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Bis ans Ende der Nacht

Geschrieben von Peter Gutting am 4. Dezember 2023

Er will sie nicht als Komplizin. Aber sie will nur ihn. Und so kommt es, dass der schwule Polizist Robert (Timocin Ziegler) gegen seinen Willen mit Transfrau Leni (Thea Ehre) ein vermeintliches Liebespaar spielen muss. Die verdeckten Ermittler sollen den Zugang zum Drogenboss Victor (Michael Sideris) knacken. Leni spielt dabei für Robert den Türöffner. Sie hieß früher mal Lennart und arbeitete für Victor. Bei einem Tanzkurs, den auch Victor und seine Freundin Nicole (Ioana Iacob) besuchen, findet das „zufällige“ Wiedersehen statt. Alles läuft gut, die Paare freunden sich an. Der Coup kann gelingen, aber nur, wenn Robert seine Gefühle unter Kontrolle hält. Denn das ist das Schwere für ihn bei diesem Einsatz: Er war mal in Leni verliebt, als sie noch ein Mann war. Und die Gefühle brennen weiter. So sehr, dass aus dem Krimi-Thriller von Regisseur Christoph Hochhäusler fast eine Romanze wird. Wäre da nicht die kaputte Welt aus falschen Versprechen, doppeltem Spiel und einer Maskerade, hinter der sich die Grenzen zwischen echten und vorgespielten Gefühlen heillos verwischen.

Im Spiel jeder gegen jeden haben alle ihre je eigene Agenda. Sogar die Kamera macht sich selbstständig. In einer Szene, in der Robert und Leni einander zum ersten Mal näherkommen, fährt das technische Auge wiederholt von links nach rechts, ganz sacht an den Liebenden vorbei und dann nach einem Schnitt wieder links auf Anfang. Ein Symbol ist das nicht, aber eine Irritation und eine Inspiration zum Nachdenken. Gibt es da außerhalb des Bildes einen Fluchtweg? Ein Entkommen aus dem falschen Leben? Aus den starren Festlegungen von männlich, weiblich, trans?

Die Bildgestaltung von Kameramann Reinhold Vorschneider hält immer wieder solche Überraschungen parat, die gezielt den Realismus des dunklen, schmutzigen und rauen Halbwelt-Milieus überschreiten. Sie transportieren eine Romantik, die auch in den Schlagerwelten der Tonspur ihren Platz hat: kitschig, aber in den vielfältigen Brechungen und Kontrasten des Films auch irgendwie betörend. Vielleicht ist der Schauplatz nicht von ungefähr Frankfurt am Main, mit seinen Widersprüchen von Elend und Glanz, Drogensumpf und Bankentürmen.

Wo der klassische Krimi ins Melodram kippt, scheint Christoph Hochhäusler an die Stilisierungskunst von Rainer Werner Fassbinder anzuknüpfen, insbesondere an dessen Frankfurt-Film „In einem Jahr mit 13 Monden“ (1978), in dem ebenfalls eine Trans-Frau die tragende Rolle spielt. Beide Regisseure kristallisieren aus der Kälte des Großstadtdschungels eine unerfüllte, vielleicht unerfüllbare Sehnsucht heraus. Wo die Liebe scheitert, wächst das Verlangen nach ein bisschen Nähe ins Überlebensgroße. Besonders die Figur des schwulen Polizisten Robert scheint in einem inneren Gefängnis gefangen. Er kann eigentlich nur Lennart lieben, bei Leni gelingt ihm die Hingabe höchstens mit angezogener Handbremse, am schönsten eingefangen in der grandiosen Szene, in der sich Robert und Leni küssen und ihr Verlangen ausleben, aber lediglich durch ein geschlossenes Autofenster.

Ausgerechnet Victor, der Drogenboss und Kontrollfreak, deutet Robert einen Weg aus dessen Sackgasse an. Er liegt im Dazwischen, im Ausbrechen aus Schubladen. Für einen Moment scheint die kleine Utopie, die in den Bildern und auf der Tonspur liegt, auch in der Handlung auf. Das ist das Faszinierende und Irritierende in den Filmen von Christoph Hochhäusler, der seit „Falscher Bekenner“ (2006) ein Faible für das wahre Leben im Falschen hat. Gerade unter den Deckmänteln falscher Identitäten nähern sich seine Figuren ein Stück weit ihrem wahren selbst. Paradox, aber elektrisierend.

Nach einer Phase, in der das raffiniert konstruierte Drehbuch von Florian Plumeyer den Krimi-Plot fast schon aus den Augen verloren hatte, melden sich Polizei und Drogenmafia umso heftiger zurück. Als Person des Übergangs wird Leni nun zur eigentlichen Heldin des Films. „Ich hasse ihn“, sagt sie einmal über Robert, „weil ich wie ein Automat bin, wenn er die richtigen Knöpfe drückt“. Die Erkenntnis wird zum ersten Schritt der Veränderung. Thea Ehre spielt das mit einer bewundernswerten Mischung aus Verletzlichkeit und innerer Kraft. Die österreichische Schauspielerin und Trans-Aktivistin nutzt ihre erste große Kino-Rolle zu einem Auftritt, dessen Intensität sich offenkundig aus echten Erfahrungen speist. Bei der diesjährigen Berlinale gab es dafür zu Recht einen Silbernen Bären, kurioserweise allerdings für „die beste Nebenrolle“. Das ist leicht untertrieben. Thea Ehre ist das Kraftzentrums dieses komplexen Krimi-Melodrams. In ihrer Figur laufen die losen Fäden wieder zusammen.

In einem Mix aus Krimi und Melodram erzählt Regisseur Christoph Hochhäusler von einem schwulen Polizisten und einer Transfrau, die als verdeckte Ermittler auf einen Drogenboss angesetzt werden. Der Film spielt überzeugend mit den Grenzen von wahr und falsch und bietet die Bühne für den imponierenden Auftritt von Schauspielerin und Trans-Aktivistin Thea Ehre.

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Wir vergeben daher 8,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Grandfilm Verleih

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Länge: 119min

Kategorie: Drama, Krimi, Thriller

Start: 01.12.2023

cinetastic.de Filmwertung: (8,5/10)

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Info

Bis ans Ende der Nacht

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 119min
Kategorie: Drama, Krimi, Thriller
Start: 01.12.2023

Bewertung Film: (8,5/10)

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