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Der Fuchs

Geschrieben von Peter Gutting am 28. März 2023

Ein Bergbauernhof im österreichischen Pinzgau, man schreibt das Jahr 1927. Hier wächst der kleine Franz (als Kind: Maximilian Reinwald, später Simon Morzé) in bitterarmen Verhältnissen auf. Vater Josef (Karl Markovics) und Mutter Liesl (Karola Niederhuber) müssen ein knappes Dutzend älterer Kinder durchbringen, da bleibt für den Jüngsten nichts übrig. Ohne Vorankündigung wird er an einen reichen Bauern in Knechtschaft gegeben – ein Trauma, das sich tief eingräbt in die Seele des jungen Mannes. Als er volljährig ist, bleibt ihm praktisch nur das Militär, das schon bald mit Nazi-Deutschland in den Krieg gegen Frankreich zieht. Auf dem Weg dorthin findet der Motorradkurier Franz im Wald ein Füchslein, das seine Mutter verloren hat. Er zieht es mit großer Zärtlichkeit auf und nimmt es überall mit hin.

Regisseur Adrian Goiginger („Die beste aller Welten“, 2017) braucht lediglich drei Einstellungen, um zu erzählen, was Hunger bedeutet. In der ersten läuft der achtjährige Franz überglücklich zu seiner Mutter. Genau 31 Kartoffeln habe er für das Geld bekommen, das sie ihm mitgab – viel mehr als erträumt. In der zweiten sitzt die riesige Familie dicht gedrängt beim Essen, die Kartoffeln werden verteilt, erst an den Vater, dann an den ältesten Sohn undsoweiter bis zum Jüngsten. Der bekommt: exakt eine Kartoffel. Szene drei: Franz holt Wasser, barfuß, mit einem viel zu schweren Eimer. Nach ein paar Schritten kippt das entkräftete Kind einfach um. Es ist diese Erzählökonomie, die einen Teil des Reizes von Goigingers Herzensprojekt ausmacht, an dessen Drehbuch er vier Jahre schrieb und das er schon als Kind plante. Durch die Verknappung entstehen Szenen, die herzzerreißend traurig sind und zum Niederknien schön, manchmal beides in einem. Zum Beispiel, wenn der mundfaule, von der Arbeit verhärmte Vater plötzlich ganz zart mit seinem Jüngsten spricht, weil der mit Fieber im Bett liegt und sich vor dem Tod fürchtet.

Man könnte die Grundidee für eine Schnulze halten: ein Soldat rettet einen Fuchswelpen, während seine Truppe rings herum mordet und brandschatzt. Aber die zarte Liebesgeschichte zwischen Mann und Tier ist nicht zu Herzschmerzzwecken erfunden worden, sondern pure Realität. Franz Streitberger, der Uropa von Adrian Goiginger, hat sie dem damals 15-jährigen Urenkel erzählt, zusammen mit anderen Details aus seinem langen Leben, das hundert Jahre währte. Es war Anfang des 20. Jahrhunderts keine Seltenheit in bettelarmen Bergregionen, dass man Kinder verkaufte, um sie vor dem Verhungern oder dem Tod durch Entkräftung zu retten. Brot statt Liebe, so hat Goigingers Uropa das erlebt. Oder, wie er in einem Brief an den Vater schreibt, dem er lange nicht vergibt: „Ich hatte genug zu essen, aber sonst nichts“. Die zerrissene Bindung hinterlässt schmerzhafte Spuren in dem jungen Soldaten. Er hat nicht gelernt, mit anderen Menschen wie den Kameraden zu reden und sich einzupassen in die Ersatzfamilie der motorisierten Kuriere. Als ihm einer seine Eigenbrötelei vorhält, weiß er nicht wohin mit der Wut, die in ihm aufsteigt. Er rennt weg und drischt auf Bäume ein, sich selbst ein Rätsel.

Auch Goigingers dritter Film nach „Die beste aller Welten“ und „Märzengrund“ (2022) balanciert auf der enormen Fallhöhe zwischen inniger Liebe und brutalem Verlust. Aber anders als in „Märzengrund“ grundiert ein harmonischer Akkord die geradlinige, von Auslassungen geprägte Erzählung. Was die Menschen an Franz verbrochen haben (wenn auch aus Not), lässt sich wieder gut machen. In der Beziehung zu dem Füchslein, das bald wie ein Hund um ihn herumtollt, lernt der junge Mann, aus seinem inneren Panzer auszubrechen, Gefühle zuzulassen, Verantwortung zu übernehmen, quasi wie in einer Therapie mit Pferden oder anderen Tieren. Das klingt nach Küchenpsychologie, aber so inszeniert Goigingers feinfühlige und wortkarge filmische Handschrift die nachgeholte emotionale Reifung nicht. Je wuchtiger die Emotion, desto leiser die Geigen. Je existenzieller der innere Konflikt, desto dezenter die Bildsprache im schmalen 4:3-Format, das mit seinen abgerundeten Ecken an alte Fotos erinnert.

Hauptdarsteller Simon Morzé („Der Trafikant“, 2018) trägt den Film mit stiller Präsenz. Nie lässt die bewegte Kamera (Yoshi Heimrath, Paul Sprinz) sein zurückgenommenes Mienenspiel aus den Augen. Die starre Mimik ist abweisend und durchlässig zugleich. Sie lässt tief in das Unsichtbare, der Figur selbst Verborgene blicken: in die Sehnsucht nach Bindung und die gleichzeitige Angst davor, in die Wunden der Seele und die Narben der Verhärtung, in zarte Momente der Fürsorge und brodelnde Wut. Im Spiel des Hauptdarstellers spürt man die Sorgfalt und Ehrfurcht, mit der er sich dem inzwischen verstorbenen Franz Streitberger annähert. Dessen Bild und Stimme dürfen wir im Abspann dann auch „in echt“ kennenlernen.

„Der Fuchs“ ist ein zarter Historienfilm aus dem Zweiten Weltkrieg, der sich ganz auf das subjektive Erleben eines traumatisierten jungen Mannes verlässt. Ohne sentimental zu werden, rührt Adrian Goigingers Verbeugung vor seinem Urgroßvater zu Tränen, wie schon die Hommage an seine Mutter in „Die beste aller Welten“.

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Wir vergeben daher 9,0 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Alamode Filmverleih

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Länge: 117min

Kategorie: Drama, Historienfilm, Tierfilm

Start: 13.04.2023

cinetastic.de Filmwertung: (9,0/10)

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Der Fuchs

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 117min
Kategorie: Drama, Historienfilm, Tierfilm
Start: 13.04.2023

Bewertung Film: (9,0/10)

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