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Interview mit Florian Lukas

Geschrieben von Peter Gutting am 16. Mai 2022

Florian Lukas ist in Kino und Fernsehen gleichermaßen präsent. Spätestens durch die Serie „Weissensee“ wurde er im deutschen Fernsehen zu einer festen Größe, im Kino gelang ihm mit „Good Bye, Lenin!“ der Durchbruch. Sein neuer Film ist die Doku-Fiktion „Heinrich Vogeler – Aus dem Leben eines Träumers“ von Marie Noëlle. Florian Lukas verkörpert in den Spielszenen der dokumentarisch angelegten Biografie den Maler, Sozialisten und Märtyrer Heinrich Vogeler (1872 bis 1942). Vogeler war 1895 Mitbegründer der Künstlerkolonie Worpswede, baute dort das Bauernhaus Barkenhoff zu einem Künstlertreff im Jugendstil aus und würde in diesem Jahr seinen 150. Geburtstag feiern. Zum Filmstart sprachen wir mit dem Schauspieler über seine Liebe zu dem Dichter Rainer Maria Rilke, seine Begeisterung für die Künstlerkolonie Worpswede und seine Abneigung gegen Schenkelklopfer-Komödien.

Welche Vorstellung von Heinrich Vogeler hatten Sie, bevor Sie für die Rolle angefragt wurden?

Ich habe von dem Filmprojekt gehört durch ein schönes Exposé. Es gab damals im Jahr 2018 noch kein Drehbuch. Es stand auch noch nicht fest, wer die Regie übernehmen würde. Damals sah ich Bilder, die Vogeler gemalt hat, außerdem Fotos von ihm sowie vom Barkenhoff. Bis dahin war mir Heinrich Vogeler kein richtiger Begriff. Ich schließe da von mir auf andere und möchte gern eine Bildungslücke schließen. Das betrifft auch die Kooperationen und Gespräche der damaligen Künstler untereinander. Ich habe mich zum Beispiel viel mit dem Dichter Rainer Maria Rilke beschäftigt und wusste, dass der in Worpswede war. Aber dass Rilke Vogeler besuchte, zeitweilig im Barkenhoff wohnte und dass er manche der „Briefe an einen jungen Dichter“, die ich als Hörbuch produziert und eingesprochen habe, dort geschrieben hat – das war mir nicht klar. Für mich hat sich mit dem Film eine große neue Welt eröffnet und ich hatte viel Zeit, mich immer wieder damit auseinanderzusetzen. Es dauerte etwa drei Jahre, bis das Projekt realisiert wurde.

Hat man in der DDR, in der Sie als Kind aufwuchsen und zur Schule gingen, nicht in besonderer Weise auf Heinrich Vogeler geschaut, der immerhin Sozialist war und mit seiner zweiten Frau, einer Kommunistin, nach Moskau ging?

Für reine Propaganda waren Vogelers spätere Bilder, die sogenannten Komplexbilder nicht aussagekräftig genug. Zwar hat Walter Ulbricht, der mächtige Mann in der neu gegründeten DDR, Vogelers Nachlass gerettet. Aber offensichtlich war Vogeler nicht wichtig genug, dass man ihn in die Schulbildung hätte aufnehmen wollen. Dazu war er auch nicht konsequent genug. Vogeler war immerhin schon Mitte bis Ende 40, als er sich zum Sozialismus hinwendete, nach den traumatischen Erfahrungen des Ersten Weltkriegs.

Sie haben gesagt, dass Ihnen schon sehr früh die Rolle angeboten wurde. Spielte dabei auch eine gewisse äußere Ähnlichkeit zwischen Ihnen und Vogeler eine Rolle?

Man fragt natürlich nicht nach dem Warum, wenn einem eine Rolle angeboten wird (lacht). Ich finde, es gibt eine äußere Ähnlichkeit, aber sie ist nicht so übermäßig, dass das alternativlos gewesen wäre. Dass Marie Noëlle, die als Regisseurin dazukam, ebenfalls mit der Besetzung einverstanden war, freut mich natürlich. Für mich war das ganze Projekt eine glückliche Fügung. Ich wollte mich sowieso mit Worpswede mal intensiver beschäftigen, mit Paula Modersohn-Becker und auch noch einmal mit Rilke. Grundsätzlich liebe ich diesen Aspekt am Beruf des Schauspielers, sich mit anderen Künstlern auseinanderzusetzen zu dürfen – und deren Leben und Werk dem Publikum nahezubringen.

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Natürlich habe ich Vogelers Autobiografie gelesen und viele andere Bücher. Sehr beeindruckend fand ich auch, dass man anhand seiner Bilder eins zu eins ablesen kann, was sein Leben bestimmt hat, wie er zu bestimmten Zeiten gedacht und gefühlt hat. Es ist faszinierend, wie er das Persönliche transparent gemacht hat in seiner Kunst, auch in schwierigen und krisenhaften Phasen seines Lebens. Außerdem hatte ich viele Gespräche mit der Regisseurin Marie Noëlle, die sich intensiv nicht nur mit Vogelers Leben, sondern auch mit dem Künstlerdasein an sich befasst und beides in ihrem Film miteinander verknüpft. Was bedeutet es, Künstler zu sein? Aus welchen Nöten entsteht Kunst? Aus welchen persönlichen Katastrophen erwächst etwas Großes, was einen daraus befreit und was einen das Erlebte verarbeiten lässt? Solche Fragen haben wir stundenlang besprochen. Als ich zum ersten Mal vor dem Barkenhoff stand, empfand ich das wie mein Zuhause, so intensiv hatte ich mich theoretisch mit dem Ort und der Künstlerkolonie beschäftigt. So ähnlich ist es mir schon einmal ergangen, nämlich bei „Nordwand“, dem Film von Philipp Stölzl aus dem Jahr 2008.

Ich habe gelesen, dass Sie von Worpswede so begeistert waren, dass sie den Aufenthalt dort über die Dreharbeiten hinaus privat verlängert haben. Wie war das?

Vogeler genießt eine große Verehrung in Worpswede. Wenn man als sein Darsteller durch den Ort läuft, gehen überall die Türen auf. Meine Frau kam zu Besuch und wir haben ein paar schöne Tage drangehängt. Wir waren beim Bürgermeister zu Besuch und hatten eine Führung durchs Rathaus. Man hat viele liebevolle Begegnungen, einfach weil man Vogeler spielt. Von Anfang an spürte ich eine große Verantwortung, aus der Rolle nicht mein eigenes Ding zu machen, sondern der realen Person so gut wie möglich nachzuspüren. Ich möchte von ihm erzählen und nicht von meiner Interpretation. Es sind auch enge Kontakte zu Vogelers Urenkelinnen entstanden und zu Beate Arnold, der Leiterin des Barkenhoff-Museums. Mir macht es unheimlich Spaß, Teil der künstlerischen Erinnerung an Vogeler und des Engagements für sein Erbe zu sein.

Wie muss man sich den Dreh konkret vorstellen? Die Spielszenen werden ja ständig gegengeschnitten und ergänzt durch Doku-Material. Hat das etwas verändert oder hat man so gedreht, als wäre es eine ganz normale Spielhandlung?

 Im Drehbuch waren die Interviewszenen und anderes Material schon mit eingeflochten. So wussten wir immer, auf welche Interviewszenen sich die Spielszenen beziehen. Auch die Voice-Over-Texte waren mehr oder weniger klar. Dadurch unterschied sich der Dreh nicht wirklich von anderen. Man stellt sich einfach in den Dienst des künstlerischen Konzepts und der Figur. Ich fand auch die Idee der Zeitreise toll, die der Film unternimmt. Es unterhalten sich ja historische Figuren wie Auguste Rodin mit einer zeitgenössischen Künstlerin wie Sophie Sainrapt. Wir laufen in historischen Kostümen durch ein modernes Paris und haben eine starke Verbindung zu den Menschen, die vor hundert Jahren genauso gefühlt und gedacht haben wie wir. Ich finde es faszinierend, wie ähnlich sich die Anliegen und Lebensweisen der Künstler unterschiedlicher Epochen sind. Außer dem Zufall, dass die einen 100 Jahre früher geboren wurden.

Schaut man sich Ihre Filmografie an, stellt man fest, dass sie öfter auch in Nebenrollen besetzt wurden. Haben Sie es genossen, als Heinrich Vogeler praktisch in jeder Einstellung präsent zu sein?

Sicher macht es Spaß, eine Titelfigur zu spielen. Bei der Fernsehserie „Die Wespe“ war es ja auch so. Und vielleicht ist das Thema Nebenrolle inzwischen gar nicht mehr so präsent. Aber unabhängig davon finde ich es nicht wichtig, ob ich eine Haupt- oder Nebenrolle spiele. Entscheidend ist, mit wem ich zusammenarbeite und wie gut die Qualität des Projekts ist. Gerne spiele ich zum Beispiel eine Nebenrolle in der Krimi-Reihe „Helen Dorn“, die in zwei Wochen ausgestrahlt wird. Da freue ich mich, Anna Loos in der Rolle der Kommissarin wieder zu treffen oder den Regisseur Friedemann Fromm, mit dem ich bei „Weissensee“ zusammengearbeitet habe. Die Größe der Rolle ist dann zweitrangig. Alles hat seine Vor- und Nachteile.

Im Kino sieht man Sie eher in kleineren und anspruchsvolleren Filmen. Ist das eine bewusste Entscheidung oder Zufall?

Man kann sich als Schauspieler die Kinofilme ja nicht selber backen. Aber in den letzten Jahren hatte ich das Glück, mich wieder mit kleineren Kinoprojekten beschäftigen zu dürfen. Ansonsten habe ich interessante Vorhaben im Fernsehen gefunden. Ich glaube, mit dem Fernsehen kann das deutsche Kino in vielen Fällen nicht mithalten. Oder es handelt sich um große Blockbuster, aber die sind nicht mein Geschmack und nicht mein Humor. Ich freue mich für jeden, der damit erfolgreich ist, aber es ist nicht mein Ding. Insgesamt habe ich das Glück, viele unterschiedliche Dinge tun zu dürfen, von der Bundeswehr-Klamotte bis jetzt zum Film über Heinrich Vogeler, den ich als ganz feines Künstlerporträt empfinde. Über die Bandbreite bin ich so glücklich, dass ich die Schenkelklopfer-Blockbuster nicht brauche.

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Interview mit Florian Lukas

Geschrieben von Peter Gutting

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Start: 01.01.1970