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Interview mit Inka Friedrich

Geschrieben von Peter Gutting am 7. Juni 2022

Seit fast 30 Jahren ist Inka Friedrich eine feste Größe im deutschen Film- und Fernsehgeschäft. Sie dreht bisweilen vier- oder fünfmal pro Jahr. In der Tragikomödie „Risiken & Nebenwirkungen“ von Michael Kreihsl spielt sie die Hauptrolle der Figur Kathrin, die eines Tages mit einer lebensbedrohlichen Nachricht konfrontiert wird. Bei einem Routinetest sind ihre Laborwerte so schlecht, dass der Arzt dringend zu einer Nierentransplantation rät. Als Spender wäre ihr Ehemann Arnold ideal. Er hat dieselbe Blutgruppe und könnte von seinen zwei gesunden Nieren eine abgeben. Aber Arnold zögert. Er sagt zwar nicht direkt nein, aber sein Herumlavieren ist auf die Dauer auch eine Antwort. Arnold gibt damit zugleich etwas über den Zustand einer in die Jahre gekommenen Ehe preis. Hinzu kommen Komplikationen mit einem befreundeten Ehepaar. Der Film basiert auf dem Theaterstück „Die Niere“ von Stefan Vögel. Wir sprachen mit Inka Friedrich über das Verhältnis von Mann und Frau, das Talent zur Tragikomik und ihre Zusammenarbeit mit Andreas Dresen bei „Sommer vorm Balkon“ (2005).

Regisseur Michael Kreihsl sagt im Presseheft, er habe Sie in einem wunderbaren Film von Andreas Dresen gesehen und Sie seien ihm seitdem nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Sind Sie auf diese Weise an die Rolle gekommen, ohne Casting, einfach durch einen Anruf des Regisseurs?

Die Anfrage kam über die Agentur und ich wurde zu einem Casting eingeladen. Samuel Finzi stand damals für die Rolle des Arnold schon fest. Wir trafen uns zu dritt und ich sollte keine Szene vorbereiten, sondern gemeinsam Passagen aus dem Buch lesen. Das war eine super entspannte Atmosphäre. Wir haben einzelne Szenen gelesen und darüber gesprochen, welche Eindrücke man von dem Buch hatte – und welche Fragen an es. Zehn Tage später kam die erfreuliche Zusage.

Haben Sie sich auf die Rolle durch Recherche vorbereitet? Oder ist die lebensbedrohliche Nachricht, die Kathrin erhält, etwas, das Sie kennen, von anderen oder von sich selbst?

Ich musste auf Recherchen zurückgreifen. Mit so etwas Konkretem wie einer Nierentransplantation wurde zum Glück noch niemand im Bekannten- oder Verwandtenkreis konfrontiert, nicht als Erkrankte und auch nicht als Spender. Letztlich ging es auch nicht darum, wie so etwas abläuft, sondern um die davon unabhängige Frage, ob man auf die Loyalität des Partners bauen kann oder nicht. Sicherlich gibt man dem Partner eine gewisse Zeit, um sich in die Situation hineinzufinden. Aber wenn nach der vierten oder fünften Nachfrage immer noch kein uneingeschränktes Ja kommt, dann läuft etwas schief. Als Zuschauer schauen wir einem Paar zu, dessen Beziehung sich langsam auseinander entwickelt. Es geht hier um weit mehr als nur die Niere.

Der Film basiert auf dem Theaterstück „Die Niere“ und hat bei allem Filmischen auch etwas Theaterhaftes und Kammerspielartiges. Sie selbst haben an großen deutschsprachigen Bühnen gearbeitet. War das Theaterhafte des Films mit ein Reiz, die Rolle anzunehmen?

Ich kannte zunächst nur das Drehbuch, noch nicht das Theaterstück. Aber das erste Lesen des Drehbuchs hat mich total an Yasmina Rezas Drama „Der Gott des Gemetzels“ erinnert. Vor allem, wie die beiden Paare mit Sätzen Ping-Pong spielen. Wie sie ihre Worte quasi als Florett einsetzen und die Klingen miteinander kreuzen, das hat mir wahnsinnig Spaß gemacht. Sich die Pointen um die Ohren zu hauen, funktioniert auf der Bühne gleichermaßen gut wie im Film.

Haben Sie sich dann auch eine Aufführung des Stücks angesehen, um sich auf die Rolle vorzubereiten?

In Wien habe ich eine Aufführung gesehen und kürzlich auch in Berlin, da also nach dem Dreh. Das Boulevardhafte funktioniert über schnellen Schlagabtausch, in Wien noch mehr als in Berlin, wo nicht alles nur auf die Motorik des Ping-Pong abgestellt war. Ich fand interessant zu sehen, wie verlässlich das Publikum auf die fest eingebauten Lacher reagiert. Wenn Arnold zum Beispiel wieder einmal zaudert, war das immer ein Brüller. Und wenn Kathrin austeilt, war das genauso ein Brüller. Da wird etwas wiedererkannt im Verhältnis zwischen Mann und Frau.

Spielen Sie aktuell eigentlich noch Theater, neben all ihren Film- und Fernsehrollen?

Ich würde das gern mal wieder tun. Vor zwei, drei Jahren habe ich in Berlin am Berliner Ensemble gastiert, aber das Stück wurde relativ schnell wieder abgesetzt. Der Reiz ist, live mit dem echten Publikum zu spielen, immer auch eine kleine Variante anders als am Tag vorher. Wenn man eine tolle Truppe hat und ein gutes Stück, ist das etwas sehr Schönes.

Ihre Rolle verlangt eine Komödiantin, die zugleich den Ernst der Lage immer mitschwingen lassen muss. Würden Sie sagen, für das Tragikomische ist man geboren oder kann man das lernen?

Bestimmt gibt es Grundtalente von uns Schauspielern, wo man weiß, beim einen liegt die Stärke mehr da und beim anderen dort. Es gibt Dinge, die man mitbringt, wie das Gefühl für Timing oder für Nuancen. Trotzdem muss das Mitgebrachte bei jedem Film und jedem Theaterstück neu kreiert werden, und zwar mit den konkreten Leuten, die da vor Ort sind. Man holt ja nichts aus dem Tiefkühler und taut es nur auf. An manchen Tagen funktioniert das Neuschaffen besser und an anderen schlechter. Dann steht man da und denkt, beim Lesen war eine bestimmte Stelle doch so lustig und jetzt kommt sie mir so schwerfällig vor. Dann hilft es, unterschiedliche Varianten auszuprobieren. Die richtige Temperatur zu finden, braucht Zeit. Beim Film hilft es, dass der Regisseur Varianten drehen lassen kann und sich letztlich erst am Schneidetisch entscheidet, ob es zum Beispiel den fragileren Take braucht oder den härteren. Das ist das, was Spaß macht, weil es lebendig ist. Wenn man immer schon weiß, wie es funktioniert, ist das letztlich nur ein Abliefern.

Ihre Figur geht erstaunlich cool mit der zögerlichen und abwehrenden Haltung ihres Film-Mannes um. Es gibt kaum Momente, in denen sie ihre Wut oder ihre Enttäuschung rauslässt. Können Sie die Haltung Ihrer Figur persönlich nachempfinden?

Für mich war entscheidend, dass Kathrin erstmal davon ausgeht, dass Arnold ihr hilft. Irgendwann muss sie jedoch entdecken, dass sie in der Prioritätenliste ihres Mannes nicht an vorderster Stelle steht. Erst dann kommt sie ins Stolpern.

Lange Zeit erscheint Ihre Figur Kathrin als die Unschuldige und Nette, die tapfer damit umgeht, dass ihr Mann irgendwie das Interesse an ihr verloren hat. Aber dann lernen wir plötzlich eine ganz andere Seite von Kathrin kennen. Wie viel Spaß hat es Ihnen gemacht, plötzlich auch einmal gemein und rachsüchtig sein zu dürfen?

Sehr. In einem Drama würde man die Betonung auf Selbstermächtigung und Tapferkeit legen, dann auch wieder auf Angstlöcher. Aber hier darf sie das Schwert zücken. Es ist die Abrechnung mit ihrer Ehe. Das führt zu emotionalem Rosenkrieg.

Kurz noch eine Frage zu „Sommer vorm Balkon“, wo Ihre Figur übrigens auch Katrin heißt, in diesem Fall ohne „h“. Ich vermute, nicht nur für Michael Kreihsl, sondern auch für viele der älteren Kinogänger ist ihre Rolle aus dem Jahr 2005 unvergesslich. Was hat Ihnen damals die Zusammenarbeit mit Andreas Dresen bedeutet?

Andreas Dresen pflegt einen pädagogisch höchst wertvollen Umgang mit seinen Schauspielern. Er hat ein großes Verständnis für die Prozesse des schauspielerischen Vorgangs. Er spürt, welche Konzentration man manchmal braucht. Ich glaube, er ist dadurch geschult, dass seine Mutter Schauspielerin ist. Andreas Dresen ist keiner, der ein Bild organisiert mit Menschen drin. Sondern der über Figuren eine Szene entwickelt und darin eine große Sensibilität und Genauigkeit an den Tag legt. Er hat Humor und eine natürliche Autorität. Ich habe noch nie von einer Kollegin oder einem Kollegen gehört, dass sie Angst vor ihm gehabt oder sich verkrampft hätten. Er hat einen Schlüssel zu den Herzen der Menschen, um sie für die Arbeit zu öffnen.

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Interview mit Inka Friedrich

Geschrieben von Peter Gutting

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Start: 01.01.1970