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Interview mit Marten Persiel

Geschrieben von Peter Gutting am 11. Juli 2022

Der Spaßfaktor beim Drehen ist den Filmen von Marten Persiel bisher immer anzumerken gewesen. Kein Wunder, dass sie beim Publikum gut ankommen, auch wenn sie in Expertenkreisen kontroverse Debatten darüber anstoßen, was ein Dokumentarfilm darf und was nicht. Persiels zweite Arbeit „Everything will change“ gewann beim Max-Ophüls-Festival 2022 den Publikumspreis und kommt am 14. Juli in die Kinos. Der Mix aus Dokumentar- und Spielfilm dreht sich um drei junge Leute, die im Jahr 2054 entdecken, dass die von der Natur entfremdete Welt, in der sie leben, nicht immer so öde ausgesehen hat. Besonders das massive Aussterben der Arten macht sie fassungslos. Sie recherchieren in Gesprächen mit Wissenschaftlern, wie es soweit hatte kommen können. Zum Filmstart sprachen wir mit Marten Persiel über das dringlichste Thema unserer Zeit, über die Unterstützung durch Wim Wenders und über Filme, die ganz bewusst Zwitter sein wollen.

 Dein Film geht davon aus, dass junge Erwachsene im Jahr 2054 nicht mehr wissen, was eine Giraffe ist. Ist das eine fiktive Setzung oder gibt es dafür Modellrechnungen?

Es ist ein Gedankenexperiment. Stell‘ dir vor, wir hätten in der Zukunft praktisch keine Verbindung mehr zu unserer natürlichen Umwelt. Dann wirst du, wenn du das Bild einer ausgestorbenen Giraffe siehst, zweifeln, ob sie überhaupt echt sein kann. Du kennst vielleicht diese Seepferdchen, die überall ganz viele Hautlappen haben. Wenn du sie noch nie gesehen hast und entdeckst im Internet ein Bild von ihnen, dann denkst du, das ist mit Photoshop manipuliert. So ist es mit der Giraffe und ihrem langen Hals, wenn du noch nie eine im Zoo gesehen hast. Unsere Überlegung war: Was macht es mit den Kids der Zukunft und mit ihrer Psyche, wenn die reale Verbindung zur Natur verloren gegangen ist. Das ist gar nicht so weit weg von dem, was wirklich passieren könnte. Aber es bleibt ein Experiment.

Jedem, der den Film sieht, wird völlig klar, dass dir das Thema Artensterben ganz zentral am Herzen liegt und dass das für dich nicht nur ein Thema unter vielen ist. Dass hat auch, wie man im Presseheft lesen kann, mit deiner Kindheit zu tun. Bitte erzähl‘ doch ein wenig davon.

Ich bin in Niedersachsen aufgewachsen. Mein Vater arbeitete im Umweltministerium in Hannover. Die Umweltbewegung der 1970er und 80er Jahre hat für die Sümpfe gekämpft, um wenigstens einen Teil des ursprünglichen Ökosystems zu retten. Als Kind war der Sumpf oft mein Spielplatz, wo ich irgendwelche Kröten ausgebuddelt habe. Begriffe wie Artensterben habe ich dort ganz früh gelernt.

Schon dein Film „This ain’t California“ war ja ein Herzensprojekt.

Der drehte sich ums Skateboardfahren und ich war in meiner Jugend selber Skater. Deshalb lag es nahe, den Nachfolger wieder über etwas zu machen, was sich quasi von alleine entwickelt, weil es mir so sehr am Herzen liegt. Wenn ich an das Artensterben denke, rührt es mich immer wieder zu Tränen. Ich bin jetzt fast 50 und weiß noch sehr genau, dass in meiner Kindheit an bestimmten Stellen hunderte von Schmetterlingen flogen, wo es jetzt keinen mehr oder höchstens noch einen gibt. Das berührt mich extrem. Daher kommt sicher der Eindruck, dass das kein Film von der Stange ist.

Gab es einen Schlüsselmoment, in dem dir klar wurde: Das ist das wichtigste Thema überhaupt, vielleicht noch wichtiger als der Klimawandel, mit dem es ja verknüpft ist?

Die Recherche begann schon in den 2010er Jahren. Damals gab es noch eine Uneinigkeit in der Wissenschaft, wie schnell das Artensterben tatsächlich voranschreitet. Die Zahlen variierten von hundert Arten pro Tag, was ich auch schon für unglaublich halte, bis zu 500 Arten pro Tag. Wenn man das auf neun Millionen Arten hochrechnet, wird schnell klar, wie dringend es ist. Damit war für den Film klar, dass man das Thema Zeit mit hineinpacken muss. Während der Recherche kam 2019 der Report des UN-Klimarats IPCC heraus. Das war eine riesige Leistung und Chance, weil es jetzt zum allerersten Mal verlässliche Forschungsergebnisse zur Geschwindigkeit des Artensterbens gibt, die allen Regierungen der Welt vorliegen. Man einigte sich darauf, die Geschwindigkeit des Artensterbens als eine Rate darzustellen, um die das natürliche Aussterben erhöht ist. Diese Rate ist erschreckend: Wir verlieren heute Arten 1000 Mal schneller als das, was natürlich wäre.

Welche Auswirkungen hat das konkret?

Bei dieser Geschwindigkeit kann es nicht mehr lange so weiter gehen. Wo Vielfalt zu Monokultur wird, fallen die Ökosysteme auseinander. Dann kann es passieren, dass uns nicht nur der Klimawandel den Garaus macht, weil wir nicht mehr genug Lebensmittel produzieren können. Sondern dass das Artensterben uns den Garaus macht, weil die Systeme aus der Balance geraten. Ein Stichwort sind Plagen, wie zum Beispiel gigantische Heuschreckenplagen. Eine diverse Welt kennt das so gut wie nicht. Aber wenn zum Beispiel ein Insekt gerne Mais frisst und wir statt einem diversen Ökosystem nur riesige Flächen von Mais und nichts anderem haben, dann kann sich das Insekt so krass fortpflanzen, dass es zur Plage wird. Zerstörte Ökosysteme bedeuten in Zukunft Probleme, die wir uns heute kaum vorstellen können. Trotzdem geben wir Vollgas bei der Zerstörung, um uns zu ernähren. Wir verhalten uns selber wie eine Plage.

Heißt das, du willst mit deinem Film mithelfen, den Prozess aufzuhalten?

Ein Film kann die Welt nicht retten. Aber er kann Aufmerksamkeit erzeugen. Ich möchte, dass wir verstehen, dass wir mitten im krassesten Aussterbemoment der letzten paar Millionen Jahre leben.

Zum Artensterben gibt es unendlich viel Literatur. Musstest du irgendwann einen Punkt setzen und sagen, jetzt lese ich nicht weiter, sondern schreibe mal das Drehbuch zu Ende? Oder liest du sowieso jeden Tag einen neuen Artikel zum Thema Artensterben?

Es gibt ein absolut empfehlenswertes Buch, das einen guten und leicht verständlichen Überblick gibt und das auch dem Film zugrunde liegt. Es heißt „Das sechste Sterben“ von Elizabeth Kolbert. Gern empfehle ich auch ein anderes, nämlich den Bestseller von Jared Diamond mit dem Titel „Der dritte Schimpanse“, wo es um die Evolution und das Selbstverständnis der Menschen geht. Mein Film dreht sich ja nicht nur um Artensterben. Das tut er in den ersten beiden Akten. Aber im dritten Akt geht es um das Selbstverständnis des Menschen. Die Frage ist ja, wie wir so entseelt wurden, dass wir die Zerstörung zulassen und nicht damit aufhören. Dazu ist das Buch von Jared Diamond aufschlussreich.

War es schwierig, die Finanzierung auf die Beine zu stellen?

Sehr früh war Wim Wenders mit seiner Stiftung dabei. Das hat Türen geöffnet. Aber auch Der TV-Sender „Arte“ hat früh an meinen Film geglaubt. Am Ende waren die Unterstützer eine tolle, bunte Gruppe, in erster Linie aus öffentlich-rechtlichen Redaktionen.

Der Film hat eine spezielle Optik. Alles, was in unserer heutigen Welt grün ist, etwa Wald und Wiesen, ist dort knallrot. Wie habt ihr das hingekriegt ohne riesigen finanziellen Aufwand?

Die Technik, die Chlorophyll und damit Wiesen und Wälder anders abbildet als etwa einen grünen Tarnanstrich, wurde schon im Vietnamkrieg entwickelt, damals noch in Schwarz-Weiß. Genau, als wir anfangen wollten zu drehen, brachte ein kalifornisches Start-up diesen Filter auch für Farbe heraus. Den haben wir uns speziell für unsere Kamera und unsere Drohne zuschneiden lassen. Somit sind wir der erste lange Spielfilm mit dieser Technik, wo alles lebendige Grün rot wird.

So wie du das Jahr 2054 zeigst, ist das eine traurige Welt, praktisch ohne Natur. Aber eigentlich machst du einen optimistischen Film und bist auch selber sehr optimistisch, was das Artensterben betrifft. Warum?

Ich bin nicht optimistisch, was das Artensterben angeht. Jede Art, die weg ist, ist für immer weg. Wer sich die Zahlen wirklich anschaut, auch beim Klimawandel, kann nicht optimistisch sein bei der Frage, ob das alte Paradies zurückkommen kann. Das kann es nicht. Aber ich habe Hoffnung, dass wir moderne Menschen es schaffen, eine neue Wertschätzung für die Natur zu entwickeln. Für mich geht es darum, wie wir nach dieser Zerstörung leben wollen. Das ist die Frage, die ich mit dem Film stelle: Wann stirbt das alte, die Gier, die absichtliche Ignoranz. Wann werden wir anfangen, uns zu verändern? Und wieviel Naturreichtum wird es dann noch geben?

Dein Film ist eine Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm. Die Spielszenen sind quasi gesetzt, man kann ja nicht dokumentarisch Menschen aus der Zukunft treffen. Aber warum war dir der dokumentarische Anteil so wichtig, der ja aus ganz klassischen Interviews besteht?

Ich mag es, mit der dokumentarischen Form zu experimentieren. Ich fand es spannend, eine klassische dokumentarische Ästhetik gegen eine absolute Fantasie-Ästhetik zu stellen und zu schauen, wie sie sich aneinander reiben. Meine Cutter Maxine Goedicke und Bobby Good haben Unglaubliches geleistet und die unterschiedlichen, teils gegensätzlichen Elemente so zusammengefügt, dass etwas Eigenes entsteht. Quasi ein experimentelles Gericht aus Zutaten die eigentlich nicht zusammengehören. Es ist sicherlich nicht jedermanns Sache, aber ich stehe total dazu.

Bei deinem Debüt „This ain’t California“ bist du dafür kritisiert worden, dass bestimmte nachgespielte Passagen nicht eigens als fiktiv gekennzeichnet wurden, sondern man als Zuschauer das Gefühl hatte, das ist ganz genau so passiert. Dieses Problem gibt es bei „Everything will change“ nicht mehr. Ziehst du damit Konsequenzen aus der Kritik an deinem Erstling?

Meine Haltung zum Thema Genre hat sich nicht verändert: Genres sind Labels, die die Orientierung für den Zuschauer einfacher machen können, aber auch hinderlich sein können. Wir sehen das zurzeit bei den Geschlechterrollen, da gibt es eine Bewegung weg von den binären Sortierungskisten. Ich habe den Debütfilm einfach so gemacht, wie ich ihn cool fand. Habe ihn auch selber nicht Dokumentarfilm genannt. Mein Gefühl war, dass man mit dem Sujet Skateboarden rumspielen darf, auch in der filmischen Form. Mir war die Wahrhaftigkeit wichtiger als faktische Wahrheit. Es ging darum, das Lebensgefühl der Skater in der DDR einzufangen und deren Frechheit in einem frechen Film abzubilden. Bei meinem neuen Film ist das anders, da geht es um Wissenschaft und faktische Wahrheit. Aber auch hier versuchen wir, dem Thema so beizukommen, dass sich die Form organisch aus dem Inhalt entwickelt. Wir wollen sowohl Artensterben als auch Zeitgeschichte verstehen. Deshalb ist es eine Zukunftsstory geworden, die den Diskurs über Artensterben mit einschließt. Beide Filme folgen mit ihrer Form dem Inhalt. Und beide sind keine „Dokumente“, sondern künstlerische Auseinandersetzungen mit einem Thema.

Wenn man ein Wort für den Mix von „Everything will change“ finden wollte, wie würdest du ihn nennen? Hybrid?

Für ihn passt weder die Bezeichnung Dokumentarfilm noch die Bezeichnung Spielfilm. Dadurch habe ich das Problem, was sämtliche Hermaphroditen schon vor mir gehabt haben: Dass sie nämlich nicht wissen, auf welche öffentliche Toilette sie gehen sollen. Inzwischen sagen aber viele: Nenne mich nicht Mann, nenne mich nicht Frau, sondern nenne mich Mensch. Insofern sind meine Arbeiten queere Filme im Genresinn.

Worum dreht sich dein nächster Film?

Es wird eine Liebesgeschichte im Science-Fiction-Format. Sie heißt „All the Time in the World”. Die Entwicklung steht noch ganz am Anfang, aber die Story ist schon so klar in meinem Kopf wie noch nie. Meine bisherige Arbeit war immer eine Suchbewegung, aber diese Geschichte ist mir in ein paar Tagen aufs Papier gepurzelt.

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Interview mit Marten Persiel

Geschrieben von Peter Gutting

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Start: 01.01.1970