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Interview mit Bastian Günther

Geschrieben von Peter Gutting am 25. Mai 2022

Bastian Günther hat seine Filmkarriere im dokumentarischen Fach begonnen. Daher kommt es wohl, dass auch seine Spielfilme viel mehr von der sozialen Realität erzählen, als man das im Kino gewohnt ist. So ist es kein Wunder, dass Günthers neuer Film „One of these Days“ auf einer realen Begebenheit beruht. In den USA gab es lange Jahre einen Wettbewerb, der an den Zirkus der alten Römer und an heutige TV-Formate wie das Dschungelcamp erinnert. Ein lokaler Autohändler verschenkte jedes Jahr einen nagelneuen Pickup an denjenigen, der am längsten die Hand auf dem Auto halten könnte. Der „Hands on“-Wettbewerb war als PR-Aktion gedacht, das lokale Fernsehen berichtete live, und das Publikum konnte sich über diejenigen amüsieren, die sich keinen Pickup leisten können oder einfach nur ein wenig öffentlichen Ruhm abbekommen wollen. Dafür nahmen sie tagelangen Schlafentzug und gnadenlose Erschöpfung in Kauf, bis hin zum körperlichen und geistigen Zusammenbruch, teilweise über 100 Stunden lang. Wir sprachen mit Bastian Günther, der zwischen Austin (Texas) und Berlin pendelt, aus Anlass des Filmstarts über Strategien am Set, das Phänomen Trump und seinen nächsten „Tatort“.

Wenn man eine kurze Inhaltsangabe Ihres Films liest, kann man sich hier in Deutschland gar nicht vorstellen, dass es solch einen Wettbewerb überhaupt gegeben hat. Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie zum ersten Mal davon hörten?

Man kann es sich in Deutschland nicht so gut vorstellen. Aber wir haben hier die Dschungelshow und Big Brother. Ich finde, Reality-TV ist gar nicht so weit weg von dem, was wir im Film zeigen. In allen diesen Formaten geht es um Schadenfreude. Als mir meine Frau von dem „Hands on“-Wettbewerb erzählt hat, war ich zunächst ungläubig und erstaunt. Um mir besser vorstellen zu können, wie das abläuft, schaute ich den Dokumentarfilm „Hands on a Hardbody““ (1997) von Regisseur S. R. Bindler an, der sich damit beschäftigt. Ich merkte, welche Qualen die Leute ausstehen müssen, körperlich und psychisch. Aber der Dokumentarfilm hat den Missbrauch als Belustigungsobjekt nicht thematisiert. Bei mir entstand der Wunsch, einen Spielfilm zu drehen, der nicht das Witzige des Wettbewerbs in den Mittelpunkt stellt, sondern die Abgründe, die sich dabei auftun.

Ich habe gelesen, dass auch Robert Altman an dem Thema gearbeitet haben soll. Wussten Sie etwas von Altmans Ideen, als sie sich an den Stoff herangemacht haben?

Darüber wusste ich nichts. Das wird auch relativ gut unter Verschluss gehalten. Man weiß nur, dass er ein fertiges Drehbuch hatte und dass ein paar seiner Stammschauspieler dabei sein sollten. Er konnte das Projekt aber vor seinem Tod nicht mehr realisieren. Dann soll sich Paul Thomas Anderson darum gekümmert haben, der ein großer Altman-Fan ist und bei dessen letztem Film „Last Radio Show“ mitwirkte. Aber er hat wohl irgendwann beschlossen, das Projekt nicht mehr weiter zu verfolgen.

In dem Wettbewerb passiert erstmal wenig, weil alle ihre Hand am Auto lassen müssen. Um es trotzdem interessant zu machen, muss die Kamera eine in der Luft liegende Spannung erzeugen. Was haben Sie mit Ihrem Kameramann Michael Kotschi vorab besprochen und festgelegt?

Das Wichtige waren nicht irgendwelche ausgeklügelten Fahrten oder Einstellungen, sondern das Zusammenspiel zwischen Kamera, Ensemble und Montage. Wir haben sehr lange Takes gedreht und die Kamera auch dann noch weiter laufen lassen, wenn die Takes vorbei waren. Die Schauspieler blieben dabei in ihrer Rolle und boten Varianten an, ohne dass eine Klappe fiel. Dadurch konnten wir uns mit der Kamera die Sachen herauspicken, die wir wollten: Blicke, Provokationen, Schwächemomente, Schweiß, Gähnen.

Sie sind Deutscher und leben zeitweise in den USA und zeitweise in Berlin. Das erlaubt Ihnen, eine Innenansicht der amerikanischen Gesellschaft zu zeigen und sich zugleich den fremden Blick zu bewahren. Ich vermute, in den USA wird der Film ganz anders wahrgenommen als bei uns. Ist der Film dort schon angelaufen und wie waren die Reaktionen des US-Publikums?

Tatsächlich lief er auf einigen US-Festivals, aber das waren alles Online-Veranstaltungen. Da ist es extrem schwierig, eine Reaktion zu bekommen. Ich erinnere mich an eine Besprechung im Branchenblatt „Variety“, die grundsätzlich positiv war. Aber der Kritiker war doch etwas genervt davon, dass ein Deutscher einen doch eher düsteren Film über sein Land dreht. Im letzten Absatz schreibt er dann explizit, dass er das Land nicht so düster sieht wie im Film dargestellt. Auf der anderen Seite finden es viele interessant, wie die Dinge von einem Regisseur wahrgenommen werden, der nicht sein ganzes Leben dort verbracht hat und dem manches auffällt, was für die Amerikaner ganz normal ist.

Ist denn ein regulärer Kinostart in den USA geplant?

Wir arbeiten daran. Ob das ausschließlich Streaming wird oder vorher noch eine kleine Kinoauswertung stattfindet, weiß ich im Moment noch nicht. Im April kam der Film in Großbritannien und in Irland heraus. In Russland war er letztes Jahr zu sehen. Österreich und Schweiz stehen auch auf der Startliste. Vor allem für das Ensemble wäre es schön, wenn er dann auch in den USA anlaufen könnte.

Wie wichtig war es Ihnen, dass ein deutsches Publikum den Film nicht alleine als Satire sieht, nach dem Motto, das haben wir doch schon immer über die Amerikaner gewusst?

In meinen Augen ist es keine Satire. Sondern ich als Filmemacher bin auf Augenhöhe mit den Menschen, die ich zeige. Etwas anderes könnte ich gar nicht. Der Film beschäftigt sich mit einem Phänomen unserer Zeit, mit Ungleichheit und Unfairness. Das funktioniert für mich nur dann, wenn ich die Figuren, die ich zeige, ernst nehme. Natürlich kann es schnell passieren, dass man in Klischees verfällt, wenn man den Süden der USA zeigt. Dort sprechen sie einen charakteristischen Slang, die Menschen haben ihre kleinen Manierismen, sie sind laut und schrill. So stellt Hollywood es dar. Das wollte ich alles nicht. Selbst eine kleine Rolle sollte Tiefgang und unterschiedliche Facetten haben. Sie sollte wenigstens einen Bruch oder die Andeutung einer Geschichte bekommen. Daher war es mir wichtig, dass fast alle Schauspieler aus dem Süden der USA kommen und die Menschen kennen, die sie darstellen.

Ganz nebenbei legen Sie mit dem Film auch die Mechanismen eines entfesselten Kapitalismus offen, die nicht spezifisch amerikanisch sind, sondern Menschen auf der ganzen Welt betreffen. Würden Sie sich als politischen Filmemacher bezeichnen?

Mir ist es immer ein Anliegen, dass meine Filme nicht nur eine gute Geschichte erzählen, sondern darin etwas zu finden, worin sich die Gesellschaft widerspiegelt. Das bedeutet nicht, dass ich didaktisch werde und den Zeigefinder erhebe. Auch „Houston“ und „California City“ haben sich das System, in dem wir leben, vorgenommen. Dabei ist mir aber Offenheit wichtig. Der Film soll niemandem vorschreiben, was er zu denken hat. Er muss atmen und man muss seine eigenen Gedanken hineinstecken können. Sobald ein Film hermetisch wird, lebt er nach seinem Ende nicht weiter.

Auch Ihr Film „Houston“ aus dem Jahr 2013 beschreibt sehr genau soziale Verhältnisse, in diesem Fall die Arbeitswelt eines Headhunters, die gar nicht so glamourös aussieht, wie man sie sich vielleicht vorstellt. Wie wichtig ist Ihnen, dass Filme etwas mit der Realität zu tun haben? Dass sie nicht „Bigger than Life“ sind, sondern nah an der Wirklichkeit?

Bei „Houston“ habe ich mit vielen Headhuntern gesprochen. Die haben mir auch die Tricks erzählt, die man im Film sieht, um überhaupt erst einen Kontakt zu der Zielperson herzustellen, die abgeworben werden soll. Trotzdem finde ich es gut, wenn ein Film auch „Bigger than Life“ ist. Wenn er also Momente hat, die ins Surreale und ins Fantastische gehen, wie etwa das sprechende Auto in meinem aktuellen Film. Damit so etwas funktioniert, muss man allerdings erst das realistische Fundament gelegt haben.

Neben dem Universellen beschreibt Ihr neuer Film ein ganz bestimmtes Milieu. Grob gesagt könnte man von den kleinen Leuten sprechen, oder von den Verlierern der Globalisierung. Wie gut haben Sie dieses Milieu durch den Film kennengelernt? Oder kannten Sie es vorher schon recht gut?

Der Süden der USA ist in größeren Teilen wirklich arm. Das sieht man an den Häusern und der fehlenden Infrastruktur. In manchen Teilen hat man fast schon den Eindruck eines Entwicklungslandes. In Austin, wo ich lebe, ist das anders. Aber ich bin immer viel durch den Süden gefahren, ob es jetzt Mississippi war oder Louisiana. Dort sieht man schon sehr viel von solchen kleinen Städten, in denen wir auch gedreht haben. Wenn wir Motive zum Drehen suchen, ist das auch eine Recherche darüber, wie es sich anfühlt, in einem solchen Ort zu leben. Wie sich die Leute bewegen, mit denen man auch ins Gespräch kommt. Wie die Häuser und Vorgärten aussehen.

Ich persönlich stehe immer fassungslos vor dem Phänomen Trump. Ich kann einfach nicht begreifen, wie die Hälfte einer Gesellschaft dieser Art von Rhetorik folgen kann. Wenn ich einen Film wie Ihren sehe, glaube ich aber, das Phänomen ein bisschen besser zu verstehen. War das mit ein Grund für Sie, diesen Film zu machen?

Nein, das war kein Grund. Der Motor war zu zeigen, wie wir als Gesellschaft funktionieren oder besser gesagt nicht funktionieren und wie unser System für viele Leute nicht funktioniert, die man dann auch noch zu Entertainment-Zwecken ausnutzt. Richtig ist allerdings, dass von den 20 realen Leuten, die bei einer solchen Show mitmachen, die Hälfte Trump-Wähler wären. Vielleicht hätte man drei, vier Nichtwähler und höchstens fünf bis sechs Demokraten. Leider erzählen das demokratisch dominierte Hollywood oder auch andere Filmstädte der USA keine ernst zu nehmenden Geschichten über Trump-Wähler. Oder höchstens, um sich über sie lustig zu machen. Man will sich mit ihnen nicht befassen. Jeder steckt in seiner Blase fest. Aber so kommen wir nicht weiter. Man muss im Dialog bleiben und darf diese Menschen nicht aus politischer Korrektheit von vornherein ausschließen, auch wenn man mit Trumps Politik und persönlichem Stil nicht einverstanden ist. Wir machen einen Fehler, wenn wir sogar in der Kunst Grenzen zu diesen Leuten ziehen.

Was sind Ihre nächsten Projekte?

Ich arbeite an einem neuen Kinofilm, der dieses Mal nichts mit Amerika zu tun hat. Nach drei Filmen in den USA tendiere ich wieder zu Europa. Ich kann noch nicht viel dazu sagen, außer dass ein bisschen Science-Fiction drin stecken wird. Außerdem drehe ich im Herbst für den Hessischen Rundfunk wieder einen „Tatort“. Ich darf das Buch selbst schreiben. Und Wolfram Koch wird dabei sein, mit dem ich schon gearbeitet habe.

Ihr erster „Tatort“ mit dem Titel „Wer bin ich“ (2015) war ungewohnte Kost wegen der unkonventionellen Story, die eine Film-im-Film-Struktur hat. Wird der kommende „Tatort“ auch wieder experimentell?

Dieses Mal ist es wirklich eine Kriminalgeschichte, während der letzte fast schon eine Komödie war. Trotzdem wird er besondere Elemente haben. Es ist kein typischer „Wo waren Sie gestern Abend?“-Krimi. Ob es die „Tatort“-Traditionalisten befriedigen wird, weiß ich nicht. Aber das ist auch nicht mein Ziel.

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Geschrieben von Peter Gutting

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Start: 01.01.1970