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Touched

Geschrieben von Peter Gutting am 22. Februar 2024

Sie sind eines der ungewöhnlichsten Liebespaare der Filmgeschichte: Die übergewichtige Maria (Ísold Halldórudóttir), Schwester in einem Reha-Krankenhaus, entwickelt heftige Gefühle für den querschnittsgelähmten Alex (Stavros Zafeiris), für dessen Pflege sie verantwortlich ist. Regisseurin Claudia Rorarius legt die konfliktreiche Beziehung als Plädoyer für einen unbefangenen Umgang mit versehrten und nicht in die Norm passenden Physiognomien an, für die Anerkennung sexueller Bedürfnisse auch bei denen, denen man diese gerne abspricht. Sie feiert die poetischen Momente einer diversen Körperlichkeit, lotet aber auch die Schattenseiten ungleicher Machtverhältnisse und seelischer Gewalt aus. Ihr dokumentarisch unterfütterter Spielfilm lässt niemanden unberührt, weder die Protagonisten noch das Publikum.

Vor allem von der schweigsamen Maria erfahren wir wenig. Nichts von ihrer Vorgeschichte, nichts von Freunden oder Familie, nichts von der Beziehung zu ihrem schweren Körper. Die junge Frau drückt sich lieber nonverbal aus. Etwa an der Ballettstange, die in ihrem Schlafzimmer angebracht ist. Anmutig dreht sie sich um die eigene Achse, geht auf Zehenspitzen, lässt Arme und Beine kreisen. In solchen Momenten erfährt man, wie sehr sie ihren fülligen Körper liebt, wie sie einig ist mit sich, ganz so wie die isländische Darstellerin Ísold Halldórudóttir, die hier ihr Filmdebüt gibt und seit 2017 als Body-Positivity-Model den Status Quo gängiger Schönheitsideale in Frage stellt. Ihre Liebe zum Tanz wird zu einem Leitmotiv des Films: zu einer Utopie, die von Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und Glück erzählt.

Vor allem in der ersten Hälfte bewegt sich das Liebesdrama jenseits realistischer Hindernisse. Nur einmal droht eine Vorgesetzte der Pflegerin, dass sie entlassen werde, wenn sie sich noch einmal im Bett mit Alex erwischen lasse. Eine Ankündigung ohne Folgen: Das Liebespaar sucht sich einfach einen Kellerraum mit Matratze für seine erotischen Abenteuer. Der erste Kuss und der erste Sex finden auf einer Wiese statt – ohne jeden Hinweis darauf, wie der querschnittsgelähmte junge Mann dorthin gekommen sein mag. Die rosa Brille der Verliebtheit ist in solchen Augenblicken auch die des Films. Statt aus äußerem Druck kommen die ersten Krisen und Enttäuschungen aus der inneren Dynamik der Beziehung – und vor allem aus einer toxischen Vorstellung von Männlichkeit, von der Alex‘ Charakter dominiert wird.

In Interviews führt Regisseurin Claudia Rorarius die oft verstörende Frauenfeindlichkeit ihrer männlichen Hauptfigur nicht nur auf typische Probleme zurück, mit den Konsequenzen eines tiefen Einschnitts in die eigene Selbstbestimmung fertig zu werden. Sondern auf persönliche Erfahrungen mit ihrem Vater, der aufgrund einer Krankheit in den Rollstuhl gezwungen wurde und danach größere Anpassungsschwierigkeiten hatte als andere. Die verstörenden Erlebnisse der damals 14-jährigen Tochter flossen in den Film ein.

Daraus lassen sich die krassen Kontraste erklären, die den Film durchziehen. Romantik paart sich mit unverhülltem Machtmissbrauch, Poesie mit drastischer Härte. Der Film enthält beides: die träumerische Vision einer Liebe jenseits aller Vorurteile und die Realität von Verachtung und Spott für nicht-angepasste Körper. Dabei zeigt sich die utopische Dimension vor allen in den visuellen Mitteln. Sorgfältig komponierte Bildkompositionen im fast quadratischen 4:3-Format mit starken Signalfarben und minimalistischen Hintergründen rücken das Geschehen in einen Möglichkeitsraum, für den die Beschränkungen des realen Lebens nicht gelten. Diese wiederum verschaffen sich vor allem auf der verbalen Ebene Geltung, in brutalen Kränkungen und ungefilterten Hasstiraden.

Das Verdienst des zweiten Films von Claudia Rorarius liegt vor allem in dem Mut, ein kontroverses Thema anzupacken und ohne Rücksicht auf vermeintliche Publikumsbedürfnisse in aller Konsequenz durchzudeklinieren. Das ist weder bequem noch lustig noch entspricht es den Erwartungen an eine Romanze. Trotzdem wäre es wichtig gewesen, das Publikum nicht mit einer mehr als zweistündigen Schnittfassung zu belasten, sondern die überschaubare Geschichte schnörkelloser an ihr Ziel zu führen.

„Touched“ erzählt ungeschminkt und zeitweise drastisch von der turbulenten Liebesgeschichte zwischen einer übergewichtigen Pflegerin und ihrem querschnittsgelähmten Patienten. Der zweite Film von Regisseurin Claudia Rorarius besticht durch seinen Mut und seine unkonventionelle Offenheit, weist aber einige vermeidbare Längen auf.

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Wir vergeben daher 7,0 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Real Fiction Filmverleih, 2Pilots&SoQuietFilms

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Länge: 135min

Kategorie: Drama, Liebesfilm

Start: 02.05.2024

cinetastic.de Filmwertung: (7,0/10)

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Info

Touched

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 135min
Kategorie: Drama, Liebesfilm
Start: 02.05.2024

Bewertung Film: (7,0/10)

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