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Interview mit Andreas Dresen

Geschrieben von Peter Gutting am 15. Mai 2022

Regisseur Andreas Dresen wurde einmal als „entspannter Humanist des deutschen Kinos“ beschrieben. Er ist in der DDR aufgewachsen und hat an der „Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf“ das Regiehandwerk gelernt. Dort wurde auch der Grundstein für einen ebenso sensiblen wie genauen Blick auf reale Verhältnisse gelegt. Dresens erste lange Filme kamen heraus, als die Mauer schon gefallen war. In „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“, seinem mittlerweile 13. Kinospielfilm, beschäftigt er sich mit dem schrecklichen Schicksal des unschuldig einsitzenden Guantanamo-Häftlings Murat Kurnaz. Gezeigt wird der fünf Jahre währende Kampf um dessen Freilassung aus der Sicht von Murats Mutter Rabiye, die gemeinsam mit dem Menschenrechtsanwalt Bernhard Docke bis vors höchste Gericht der USA zieht. Zum Filmstart sprachen wir mit dem Regisseur über die befreiende Funktion des Humors, über die Kraft kulturübergreifender Kooperation und über seine Rolle als Landesverfassungsrichter.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie zum ersten Mal vom Schicksal des Murat Kurnaz hörten?

Ganz genau kann ich mich nicht erinnern. Ich werde vermutlich über die deutschen Medien darüber gehört haben, als er verhaftet worden ist. Vermutlich ging das in Richtung des Bildes vom „Bremer Taliban“, das zu Beginn von den Boulevardmedien geprägt wurde. Es hat sich leider bis heute in den Köpfen vieler Menschen festgesetzt und auch ich habe damals vermutlich nicht genug gezweifelt. Aber das sollte man immer tun, wenn man solche Nachrichten hört. Als Murat Kurnaz dann endlich aus Guantanamo freigelassen wurde, habe ich ihn in der Talkshow von Beckmann gesehen. Das schreckliche Unrecht, das ihm angetan wurde, regte mich fürchterlich auf. Ich habe auch Murats Buch „Fünf Jahre meines Lebens“ gelesen. Es machte mich fassungslos, dass so etwas wie das System Guantanamo in der heutigen Zeit überhaupt möglich ist. Wir zeigen gern mit dem Finger auf Diktatoren, aber manchmal müssen wir in unserer Demokratie auch vor der eigenen Haustür kehren. Dass es Guantanamo immer noch gibt, ist eine Schande. Und dass sich bei Murat bis heute noch niemand von den Verantwortlichen entschuldigt hat, finde ich mehr als beschämend.

Sie wollten schon 2008 einen Film über Murat Kurnaz drehen. Aber seine Geschichte erschien Ihnen zu düster, um sie filmisch erzählen zu können. Warum?

Wenn man sich vorstellt, aus der Perspektive eines Guantanamo-Häftlings zu erzählen, dann läuft so ein Film dramaturgisch schnell ins Leere. Selbst die klassischen Muster eines Gefängnisdramas greifen ja nicht: Ausbruchsversuche sind unmöglich. Freundschaften zu anderen Häftlingen werden unterbunden, weil die Leute dauernd verlegt werden. Man weiß auch nicht, wie lange die Haft dauern wird, weil es kein Urteil gibt. Der juristische Kampf entfällt. Es ist hoffnungslos und irgendwie kafkaesk. Tatsächlich habe ich mit drei verschiedenen Drehbuchautoren daran gearbeitet, über fünf bis sechs Jahre. Wir haben uns sehr bemüht, aber jeder Entwurf hatte eine düstere Tonalität, natürlich mit vielen Folterszenen. Irgendwann konnte ich mich damit überhaupt nicht mehr identifizieren. Ich mag es nicht, Leute ohne Hoffnung aus dem Kino zu entlassen. Als ich dann Murats Mutter Rabiye kennenlernte, war ich sehr froh, weil sich dadurch eine andere Perspektive auftat.

Hat das auch mit dem Mut zur Freundlichkeit zu tun, den Sie einfordern? Schließt der eine Freundlichkeit gegenüber dem Publikum ein?

Ich will auch mir selbst gegenüber freundlich sein. Selbst wenn es sich um die düstersten Geschichten handelt, erzähle ich ungern ohne Hoffnung. Sogar in meinen schweren Filmen wie „Nachtgestalten“ oder „Halt auf freier Strecke“ gibt es lichte Momente. Als ich Rabiye bei einem Abendessen in Bremen kennenlernte, war ich sofort schockverliebt. Sie hat einen derart widerständigen Humor und eine so unbändige Energie, dass ich mir dachte: Woher nimmt sie diese unfassbare Kraft? Humor hat ja immer auch etwas Anarchisches. Er stellt sich gegen Ausweglosigkeit, gegen versteinerte Verhältnisse. Ich weiß noch genau, wie ich auf der Rückfahrt nach Berlin im Zug saß und mich fragte: Warum erzählst du nicht über sie und über Bernhard Docke? Über diese ungewöhnliche Freundschaft? Ich bin mit beiden befreundet und wir waren kürzlich gemeinsam in Istanbul auf dem Filmfestival. Ich freue mich jedes Mal wieder, die beiden zusammen zu erleben, so verschieden sie auch sind. Das zeigt die ungeheuren Möglichkeiten, wenn Menschen unterschiedlicher Herkunft miteinander kooperieren. Rabiye ohne Bernhard hätte es nie schaffen können, und Bernhard ohne Rabiye auch nicht. Er in Deutschland ohne die türkische Community genauso wenig wie umgekehrt. Das ist doch eine schöne und utopische Idee von Zusammenleben.

Wie viel ist von der realen Person Rabiye in den Film eingeflossen? Und wie stark war Ihr Bedürfnis, sich von der Realität auch ein Stück weit zu entfernen?

Natürlich ist es ein Spielfilm. Ähnlich wie bei „Gundermann“ gibt es Dinge, wo wir ganz dicht an der realen Person bleiben. An anderen Stellen wird es dann fiktiv. Wir müssen in zwei Stunden ja durch fünf Jahre galoppieren. Da bleibt es nicht aus, dass man zuspitzt, vereinfacht und leicht verändert. Im Kern und im Charakter sind wir ungeheuer dicht an der realen Rabiye dran. Bei den juristischen Abläufen haben wir vieles weggelassen, was den Zuschauer überfordern oder langweilen würde. Die realen Personen fühlen sich wohl mit dem Film. Und ich hoffe, bei unseren Zuschauern entsteht ein produktiver Zorn auf die Verhältnisse, die so etwas wie Guantanamo möglich machen. Produktiv auch in dem Sinne, dass man diese Verhältnisse ändern kann, wie der Film zeigt.

Wie kam es zur Entscheidung, Rabiye mit Meltem Kaptan zu besetzen, die einen Hintergrund als Comedienne hat? Mussten Sie sie manchmal bremsen, dass sie nicht zu lustig agiert?

Von Zeit zu Zeit habe ich gebremst, aber manchmal bin ich auch aufs Gaspedal gegangen. Übrigens habe ich Meltem gar nicht wegen ihres Comedy-Hintergrundes besetzt. Ich kannte Sie vorher nicht. Sie kam ganz normal zum Casting und ich hatte mich von Anfang an in die Energie und die Wärme verliebt, die sie ausstrahlt. Erst später habe ich gemerkt, dass sie als Comedienne ein ganz tolles Rhythmus-Gefühl mitbringt. Bei ihr waren alle Takes 15 bis 30 Sekunden kürzer als bei den Kolleginnen im Casting. Ansonsten haben wir uns beim Humor von der realen Rabiye leiten lassen. Er kam nicht in den Film, weil wir dachten, so können wir die Geschichte besser verkaufen. Für die echte Rabiye ist Humor eine Lebensessenz. Man kann sich mit ihr keine zehn Minuten unterhalten, ohne dass es lustig wird. Das hängt auch damit zusammen, dass sie sich jenseits von Klischees bewegt. Unter einer türkischen Mutter stellen sich viele Menschen blöderweise eine gebeugte Frau mit Kopftuch vor. Und dann kommt da eine Lady in einem weißen Mercedes-Cabriolet vorgefahren, mit voll aufgedrehtem Elektropop. Das war real so, nicht nur in der Filmszene, in der wir das verwendet haben. Der Anwalt dagegen, dem man eigentlich den Mercedes zutraut, fährt Fahrrad. Uns machte es Spaß, wie sich Klischees teilweise umdrehten, ohne dass wir uns das ausdenken mussten.

Hat Meltem Kaptan die echte Rabiye getroffen?

Ja, sie haben Zeit miteinander verbracht und lernten sich gut kennen. Meltem hat versucht, das Temperament des Originals in den Film zu übersetzen.

Rabiyes Gegenpol ist Menschenrechtsanwalt Bernhard Docke, ein komplett anderer Typ. Sie zeigen ihn als Idealisten des Rechts. Ein Kanzleikollege von ihm hat jemanden bei den Anschlägen auf das World Trade Center verloren. Aber das scheint ihn wenig zu interessieren. Wie sehen Sie den realen Bernhard Docke?

Ganz klar gibt es im Zusammenhang mit 9/11 persönliche Betroffenheiten, weil viele Tausend Menschen auf tragischste Weise ums Leben gekommen sind. Aber das ändert nichts daran, dass bei der Verfolgung der Täter rechtsstaatliche Prinzipien gelten müssen. Nichts anderes fordert Bernhard Docke ein. Er sagt mehrmals im Film, wir dürfen nicht mit den gleichen Waffen zurückschlagen, mit denen die Terroristen uns angegriffen haben. Unser Rechtssystem muss unter Umständen auch für die Täter da sein. Man kann nicht einfach jemanden in einem rechtsfreien Raum wegsperren. Selbst wenn man von einem Kriegszustand ausginge, würde ja dann die Genfer Konvention greifen. Die amerikanische Regierung hat für die Guantanamo-Häftlinge daher eine extra Kategorie eingeführt, um genau diese rechtlichen Argumente zu umgehen, nämlich die „feindlichen Kombattanten“. Das sind keine Kriegsführenden, auch keine Kriminellen, sondern im Prinzip staatenlose Terroristen. Damit entzieht man sie jeder Form von Rechtsprechung. Dass das der amerikanischen Verfassung widerspricht, war die bahnbrechende Entscheidung des Supreme Court. Es geht Bernhard Docke um Gerechtigkeit. Wenn er dieses Credo nicht hätte, hätte er nicht fünf Jahre diesen Kampf geführt, ohne dafür Geld zu bekommen. Dazu ist ein ungeheurer Idealismus erforderlich.

Prinzipiell hätte er sagen können: Wenn ich diesen Fall annehme, verletze ich die Gefühle meines Kanzleikollegen. Deswegen soll das ein anderer machen. Aber so ist er nicht gestrickt, oder?

In einer früheren Schnittfassung fiel in dem Disput innerhalb der Kanzlei der Satz: „Im Waffenlärm schweigen die Gesetze.“. Das habe ich rausgeschnitten, weil es mir zu dick aufgetragen vorkam. Aber in diese Richtung geht die Argumentation der Kollegin, die die dritte im Bunde der Kanzlei ist. Aber sie und der betroffene Kollege ändern ja ihre Meinung und sind später bereit, Docke zu helfen. Sie merken, dass es im Fall von Murat Kurnaz eine Vorverurteilung gab, die total unfair war. Ich habe mich oft gefragt, was passiert wäre, wenn Murat Kurnaz keinen türkischen Namen gehabt, sondern Gerhard Müller geheißen hätte. Dann wäre er wahrscheinlich vier Jahre früher aus Guantanamo herausgekommen. Die deutschen Behörden sagten einfach: Der ist türkischer Staatbürger, auch wenn er in Bremen aufgewachsen ist. Das geht uns alles nichts an.

Im Film dreht sich alles um Gerechtigkeit. Sie sind nicht nur Filmemacher, sondern auch Laienrichter am brandenburgischen Verfassungsgericht. Wie sehr liegt Ihnen die Idee des Rechts am Herzen?

Es ist ein hohes Gut, dass wir Verfassungen haben und dass sie auch geschützt werden. Was bei uns die Landesverfassungsgerichte und das Bundesverfassungsgericht sind, ist in Amerika der Supreme Court. Es geht darum, die Grundwerte, die sich eine Gesellschaft gegeben hat, auch zu verteidigen. Bei uns in Brandenburg kann jeder Verfassungsklage oder Beschwerde erheben. Das kostet übrigens nichts. Es steht jedem Bürger frei. Das finde ich gut.

Bei der Verhandlung vor dem Supreme Court im Film sind Sie als einer der Richter zu sehen, in einer Komparsenrolle. Ist das einfach nur ein Gag wie bei Hitchcock oder wollten Sie ein Zeichen setzen?

Übrigens sitze ich neben dem originalen Bernhard Docke. Der musste sich dafür den Schnauzer abrasieren, damit er dem Schauspieler Alexander Scheer, der ihn im Film verkörpert, nicht so ähnlich sieht. Wir sitzen dort nicht aus Zufall. Denn die Entscheidung, die der Supreme Court im Fall von Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush getroffen hat, setzt wirklich Maßstäbe. Die Richter haben den amerikanischen Präsidenten in einer grundsätzlichen Entscheidung gestoppt und gesagt: so nicht. Hier sieht man, warum diese Form von Gerichtsbarkeit so wichtig ist. Und weil ich selber in einem solchen Gericht, wenn auch in viel kleinerem Maßstab, Entscheidungen mittrage, fand ich es ein schönes Zeichen, mich im Film auf die Richterbank zu setzen. Das sind die Werte, für die ich stehe.

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Interview mit Andreas Dresen

Geschrieben von Peter Gutting

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Start: 01.01.1970