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Interview mit Stefan Sarazin und Peter Keller zu „Nicht ganz koscher“

Geschrieben von Peter Gutting am 29. Juli 2022

Stefan Sarazin und Peter Keller sind kein klassisches Regiepaar wie etwa die Coen-Brüder oder die Brüder Taviani. Sie haben unabhängig voneinander ihre ersten Gehversuche im Filmgeschäft absolviert, um dann ab 2007 ein gemeinsames Projekt zu beginnen, das sie auf eine lange Reise führte. „Nicht ganz koscher – Eine göttliche Komödie“ erzählt vom ultraorthodoxen Juden Ben (Luzer Twersky), der von New York nach Jerusalem kommt, um dort verkuppelt zu werden. Um dem zu entgehen, erklärt er sich für eine Mission bereit, die ihn nach Alexandria führen soll. Dort ist die jüdische Gemeinde so geschrumpft, dass ihr die Auflösung droht. Nur wenn zehn Gläubige zusammenkommen, um das Pessach-Fest zu feiern, kann die Gemeinde überleben. Ben, der weltfremde zehnte Mann, nimmt den abenteuerlichen Weg durch die Wüste Sinai. Dort trifft er den Araber und Beduinen Adel (Haitham Omari), der ihm das Leben rettet, aber über die merkwürdigen Vorschriften der jüdischen Religion nur den Kopf schütteln kann. Trotz aller Hindernisse und komischen Verwicklungen kommen sich die höchst ungleichen Männer näher. Zum Filmstart sprachen wir mit den Regisseuren Stefan Sarazin und Peter Keller über 40 Tage in der Wüste, einen Dreh unter Zeitdruck und eine Botschaft an die kleinen Leute im Nahostkonflikt.

 Ihr Film hat eine lange Reise hinter sich. Zunächst fing es mit Ihnen an, Herr Sarazin. Wie hat alles begonnen?

Stefan Sarazin: Nach meinem ersten Film „Nitschewo“ zog ich mich in die Wüste Sinai zurück, um meine Wunden zu lecken, denn der Film war kein Erfolg. Ich war schon früher dort gewesen und kannte einen Beduinen namens Adel, der die Vorlage für das spätere Drehbuch abgab. Und ich traf auf ein Boot in der Wüste, das „No Name Restaurant“ hieß, so wie der eigentliche Filmtitel. Das waren die Grundlagen für eine ähnliche Geschichte, an der ich lange schrieb und herumlaborierte. Mit dem jetzigen Film hat das aber nur bedingt etwas zu tun. Erst viele Jahre später kam ich durch meine sehr gute Bekannte Freyja Weinert auf die Grundidee für unseren gemeinsamen Film. Ich hatte ihr erzählt, dass ich in Alexandria war und dort gehört hatte, dass die jüdische Gemeinde quasi in der Auflösung begriffen ist, weil sie die zehn Leute, die sie für einen Gottesdienst brauchen, nicht mehr zusammenbringen. Freyja Weinert machte damals den Vorschlag, dass mein Jude doch als zehnter Mann nach Alexandria gehen könnte. Dass war quasi das „Heureka“, das es ermöglichte, dass aus meiner alten Geschichte die aktuelle wurde.

Wie sind Sie mit Peter Keller zusammengekommen?

Stefan Sarazin: Wir kannten uns schon. Zum ersten Mal trafen wir uns beim Filmfestival in San Francisco, wo wir beide einen ersten Preis für unsere jeweiligen Debüts gewonnen hatten. Seither verstanden wir uns gut. Ich erzählte ihm von der neuen Idee und bin mit ihm mehrfach in den Nahen Osten gefahren, an dieselben Stellen, wo ich schon war. Wir haben weiter recherchiert, noch mehr gelesen und sind nach New York gefahren, um eine ultraorthodoxe jüdische Gemeinde zu besuchen. Das Drehbuch haben wir dann 2009 gemeinsam geschrieben, in 40 Tagen in der Wüste, mit einem Beduinen als Zeugen und Koch.

Herr Keller, im Presseheft kann man lesen, dass Sie sich zuerst gegen das Projekt gesträubt haben. Warum?

Peter Keller: Ich habe nicht gleich angebissen, weil die Geschichte, als ich zum ersten Mal davon hörte, noch eine andere war. Erst als die neue Idee entstand, war ich überzeugt. Vor allem, weil eine Universalität dazukam, die über die konkrete Geschichte hinausging.

Stefan Sarazin: Durch die lange Dauer der Vorbereitung haben wir viele Erlebnisse und Informationen gesammelt, die wir uns nie hätten ausdenken können. Ein Beispiel: Die Geschichte von dem Vater, der zwei Bewerber um seine Tochter ans Lagerfeuer holt und sie mit Rauch einhüllt, um ihre Reaktionen zu testen und danach zu entscheiden – das hat uns der Beduine, der uns bekocht hat, beim Abendessen erzählt.

Peter Keller: Ich bin froh, dass ich 2007, als Stefan mich gefragt hat, ob ich den Film mit ihm zusammen mache, nicht in die Zukunft schauen konnte. Dass es eine so lange und harte Zeit sein würde, hätte mich wahrscheinlich abgeschreckt. Aber wir mussten da durch, damit letztlich dieser Film, den wir jetzt zeigen können, dabei herauskam. Das gilt auch für die beiden Hauptdarsteller. Es war ein langer Weg, sie zu finden, mit vielen Unwägbarkeiten und Niederlagen. Aber es war ein Glücksfall, dass wir am Ende der langen Strecke bei ihnen, Luzer Twersky und Haitham Omari, gelandet sind.

Wieso wollten Sie überhaupt einen Film zu zweit machen?

Stefan Sarazin: Wir haben uns einfach gut ergänzt. Hätte ich den Film alleine gemacht, wäre er niemals so gut geworden.

In Ihrem Film geht es um die drei monotheistischen Religionen, um Judentum, Islam und Christentum. In Bezug auf deren Verständnis sagen Sie, Sie hätten schwimmen gelernt, aber je weiter man hinausschwimme, desto tiefer werde der Ozean. Wie ist das gemeint?

Peter Keller: Wenn man beginnt, sich mit dem Judentum und dem Islam zu beschäftigen, merkt man, wie wenig man weiß und wie klischeehaft das bisherige Wissen war. Man betritt ein Riesengebäude mit vielen Räumen und merkt, dass das Ganze noch viel umfassender ist, als man dachte. Ein gutes Beispiel ist der Chassidismus, also das ultraorthodoxe Judentum. Von außen gesehen sind diese Gläubigen alle schwarz-weiß gekleidet und die meisten haben Schläfenlocken. Aber wie viele Gruppierungen es gibt, die sich zum Teil politisch diametral widersprechen, das erfährt man erst, wenn man sie kennenlernt. Daraus erklärt sich das Sprachbild. Ja, man kann schwimmen und wird nicht ertrinken. Aber dass in der Tiefe des Meeres noch mehr existieren muss, von dem man keine Ahnung haben kann, weil das Licht da nicht hin dringt – dieses Gefühl bekommt man erst, wenn man sich ein bisschen auskennt.

Schlägt sich das auch im Film nieder?

Peter Keller: Wir wollten die unterschiedlichen Gruppierungen des Judentums zumindest kurz anreißen, angefangen vom völlig säkularen Taxifahrer bis hin zu den unterschiedlichen chassidischen Gruppen. Das werden nicht viele Menschen verstehen. Aber die, die sich besser auskennen, werden merken, dass wir keine oberflächlichen Klischees bedienen. Es war uns wichtig, den Film nicht nur auf einer Ebene zu erzählen, sondern in mehreren Schichten und für unterschiedliche Vorkenntnisse im Publikum.

Welches Verständnis haben Sie durch ihre jahrelange Beschäftigung vom Nahost-Konflikt gewonnen? Sie blicken ja sicher anders darauf als ein durchschnittlicher deutscher Beobachter, der sich mit Grausen abwendet, wenn er immer und immer wieder dieselben Nachrichten hören muss.

Peter Keller: Der Konflikt wird ganz wesentlich politisch instrumentalisiert, so wie die meisten politischen Konflikte weltweit. Es gibt Interessensgruppen, die eine bestimmte Agenda haben und bestimmte Ängste und Vorurteile für sich vereinnahmen. Es werden Feindbilder geschürt. Uns ist oft begegnet, dass die kleinen Leute, die miteinander zu tun haben, weil sie Nachbarn sind oder Handel treiben, keine Probleme haben. Oft sind sie sogar miteinander befreundet. Aber auf der übergeordneten institutionellen Ebene beginnen die Schwierigkeiten, bis hin zu Raketen, die hin- und herfliegen, um es vereinfacht zu sagen. Das ist die tiefere Aussage unseres Films: Begegnet euch auf menschlicher Ebene, dann entzieht ihr dem politischen Missbrauch den Boden.

Stefan Sarazin: Man könnte auch sagen, bekämpft euch nicht gegenseitig, sondern bekämpft diejenigen, die dafür sorgen, dass ihr euch bekämpft. Unser Film ist absichtsvoll idealistisch und deutsch in seinem Blick auf den Nahen Osten. Wir wollten keinen Realismus abbilden, sondern in einer kleinen Geschichte, in der sich das große Ganze spiegelt, eine Utopie erzählen. Die kleinen Leute unseres Films kommen miteinander klar, zumal sie, wenn man auf die religiöse Ebene schaut, feststellen, dass sie an den gleichen Gott glauben.

Peter Keller: Wir spiegeln das auch auf einer höheren, institutionalisierten Ebene. Es gibt auf der einen Seite den Vorsteher der jüdischen Gemeinde und auf der anderen den arabischen Präfekten. Eigentlich müssen sie einander das Leben schwer machen. Aber selbst auf dieser Ebene wird das Freund-Feind-Bild nur vorgespielt. In dem Moment, wo Menschlichkeit in das institutionelle Verhältnis hineinkommt, stellt sich heraus, dass der arabisch-muslimische Präfekt gar nicht so viel gegen die jüdische Gemeinde hat, wie er in seiner offiziellen Rolle vorgibt.

Ich wusste gar nicht, dass der Sinai so schön ist. Wie war es für Sie, in der Wüste zu drehen?

Stefan Sarazin: In Wirklichkeit ist der Sinai nicht ganz so schön. Denn wir mussten in Jordanien drehen, wo die Wüste noch schöner ist. Dass wir nicht in Ägypten gefilmt haben, liegt an den Schwierigkeiten mit der Zensurbehörde. Die bekommt jeder, der in Ägypten einen Film herstellen will, der mit Juden zu tun hat.

Peter Keller: Dass Mubarak 2011 abdankte, veränderte die Situation. Es gab danach ein Machtvakuum, während die Lage unter Mubarak noch relativ stabil war, was die Arbeit von Filmteams im Land und das Verhältnis zu Israel betraf. Eigentlich wollten wir in der Region Sinai und in Alexandria drehen. Es war schmerzlich, uns davon verabschieden zu müssen unter den neuen Bedingungen, als die Zensurbehörde viel strikter agierte.

Welches Konzept haben Sie mit dem Kameramann erarbeitet?

Stefan Sarazin: Es gab ein Konzept, aber wir mussten es über den Haufen werfen. Der Dreh ging in zwei Teilen über die Bühne. Der erste Teil mit dem Kameramann Alexander Haßkerl fand fünf Tage in Haifa statt, das Alexandria darstellen soll. Dort konnten wir das ursprüngliche Konzept mit eher statischen Bildern umsetzen. Als wir dann mit dem anderen Kameramann Holger Jungnickel in Jordanien weiterdrehten, ging das nicht mehr. Denn wir hatten wenig Drehzeit und viel Material. In letzter Minute mussten wir noch 20 Drehbuchseiten rausreißen, ganz im Wortsinn. Durch den Zeitdruck war nun ein fluides Konzept gefragt.

Peter Keller: Wir hatten lange Zeit Bilder im Kopf, in denen wir uns die bombastischen Landschaften eher in statischen Bildern vorstellten. Deshalb war es ein Glücksfall, dass Holger dazukam, der ein Spezialist für eine mobile, aber stabilisierte Kamera ist. Dadurch mussten wir keine Schienen in der Wüste verlegen, sondern dieser Teil des Films bekam eine bewegte Form, die sehr intelligent gelöst ist. Wir haben trotz der mobilen Kamera einen wunderbaren Bildaufbau. Das ist die große Leistung von Holger.

Wird der Film auch in Israel und Ägypten gezeigt?

Stefan Sarazin: Wahrscheinlich nicht. Ich vermute, dort wird man mit dem Film nichts anfangen können.

Peter Keller: Wir werden den Film natürlich anbieten. Aber aus deren Sicht ist unsere Geschichte ein naiver Ansatz, den man wahrscheinlich nicht goutieren wird.

Stefan Sarazin: Die Israelis werden sagen: Was ist denn das für ein deutsch-romantischer Kitsch. Und die Palästinenser werden ihn so verstehen, dass die Juden wieder mal als die Guten dastehen und die Araber als etwas, was sie nicht sein wollen. Ich verstehe das zwar nicht, weil unser Film einen arabischen Helden als Hauptfigur hat. Aber so sind eben die politischen Rahmenbedingungen.

Werden Sie noch einmal einen Film gemeinsam drehen?

Stefan Sarazin: Wer weiß?

Peter Keller: Im Moment haben wir es nicht vor, weil wir mit eigenen Projekten beschäftigt sind.

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Interview mit Stefan Sarazin und Peter Keller zu „Nicht ganz koscher“

Geschrieben von Peter Gutting

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Start: 01.01.1970