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Alle die Du bist

Geschrieben von Peter Gutting am 1. März 2024

Nadine (Aenne Schwarz) hält als Mechatronikerin die Fahrzeuge eines rheinischen Bergbauunternehmens in Schuss. Bei der Arbeit hat sie vor sieben Jahren ihren Mann Paul (Carlo Ljubek) kennengelernt. Das Paar zieht liebevoll die Töchter Mica (Naila Schuberth) und Elena (Alexandra Huber) groß, steckt aber in gleich zwei heftigen Krisen. Der Kohleausstieg bedroht die Zukunft ebenso wie die Zweifel Nadines an ihrer Liebe zu Paul. Immer öfter wird ihr der eigene Mann fremd. Dann sucht sie nach den Rollen, die er früher – und manchmal heute noch – für ihr Liebesbedürfnis spielt: den kleinen Jungen (gespielt von Sammy Schrein), den jungen Geliebten (Youness Aabbaz) und die mütterliche ältere Frau (Jule Nebel-Linnenbaum). Neben den Erinnerungs- und Fantasiebildern gibt es auch noch den wirklichen Paul. Der kämpft wie ein Löwe um Nadines Liebe im experimentierfreudigen, surreal angehauchten Sozialdrama von Michael Fetter Nathansky, das in der Berlinale-Sektion „Panorama“ Premiere hatte.

Es gibt so viele Filme über die Liebe, dass es kaum verwundert, wenn Regisseure das Bedürfnis entwickeln, eine Paargeschichte mal ganz anders zu erzählen als gewöhnlich. Wie zum Beispiel François Ozon, der 2004 in „5×2 – Fünf mal zwei“ die Historie in umgekehrter Chronologie vom Ende her schilderte, beginnend mit der Scheidung und endend mit der ersten Begegnung. Ozon hatte vor diesem Experiment allerdings schon sechs andere Filme verwirklicht, während Regisseur und Drehbuchautor Michael Fetter Nathansky schon bei seinem Kinodebüt alles auf eine ungewöhnliche Karte setzt. Allein dieser Mut ist bewundernswert, aber mehr noch die intuitiv einleuchtende Umsetzung einer Idee, die in der Beschreibung komplizierter wirkt als auf der Leinwand. Die Handlung setzt mit einer Panikattacke und deren unerwartete Folgen ein, die Paul bei einem Bewerbungsgespräch erleidet. Dazwischen wird in Rückblenden die Vorgeschichte des Paares erzählt, klar abgesetzt in einem schmaleren Format. Surreale Einschübe gibt es auf beiden narrativen Ebenen.

Auftritt Aenne Schwarz als Nadine: Zielstrebig, ruhig und fokussiert fährt sie eine Rolltreppe hoch, geht durch lange Gänge, macht klare Ansagen an Leute, die sie von ihrem Vorhaben abbringen wollen. Die Kamera ist in einer halbnahen Einstellung immer bei ihr, als Hinweis, aus wessen Perspektive die Geschichte erzählt wird. In der jungen Mutter scheint eine stille Kraft zu stecken, die letzte Kräfte mobilisiert, ohne in Hektik zu verfallen oder über zu reagieren. Gerade hat sie von der erwähnten Angstattacke ihres Mannes während eines Bewerbungsgesprächs erfahren. Er ist aus dem Zimmer gelaufen und hat sich in einem Kellerraum verbarrikadiert.

Aber Nadine ist das Gegenteil von panisch. Sie behält die Kontrolle und erwirkt sogar, dass das Gespräch wiederholt werden kann. In jener Eingangssequenz führt der Film auch die formalen Mittel vor, die ihn so besonders und so faszinierend machen. Als Nadine sich Paul nähert, hat er sich in einen wilden Stier verwandelt, als sie ihn in den Arm nimmt, ist er der kleine Junge, danach entschuldigt er sich als Mitte 20-Jähriger beim Chef der Firma, der das Bewerbungsgespräch führte. Und später, als das Paar nach Hause fährt, verwandelt er sich in eine fürsorgliche Mutterfigur, die sich ans Steuer setzt, damit sich Nadine ein bisschen ausruhen kann.

Man mag das für formale Spielerei und übertriebenen Symbolismus halten. Aber ähnlich wie bei „The Ordinaries“ (2022) von Sophie Linnenbaum, einem anderen experimentierfreudigen Kinodebüt, dient der Verfremdungseffekt keinem Selbstzweck, sondern veranschaulicht ebenso humorvoll wie ernsthaft eine Beobachtung, die wir an uns selbst und anderen schon gemacht haben, ohne sie uns in dieser Klarheit vor Augen zu führen. In Liebesbeziehungen sind wir eben nicht nur die vernünftigen Erwachsenen, sondern schleppen den Rucksack unserer Kindheit mit uns herum, im guten wie im problematischen Sinne. Wir wollen wie Kinder über die Stränge schlagen, aber auch bemuttert werden, und wir sind für den anderen vieles gleichzeitig, spielen unterschiedliche Rollen, die sich manchmal kaum unter einen Hut bringen lassen. Michael Fetter Nathansky, der bei „The Ordinaries“ am Drehbuch mitarbeitete, feiert diese Widersprüche, ohne sie auflösen zu wollen. Sie machen für ihn den Zauber der Liebe aus.

Natürlich ist es traurig, wenn die Schmetterlinge im Bauch verflogen sind und eine Beziehung zu scheitern droht. Aber dank seiner formalen Struktur erscheint „Alle die Du bist“ als verspielte und keineswegs nur pessimistische Studie über eine Kleinfamilie im Arbeitermilieu, in der sehr viel mehr Widerstandgeist und Kampfeswillen steckt als in den sozialen Schichten, die gewöhnlich die Kinoleinwand bevölkern. Das offene Ende des zwischen Realismus und Magie changierenden Films verwandelt sich dadurch nicht in ein Happy End. Aber es hält Hoffnung bereit für zwei sehenswerte Eltern, die in schwierigen Zeiten umeinander kämpfen.

„Alle die Du bist“ ist ein mutiges Experiment und ein gelungener Film über die Liebe. Regisseur Michael Fetter Nathansky verknüpft in seinem Kinodebüt realistische Momente elegant mit magischen Sichtweisen und surrealen Passagen.

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Wir vergeben daher 8,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Port au Prince Pictures, Contando Films/Studio Zentral/Network Movi

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Länge: 108min

Kategorie: Drama, Liebesfilm

Start: 30.05.2024

cinetastic.de Filmwertung: (8,5/10)

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Info

Alle die Du bist

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 108min
Kategorie: Drama, Liebesfilm
Start: 30.05.2024

Bewertung Film: (8,5/10)

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