle, haben nicht unbedingt etwas mit meinem persönlichen Leben zu tun, das dann auf der Leinwand abgebildet wäre.

Es geht bei beiden Hauptfiguren um das Thema Komfortzone. Mathieu wollte seine Komfortzone, das Kino, verlassen. Er wollte Theater spielen und ist damit gescheitert. Auch Alice riskiert etwas, wenn sie die alten Wunden wieder aufreißt, indem sie sich mit ihm trifft. Wie sehen Sie dieses Spannungsverhältnis: einerseits etwas wagen und andererseits in eine sichere Zone zurückkehren?

Das ist sehr mutig von Alice, zumal sie nicht den Kontakt mit ihm aufnimmt in der Illusion, die alte Liebesgeschichte wieder neu zu beleben. Sondern sie hinterfragt in diesem Moment sich selbst und die Situation ihres Lebens, in der sie sich befindet. Das geschieht allerdings eher intuitiv als bewusst. Mathieu wiederum denkt ebenfalls über sein Leben nach. Er weiß, dass er in einer Einbahnstraße gelandet ist. Beide sind am Punkt einer Lebenslogik angelangt, die ähnlich der Station ist, als sie einander damals verlassen haben. Damals war es logisch, dass sie sich trennen mussten. Und nun sind sie an den Endpunkt dieser Logik gekommen. Sie haben sich etwas aufgebaut, aber sie merken, dass ihr jetziges Leben keinen Sinn mehr ergibt. Beide befinden sich in einer komfortablen Lage, trotzdem kann es so nicht weitergehen.

Die beiden können gut miteinander reden, aber die Chemie zwischen ihnen betrifft vor allem auch das Schweigen und die Körpersprache. Hatten Sie von vornherein die Überzeugung, dass Guillaume Canet und Alba Rohrwacher derart miteinander harmonieren würden, dass man das Gefühl bekommt, diese beiden passen viel besser zueinander als ihre aktuellen Partner?

Das ist immer ein Geheimnis. Man fragt sich, wird es klappen zwischen Guillaume Canet und Alba Rohrwacher, die sich vorher nie kennengelernt haben. Die beiden haben nie miteinander geprobt, sie haben sich nie in meinem Beisein miteinander abgesprochen. Es war lediglich meine Hypothese und Intuition, dass es funktionieren würde. Man kann über verschiedene Gründe dafür nachdenken, warum die beiden so gut harmonieren. Vielleicht fanden sie das Drehbuch interessant, vielleicht hielten sie die Geschichte für glaubhaft oder vielleicht stimmte einfach die Chemie zwischen ihnen. Letztlich bleibt es ein Geheimnis, warum meine Intuition richtig war. So ist es eben im Kino, man geht ein großes Risiko ein. Ein Maler, der zwei Farben benutzt, möchte auch, dass sie miteinander harmonieren. Aber wenn es nicht klappt, kann er immer wieder von vorn anfangen. Ich als Regisseur dagegen kann das nicht. Ich müsste den Film trotzdem machen, auch wenn sich meine beiden Hauptdarsteller vor der Kamera nicht verstehen würden.

Die Natur und das Meer spielen eine große Rolle für die Bildsprache des Films. Welche Bilder wollten Sie zusammen mit ihrem Kameramann kreieren? Was haben Sie mit ihm besprochen?

Wichtig war das Dekor, sei es das der Innenräume im Hotel oder sei es das der Außenaufnahmen. Die Bilder sollten die psychische Situation der Figur reflektieren, die Guillaume Canet spielt. Ich muss mit meinem Chefkameramann Antoine Héberlé schon vorab bestimmte Dinge geklärt haben. Das betrifft vor allem die Textur der Bilder, also die Körnigkeit und die Farben. Wir fragen uns, wie wir es schaffen, die Figuren sozusagen in diese Textur hinein zu tunken. Es ist wichtig, dass ich das vorher weiß. Aber auch das geschieht eher aus Intuition als aus Vergleichen mit anderen Filmen oder mit Gemälden. Mir geht es darum, dass die Psychologie der Figuren durch die Bilder ausgedrückt wird. In diesem Film war klar, dass es zwar um Melancholie geht, dass aber die Grundstimmung nicht traurig sein soll. Das Weiß, was man sieht, ist ein sehr leuchtendes und dynamisches Weiß. In gewisser Weise soll sich etwas auf die Bilder übertragen, was eigentlich Fragen der Psychologie oder der Philosophie sind.

 

Zur Person:

Stéphane Brizé wird 1966 in Rennes als Sohn eines Postboten und einer Hausfrau geboren. Er studiert zunächst Elektronik und ist als Bild- und Tontechniker beim Fernsehen tätig. Nach dem Besuch einer Schauspielschule in Paris strebt er eine Laufbahn beim Theater an. Er entscheidet sich aber letztlich für das Medium Film. Bereits sein Spielfilmdebüt „Le Bleu des Villes“ (1999) ist für eine Goldene Palme nominiert. Als Schauspieler ist er unter anderem in „Hippolytes Fest“ (1995) von Laurent Bénéguis zu sehen, an der Seite von Stéphane Audran und Michel Aumont. 2010 wird er, zusammen mit Mitautorin Florence Vignon, für „Mademoiselle Chambon“ mit dem César für das beste adaptierte Drehbuch ausgezeichnet. Drei Jahre später erhält er für seinen nächsten Film „Der letzte Frühling“ (2012), in dem Vincent Lindon wie bereits in „Mademoiselle Chambon“ die Hauptrolle spielte, zwei César-Nominierungen. Es folgen weitere Filme mit Lindon, unter anderem die sogenannte Sozial-Trilogie (siehe oben), sowie eine Vielzahl von Nominierungen und Preisen.

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Interview mit Stéphane Brizé zu „Zwischen uns das Leben“

Geschrieben von Peter Gutting

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Start: 01.01.1970