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Schweigend steht der Wald

Geschrieben von Peter Gutting am 17. März 2022

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Der Oberpfälzer Wald im Jahr 1999. Forststudentin Anja Grimm (Henriette Confurius) kehrt aus München in das Dorf zurück, das sie einmal gut kannte. Ihre Erinnerungen sind zwiespältig. Einerseits verbrachte sie hier als Kind die Urlaube mit der Familie, andererseits verschwand vor 20 Jahren ihr Vater spurlos nach einem seiner einsamen Spaziergänge. Bewaffnet mit Bohrstangen und chemischen Analyseinstrumenten soll Anja im Rahmen eines Praktikums eine Lichtung kartieren. Eigentlich keine besonders aufregende Arbeit, doch plötzlich zielt der psychisch kranke Xaver (Christoph Jungmann) mit der Schrotflinte auf sie. Und auch die anderen Dorfbewohner würden die Rückkehrerin am liebsten von hinten sehen, sogar ihr ehemaliger Spielkamerad Rupert (Noah Saavedra) und dessen Eltern (Johannes Herrschmann und Johanna Bittenbinder), die Wirtsleute, bei denen Anja und ihre Eltern früher gewohnt haben. Wissen sie, warum Anjas Vater damals verschwunden ist und wer ihn umgebracht hat? Oder deckt das Schweigen im Walde noch viel schlimmere Verbrechen?

Nebel wabert über dem Wald, am Boden krümmen sich Würmer in ekliger Nahaufnahme. Eindeutig werden hier Mythen bedient, und zwar nicht von heimeligen Sehnsuchtsorten oder gar einem Märchenwald, im dem Rupert und seine Eltern einen Wipfelpfad bauen wollen, um den Tourismus anzukurbeln. Eher spielt die Weltuntergangsstimmung im Jahr vor der Jahrtausendwende eine Rolle, das Mystische des Waldes als Hort der Gefahr und der Dunkelheit. Anja trägt einen berühmten Nachnamen und Regisseurin Saralisa Volm wird sie später von „Hänsel und Gretel“ erzählen lassen, in einer gegen den Strich gebürsteten, blutrünstigen Variante. Kurz gesagt: dieser Ort ist der Horror. Hier spuken die Geister der Vergangenheit, eindrucksvoll beschworen von einer subjektiven Kamera (Roland Stuprich) in einem handwerklich überzeugenden Mystery-Thriller.

Ausgedacht hat sich den gesellschaftspolitisch unterfütterten Krimi der Romanautor Wolfram Fleischhauer. Er hat auch das Drehbuch von Saralisa Volms Debüt geschrieben. Darin zeichnet er die Studentin Anja Grimm als Gegenspielerin des romantischen Mythos. Die junge Frau ist eine Aufklärerin, im wissenschaftlichen wie im kriminalistischen Sinn. Mit weltanschaulich neutralen Methoden spürt sie Geheimnissen nach, lässt sich von Drohungen nicht einschüchtern und will die Wahrheit ans Licht bringen, die im Waldboden vergraben liegt. Henriette Confurius spielt das glaubwürdig burschikos, ohne die verletzlichen Anteile ihrer Figur zu vernachlässigen. Insgesamt zählt das prominent besetzte Ensemble, zu dem auch Robert Stadlober und August Zirner als Dorfpolizisten gehören, zu den Pluspunkten des Films.

Auch den Spannungsbogen kann die Suche nach dem Mörder des Vaters über weite Strecken halten. Aber spätestens im letzten Drittel überhebt sich der Krimi an der Last, die ihm die Romanhandlung aufbürdet. Aus bildstarkem Genrekino, das für die große Leinwand geschaffen scheint, wird brave Fernsehkost, die sich vor allem aus politischer Korrektheit speist. Die unrühmliche deutsche Vergangenheit, schon auf dem Filmplakat sichtbar, muss herhalten, um einem deutschen Thriller die gesellschaftspolitische Relevanz unterzujubeln, die angeblich bei den Fernsehredaktionen so gut ankommt. Regiedebütantin Saralisa Volm, die sich bisher als Schauspielerin, Produzentin und Autorin einen Namen machte, liefert mit „Schweigend steht der Wald“ quasi eine Visitenkarte für eine TV-Krimi-Karriere ab. Das ist schade, denn aufgrund ihrer früheren Zusammenarbeit mit dem Enfant terrible Klaus Lemke hätte man ihr einen eigenwilligeren Film zugetraut.

Im dunklen Oberpfälzer Wald liegen Geheimnisse begraben, die die Forststudentin Anja Grimm ans Licht holen will. Was wie ein gruseliger Mystery-Thriller beginnt, mündet in übertriebene politische Korrektheit, die wie ein Fremdkörper auf der Krimiverfilmung lastet.

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Wir vergeben daher 6,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: POISON/if… Productions

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Länge: 95min

Kategorie: Krimi, Drama

Start: 01.11.2022

cinetastic.de Filmwertung: (6,5/10)

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Schweigend steht der Wald

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 95min
Kategorie: Krimi, Drama
Start: 01.11.2022

Bewertung Film: (6,5/10)

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