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Petite Maman – Als wir Kinder waren

Geschrieben von Peter Gutting am 15. März 2022

Nelly (Joséphine Sanz) nimmt Abschied. Von Zimmer zu Zimmer geht die Achtjährige im Altenheim, von einer Dame zur anderen. Und immer sagt sie: „Auf Wiedersehen“. Obwohl Nelly nicht wiederkommen wird. Es gibt keinen Grund mehr. Denn ihre Großmutter, die sie sehr geliebt hat, ist vor kurzem hier gestorben. Ausgerechnet ihr konnte das Mädchen kein Adieu sagen, der Tod kam überraschend. Das letzte Treffen lief nicht harmonisch. Jetzt ist es zu spät. Das „Au revoir“ mit den anderen alten Damen wirkt deshalb wie eine Ersatzhandlung. Und wie ein aktueller Bezug auf die Covid-Pandemie. Zwar hatte Regisseurin Céline Sciamma die grundlegende Idee zu ihrem neuen Film schon während der Arbeit am Vorgänger, dem Meisterwerk „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ (2019). Doch als sie daran ging, die ersten Skizzen zu einem echten Drehbuch zu erweitern, waren die verheerenden Folgen der ersten Virus-Welle überdeutlich. Viele waren gestorben, ohne sich verabschieden zu können. Ihre Angehörigen mussten draußen bleiben und hilflos zusehen. Sciammas von Trauer handelnder Familienfilm wirkt wie ein Echo auf diese Verluste – eine Art Trost durch das Kino.

Nellys Eltern (Nina Meurisse und Stéphane Varupenne) laden die Sachen aus Großmutters Altenheim-Zimmer in einen Kleintransporter. Auf direktem Wege fahren sie zum verlassenen Haus der Oma, um es ebenfalls zu räumen. Dort, in dem Anwesen am Waldrand, ist Nellys Mutter Marion aufgewachsen. Die Rückkehr weckt Erinnerungen. Marion findet ihre alten Schulhefte und Nelly fängt an, sich auszumalen, wie ihre Mutter wohl hier aufgewachsen ist. Welche Ängste sie hatte, womit sie spielte und was es mit der Waldhütte auf sich hatte, von der ihre Mutter immer erzählt. Nellys Gedanken und Fantasien intensivieren sich, als ihre Mutter am nächsten Morgen überstürzt abreist.  Ihre Mama ist traurig, das weiß Nelly. Und kommt doch nur schwer damit klar, genauso wenig wie mit ihrem eigenen Verlust. Der Vater erklärt ihr, dass es wohl besser sei, wenn Marion Zeit für sich habe, statt mit dem Ort ihrer Kindheit konfrontiert zu werden. Nelly kämpft einen Moment mit den Tränen, fängt sich aber wieder. Als sie in den Wald läuft, lernt sie ein Mädchen kennen, das gerade aus Ästen eine zeltartige Behausung baut. Das Mädchen heißt Marion (Gabrielle Sanz), ist ebenfalls acht und sieht dank der Besetzung mit Zwillingsschwestern genauso aus wie Nelly.

Regisseurin Céline Sciamma filmt die erstaunliche Begegnung ohne jedes Wimpernzucken. Ein Blick der Kamera ins Nellys Gesicht, die etwas entdeckt zu haben scheint. Dann Schnitt – und schon ist die achtjährige Marion da, ohne Hokuspokus, ohne fantastische Verfremdung und ohne Zeitreise-Effekt. Nelly merkt schnell, dass Marion ihre eigene Mutter im Kindesalter ist. Allein schon deshalb, weil Marions Zuhause fast genauso aussieht wie das der Oma, nur dass die Möbel noch drin sind und die Oma (Margot Abascal) gut 20 Jahre jünger wirkt.

Wer an die Kindheit zurückdenkt oder sich gern in Tagträumen ergeht, kennt das: Realität und Fantasie fügen sich nahtlos ineinander, wie selbstverständlich wechseln sie einander ab. Von der einen zur anderen gelangt man ohne den Übergang, der den Schlaf vom Wachsein trennt. Das Kino kennt solche Zustände. Es genügt ein einziger Schnitt für das Konzept des magischen Realismus. Céline Sciamma weiß das. Sie feiert die Einfachheit filmischer Magie geradezu, in ihren ruhigen, aufgeräumten Spätsommerbildern, die die Wärme einer stillen, wohligen Melancholie atmen. Auf Augenhöhe mit der kindlichen Fantasie drehen – das heißt für die Filmemacherin: so unspektakulär wie möglich in deren Bewusstsein einzutauchen, das zwischen Spiel und Ernst, Träumerei und Wirklichkeitssinn frei oszilliert.

Nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene verstehen ohne filmtechnische Finessen, worum es in der Begegnung mit der „kleinen Mama“ des Filmtitels geht. Was in der direkten Kommunikation mit den Eltern keinen Platz hat, ergänzt die Arbeit der kindlichen Vorstellungskraft. Nicht umsonst sagt man, das Spiel der Kinder sei wie der Traum. Es helfe, Erlebtes zu verarbeiten. Auch das Kino ist, wenn es gelingt, diesem Wiederholungs-, Vertiefungs- und Befreiungsprozess sehr nahe. Vielleicht erklärt das die betörende Schlichtheit von Sciammas Film. Es mag verwundern, dass auf „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ eine solch stille Kindheitsskizze folgt. Doch bei aller Verschiedenheit bleibt die gemeinsame Handschrift sichtbar. Auch die Figurenzeichnung der erwachsenen Frauen in „Porträt…“ basiert auf äußerst feinen Strichen.

„Petite Maman – Als wir Kinder waren“ erzählt von Verlust und Trauerarbeit, ausgehend von einem genialen Einfall, nämlich der Begegnung mit der eigenen Mutter im Kindesalter. Regisseurin Céline Sciamma ist sich der schlichten Schönheit ihres Grundkonzeptes bewusst. Um es nicht zu überdehnen, hält sie ihren Film kurz: 72 Minuten.

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Wir vergeben daher 8,0 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Alamode Filmverleih

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Länge: 72min

Kategorie: Drama, Familienfilm, Kinderfilm

Start: 17.03.2022

cinetastic.de Filmwertung: (8,0/10)

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Info

Petite Maman – Als wir Kinder waren

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 72min
Kategorie: Drama, Familienfilm, Kinderfilm
Start: 17.03.2022

Bewertung Film: (8,0/10)

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