cinetastic.de - Living in the Cinema

Black Box

Geschrieben von Peter Gutting am 6. Juli 2023

Ein Hinterhof wie in vielen deutschen Großstädten: Hier wohnen gebildete, liberale Leute, die im Großen und Ganzen gut miteinander klarkommen. Zum Beispiel der Lehrer Erik (Christian Berkel), der Musiker Karsten (André Szymanski) mit seiner Frau Karin (Anna Brüggemann), die arbeitslose Henrike (Luise Heyer) und ihr Mann Daniel (Sascha Alexander Geršak), der Bäckerei- und Cafébetreiber Elias (Jonathan Berlin) sowie der aus Dagestan stammende Künstler Ismail (Timur Magomedgadzhiev) und die Libanesin mit Spitznamen „Madonna“ (Manal Issa). Und das ist lange nicht das komplette Ensemble im Gesellschaftspanorama der türkischen Regisseurin Aslı Özge, das von prominenten Darstellern des deutschen Films geradeso wimmelt. Allesamt geraten sie unter Druck, als ihr Haus plötzlich von der Polizei abgesperrt wird und niemand den wahren Grund kennt, außer dem Hausverwalter Johannes Horn (Felix Kramer), der im Auftrag einer Immobilienfirma die Mieter vertreiben, alles sanieren und dann teuer verkaufen soll.

Ein imposantes Bild: Ein riesiger Kran hievt einen gläsernen Bürocontainer über das Vorderhaus und platziert ihn mitten im engen Hinterhof, wo erstmal die Müllcontainer unter das Fenster von Lehrer Erik bugsiert werden, um Platz zu schaffen für das vorgebliche transparente Tun von Verwalter Horn. Nicht jeder mag den smarten, betont sachlichen Vorposten der Immobilienhaie. Kaum tritt er vor die Tür seines neuen Büros, knallt schon ein Ei auf seine Jacke. Andere wollen es sich mit ihm nicht verderben. Sie hoffen, eine der zu renovierenden Wohnungen kaufen zu können. Das sorgt für Loyalitätskonflikte unter alten Freuden. Trotzdem schafft es Lehrer Erik vorerst, Unterschriften zu sammeln gegen die unzumutbare und offenkundig als Provokation gedachte Verlegung der Mülltonnen.

Was sich zunächst wie ein geradliniger Gentrifizierungskonflikt anlässt, entpuppt sich als differenzierte Diagnose eines gesellschaftlichen Zustands, ganz ähnlich wie schon in Aslı Özges Film „Men on the Bridge“ (2010), mit dem sie in Deutschland bekannt wurde. Denn die plötzliche Freiheitsbeschränkung durch den massiven und nicht weiter begründeten Polizeieinsatz mutet an wie ein unheimliches Echo auf die Pandemie. Von ihr sind die Menschen noch gezeichnet. Sie haben Angst und lassen sich einschüchtern. Und die Solidarität, die vor Covid einmal größer gewesen sein mag, bröckelt. Man lässt, abgesehen von Erik, eine Menge mit sich machen, wie eine Herde Schafe, die brav ihrem Schlächter entgegentrottet. Und die sich vor allem problemlos spalten lässt: Nicht wenige fallen auf das leicht durchschaubare Spiel des Verwalters herein – teile und herrsche.

Erfreulicherweise verteilt der Film keine Verhaltensnoten. Es geht hier nicht um Gut und Böse, um aufrechte oder korrupte Charaktere. Jede und jeder hat nachvollziehbare Gründe für sein Handeln. Und es ist bewundernswert, mit welcher Eleganz Regisseurin und Drehbuchautorin Aslı Özge ein derart großes Ensemble zusammenführt. Wie sie mit wenigen Strichen komplexe Charaktere zeichnet, in einem überwiegend dokumentarischen Stil, der über Großaufnahmen innere Entwicklungen verdeutlicht, der manchmal Anleihen beim Krimi nimmt und ein wenig Thrill ebenso einstreut wie eine gute Prise Humor.

So könnte man sich gut unterhalten lassen und über eigene Erfahrungen mit der Nachbarschaft

nachdenken, wäre da nicht der Spiegel, den Aslı Özge gerade einem aufgeklärten und linksliberalen Publikum vorhält. Nicht der Mangel an Solidarität gegenüber den Immobilienhaien ist die Kröte, die der Film seine Zuschauerinnen und Zuschauer schlucken lässt. Sondern der fehlende Aufschrei, wenn der Verwalter mit ausländerfeindlichen Sprüchen zu punkten versucht. Ungestraft darf er von „Problemwohnungen“ reden, die Türken gehören. Und ebenso tatenlos sieht eine vermeintlich tolerante Multi-Kulti-Gemeinschaft zu, wenn er gegen zwei Mieter mit dunklerer Hautfarbe vorgeht, die er kurzerhand in die Terroristen-Schublade steckt, ohne dafür den geringsten Beweis zu haben. Die Hexenjagd, die eine Kleinstadt in Aslı Özges „Auf einmal“ (2016) gegen einen deutschen Bankangestellten veranstaltete – diese unheilvolle Mixtur aus Vorurteilen und Wegschauen richtet sich sieben Jahre später wieder gegen Menschen mit anderer Hautfarbe. Die Regisseurin, die seit dem Jahr 2000 in Berlin lebt, wird vermutlich wissen, wovon sie redet.

„Black Box“ zeichnet anhand eines Gentrifizierungskonflikts ein Bild von Leuten unter Druck, deren Nachbarschaft zerbröselt. Aber sie bezieht ihre Diagnose nicht nur auf einen Hinterhof, sondern auf ein ganzes Land: auf eine Gesellschaft, die im ständigen Krisenmodus an Mitmenschlichkeit eingebüßt hat, vor allem gegenüber Frauen und Männern mit dunkler Hautfarbe.

 

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Wir vergeben daher 8,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Port au Prince Filmverleih, Julian Atanassov

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden.

Mit Facebook Anmelden um zu Posten!

Anmelden

Länge: 120min

Kategorie: Drama. Ensemblefilm

Start: 10.08.2023

cinetastic.de Filmwertung: (8,5/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Gewinnspiele

Gewinne Kinokarten, BluRays, DVDs,
Fan Packages und mehr!

Gleich mitmachen

Info

Black Box

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 120min
Kategorie: Drama. Ensemblefilm
Start: 10.08.2023

Bewertung Film: (8,5/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1