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Interview mit Clemens Schick zu „Servus Papa, see you in hell“

Geschrieben von Peter Gutting am 22. November 2022

Wer schon einmal einen Film mit Clemens Schick gesehen hat, wird sich, auch wenn er alles andere vergisst, an seine Augen erinnern. Stahlblau sind sie, und oft haben sie einen durchdringenden, stechenden, dämonischen Blick. Kein Wunder, dass er schon oft den Bösen gespielt hat, etwa den „Kratt“ im James Bond „Casino Royal“ (2007). Ein Guter ist natürlich auch der Aktionskünstler und Kommune-Gründer Otto Mühl nicht, dem Clemens Schick in „Servus Papa, see you in Hell“ von Christopher Roth seinen Körper und seine Stimme leiht. Jeanne Tremsal hat das Drehbuch geschrieben und der Film basiert auf ihrer persönlichen Geschichte. Mit zwei Jahren wurde sie von ihren Eltern in die Otto-Mühl-Kommune gegeben und wuchs dort auf, bis sie 14 war. Zu diesem Zeitpunkt setzt der Film ein. Er schildert, wie sich Jeanne in den zwei Jahre älteren Jean verliebt, was als Todsünde gilt. Sex ist in der Kommune erlaubt, Liebe aber nicht. Denn Otto Mühl macht die auf Bindungen und Emotionen beruhende Kleinfamilie für alle Übel der Gesellschaft verantwortlich. Der Kommunegründer will nicht nur, dass jeder mit jedem schläft. Er macht sich auch mit Vorliebe an Minderjährige heran. Jeanne droht, sein nächstes Opfer zu werden. Im Vorfeld des Filmstarts sprachen wir mit Clemens Schick über zerrissene Persönlichkeiten, Vertrauensbruch und die Frage, warum wir Menschen Dinge tun, obwohl wir wissen, dass sie falsch sind. 

Wie bist du zu dem Film gekommen? Gab es ein klassisches Casting?

Ich kenne Christopher Roth schon lange. Von der Idee zu diesem Film haben er und Jeanne Tremsal mir schon vor vielen Jahren erzählt. Damals ging es aber noch nicht darum, ob und in welcher Funktion ich mitspiele. Anfang 2020 wurde mir das Drehbuch zugeschickt. Nach der Lektüre sah ich mich nicht unbedingt in der Rolle von Otto Mühl. Aber Christopher Roth wollte mich genau darin haben. Und ich sagte ihm, okay, wenn du mich da siehst, gehen wir diese Reise.

Gab es Bedenken, dass es fürs Image nicht gut sein könnte, einen Mann zu spielen, der Kinder und Jugendliche missbrauchte?

So denke ich nicht. Für mich ist entscheidend, dass der Film aus der Perspektive der jungen Jeanne erzählt wird. Zum zweiten ist es für mich als Schauspieler unglaublich reizvoll, jemanden zu verkörpern, der so zerrissen ist. Der nicht nur Täter und Vergewaltiger ist, sondern Charisma ausstrahlt und großartige Ideen hat. Irgendwann wollte Otto Mühl sicher einmal eine andere Gesellschaft. Wohin dann die Reise ging, widerspricht komplett dem, was er ursprünglich versprochen hat. Das ist ein Verrat an allen, die dieser Idee gefolgt sind. Ich finde es extrem wichtig, solche Geschichten zu erzählen: Wie es dazu kommen kann, dass hochintelligente Menschen jemandem folgen, obwohl man heute sagt, der Irrweg muss doch offensichtlich gewesen sein. Solche Erzählungen können zum Verständnis beitragen, wie so etwas passieren kann. Dadurch lässt sich auch begreifen, wie man es verhindern kann.

Rein handwerklich gesehen muss es für einen Schauspieler eine Traumrolle sein. Oder?

Für mich ist die Rolle vergleichbar, in Bezug auf die Herausforderung, mit der von Richard III., den ich in Hannover am Staatstheater gespielt habe. Ich nehme Richard III. genauso ernst, wie ich jetzt Otto Mühl ernst nehme. Bei beiden Rollen muss ich mich damit auseinandersetzen, wie sie denken und mit welcher Brutalität sie ihr Leben führen. Das trotzdem spielen zu dürfen, ist wegen der Zerrissenheit und der vielen Facetten ihrer Persönlichkeiten ein unglaubliches Geschenk. Dazu kommt die Zusammenarbeit mit Christopher Roth, der mir große Freiheit gelassen hat.

Im Presseheft sagt Christopher Roth, der echte Otto Mühl sei viel unsympathischer gewesen als die Figur, die du spielst. Wie habt ihr euch der Figur genähert?

In der Vorbereitung habe ich mich mit dem Otto Mühl beschäftigt, der dokumentiert war. Sie haben in der Kommune sehr viel gefilmt und festgehalten. Ob er tatsächlich so war, wie er dort festgehalten wurde, weiß ich nicht. Natürlich habe ich viele Gespräche geführt mit Jeanne und Christopher, habe viel gelesen über die Kommune und dann gibt es natürlich das Drehbuch. Diesen Aspekten folge ich und bringe sie ein die Figur. Ganz bewusst habe ich damit gespielt, dass ich nicht aussehe wie Otto Mühl und auch nicht so spreche wie er. Nicht permanent mit österreichischem Akzent zu reden, wie es Otto Mühl getan hat, ist eine Entscheidung, die die Frage reflektiert, wie weit ich jemand sein kann, der ich nicht bin. Mich hat sehr berührt, dass Jeanne Tremsal in einem Interview gesagt hat, sie habe die Figur der Jeanne mutiger gemacht, als sie war. Das ist die eigentliche Botschaft des Films. Er zeigt, wie es jungen Menschen gelingt, sich erfolgreich gegen Missbrauch zu wehren.

In der Phase, die der Film zeigt, hatte Otto Mühl eine Art absoluter Herrschaft über die Kommune, die durch nichts begrenzt war. Wie fühlt sich das an, wenn man das spielt?

Mich reizt an meinem Beruf, mich in einer extremen Form mit Menschen auseinanderzusetzen und zu versuchen, diese zu sein. Das sind oft Menschen, die mit mir wenig gemeinsam haben. Bei den Dreharbeiten 2020 waren wir für sechs Wochen wie abgeschlossen von der Welt. Es war eine der ersten Produktionen unter Corona-Bedingungen. Im Grunde haben wir auf der Insel, wo gedreht wurde, ähnlich wie in einer Kommune gelebt in dem Sinne, dass wir zusammen gegessen, gewohnt und die Freizeit miteinander verbracht haben. Und dann immer wieder in große Szenen mit sehr vielen Menschen hineinzugehen und sich in dieser Rolle zu verlieren und an das zu glauben, was Otto sagt, und zu spüren, wie die Leute einem folgen – das war berauschend. Aber ich verliere mich nur bis zu einem gewissen Grad und nicht komplett, das ist ein Schutz für mich und die anderen.

Otto Mühl hat, so wie er gezeigt wird, nicht nur schlechte Seiten. Er hilft zum Beispiel seinen Leuten, kreativ zu sein und neue Seiten an sich zu entdecken. Wie kriegt man es hin, die verschiedenen Seiten in einer Person zu integrieren?

Man muss sich in die damalige Zeit hineinversetzen. Wir sind ja noch relativ nah am Dritten Reich. Die Eltern von Mühls Anhängern waren alle noch in die Nazi-Zeit involviert. Der Hunger nach Freiheit und nach einem Bruch mit Konventionen war ungeheuer stark. Und dann kommt jemand und sagt, ich habe die Lösung, ich bin quasi die Freiheit. Und wenn ihr mir folgt, dann leben wir eine andere Gesellschaft vor. Diese Sehnsüchte und Bedürfnisse kann ich total verstehen. Otto Mühl hat das aufgegriffen und auch befriedigt durch seine ungeheure Kreativität und das Ausprobieren neuer Weisen des Zusammenlebens.

Und dann hat er seine Macht missbraucht.

Es ging immer auf Kosten von Schwächeren und es wurde ständig Vertrauen gebrochen: an Eltern, die ihm ihre Kinder anvertraut haben, und an Kindern, die sich jemanden in der Kommune anvertraut haben. Am Ende war der Bruch des Vertrauens das vorherrschende Klima. Was das mit Kindern macht, ist das wichtigste Anliegen des Films. Und dass die Kinder aufstehen und sich wehren gegen das, was die Erwachsenen ihnen in der Kommune vorschreiben. Es ist ein Film über Befreiung. Deswegen ist er genau heute in unserer Zeit wichtig, mit der katholischen Kirche, den Internaten, aber auch mit Weinstein und MeToo. Überall wird Vertrauen gebrochen. Deshalb muss ich den Otto genau so spielen, dass die Kinder Stopp sagen müssen. Wenn ich die Figur anpassen würde an den heutigen gesellschaftlichen Diskurs, würde ich nicht mehr die Geschichte erzählen, die wirklich stattgefunden hat.

Waren die Kommune-artigen Drehbedingungen eine gute Erfahrung?

Es war fantastisch. Beim Film ist ja oft Zeit Geld. Wenn man am Tag zehn den ersten Drehtag hat, reist man gewöhnlich am Tag acht an. Bei uns waren aber Termine an Tag eins und zwei notwendig und weil man dann reingetestet war, blieb man einfach die ganze Zeit, auch wenn man zwei Tage frei hatte.

Haben für dich, nachdem du diesen Film gedreht hast, alternative Lebensmodelle ihren Reiz verloren und sich diskreditiert, auch wenn sie ganz anders strukturiert sind als bei der Mühl-Kommune?

Gesellschaftliches Zusammenleben ist generell schwierig und scheitert meistens, das erkennen wir an unserer Gesellschaft, so wie sie ist. Mich hat immer interessiert, welche unterschiedlichen Modelle von Gesellschaft es gibt. Als ich 22 war, wollte ich in einem Kloster leben, weil ich dachte, es muss etwas Besseres geben, als nur nach dem eigenen Reichtum und dem eigenen Erfolg zu streben. Im Kloster habe ich das eine Zeitlang gefunden, dass man gemeinsam für eine höhere Idee lebt. Als ich mich auf den Film vorbereitete, habe ich mich unter anderem mit kognitiver Dissonanz beschäftigt. Das bedeutet, dass wir etwas trotzdem tun, obwohl wir wissen, dass es falsch ist. Das sehe ich in unserer Gesellschaft überall. Wir wissen, dass es nicht richtig ist, so viele Tiere zu essen. Oder dass wir so nicht weiterleben können, wie wir im Moment leben, Stichwort Klimawandel. Damit muss man sich auseinandersetzen, auch wenn ich keine Antworten habe. Otto Mühl meinte, er habe Antworten, und zwar für alles.

Zur Person:

Clemens Schick wurde 1972 in Tübingen geboren und wuchs in Stuttgart auf. Sein Schauspielstudium begann er an der Akademie für darstellende Kunst in Ulm. Nach einem Jahr verließ er die Akademie und ging als 22-Jähriger für acht Monate in ein Kloster der Gemeinschaft von Taizé. Danach „setzte er an der Berliner Schule für Schauspiel sein Studium fort. Er erhielt Engagements an zahlreichen großen deutschen Bühnen und gehörte von 2002 bis 2006 zum Ensemble des Schauspielhauses Hannover. Seine Rollen in Film und Fernsehen sind fast nicht mehr zu zählen. Sie beginnen 2001 im Kriegsfilm „Duell – Enemy at the Gates” von Jean-Jacques Annaud, wo er einen deutschen Unteroffizier spielt.

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Interview mit Clemens Schick zu „Servus Papa, see you in hell“

Geschrieben von Peter Gutting

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Start: 01.01.1970