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Heinrich Vogeler – Aus dem Leben eines Träumers

Geschrieben von Peter Gutting am 7. März 2022

Das Künstlerdorf Worpswede steht dieses Jahr ganz im Zeichen des Malers, Schriftstellers und Sozialisten Heinrich Vogeler (1872 bis 1942). Das Jubiläum seines 150. Geburtstags ist auch Anlass für einen neuen Film. Marie Noëlle hat ihn gedreht und nennt ihn Doku-Fiktion. In einer Verschmelzung von Archivmaterial, Experteninterviews und Spielszenen zeichnet sie das turbulente, von brüsken Wendungen geprägte Leben als Maler, Genosse und Märtyrer nach. Heinrich Vogeler (Florian Lukas) soll ursprünglich das elterliche Großhandelsgeschäft übernehmen. Der Tod des Vaters ermöglicht ihm aber, 1895 nach Worpswede zu ziehen und das Haus Barkenhoff zu einem Künstlerdomizil im Sinne des Jugendstils auszubauen. Dort lebt er mit seiner Frau Martha (Anna Maria Mühe) und pflegt regen Austausch mit Künstlerkollegen, etwa mit dem Dichter Rainer Maria Rilke (Johann von Bülow) und Malerkollegin Paula Modersohn-Becker (Naomi Achternbusch). Doch das Leben als „Märchenprinz“ währt nicht ewig. Der Träumer, wie ihn der Film im Untertitel nennt, nennt sein bisheriges Leben irgendwann einen „Irrtum“, meldet sich freiwillig zum Ersten Weltkrieg und lernt danach die Kommunistin Sonja (Alice Dwyer) kennen.

Schauspieler Florian Lukas zieht ein lebensgroßes Abbild des echten Heinrich Vogeler aus einem Hochleistungsdrucker. Er zeigt es der Kamera, tritt ihm gegenüber, betrachtet es ehrfurchtsvoll und verneigt sich dann vor ihm. Aus der Geste kann man Zweierlei entnehmen. Zum einen verleugnet die Inszenierung ihren Blickwinkel aus heutiger Zeit in keiner Minute. Ein Drucker wird wie selbstverständlich von einem Darsteller im historischen Kostüm bedient. Zum anderen macht die Verbeugung klar, welchen Respekt der Film vor den Fakten, vor den historisch belegbaren Dokumenten und Persönlichkeitsmerkmalen hat. Ganz bewusst ist dies kein reiner Spielfilm, der sich größere Freiheiten gegenüber der Überlieferung nehmen darf als eine Doku. Etwa so, wie Regisseurin Marie Noëlle es in zwei früheren Porträts getan hat, in ihren Spielfilmen über Marie Curie (2016) und den bayerischen Märchenkönig Ludwig II., den sie 2012 gemeinsam mit ihrem 2013 verstorbenen Mann Peter Sehr realisierte.

Schon die ersten Filmminuten lassen keinen Zweifel an der dokumentarischen Genauigkeit von „Heinrich Vogeler – Aus dem Leben eines Träumers“. Während Florian Lukas auf einer idyllischen Wiese steht und in der Autobiografie Vogelers liest, erscheint neben ihm, am rechten Bildrand eine Fotografie des „echten“ Heinrich. Wenig später kommentiert eine Expertin aus dem Off die Spielszene. Sie hebt den Kontrast zwischen dem weichen Gemüt und dem radikalen Lebensweg hervor. Später wird man sie auch im Bild sehen, ganz wie bei einer „normalen“ Doku. Wollte man das Verhältnis von echtem Material und Spielszenen mit exakten Methoden quantifizieren, so hätte das Dokumentarische wohl ein Übergewicht. Gefühlt überwiegt jedoch der spielerische Anteil. Das tut dem Unterhaltungswert des Films gut, der mit einem Ensemble von bekannten Schauspielern aufwartet, neben den Genannten auch Samuel Finzi und Uwe Preuss.

Trotz aller Exaktheit und trotz allen Zeugnissen von Museumsleuten und Nachfahren Vogelers liegt den Filmemachern eine Interpretation von Biografie und Werk aus heutiger Sicht am Herzen. Was macht seinen Lebenslauf so spannend? Inwieweit spiegeln sich auch heutige Künstlerinnen und Künstler in seinem Wunsch nach einer besseren Gesellschaft, einem kollegialen, freundschaftlichen Austausch, ohne eitles Konkurrenzdenken? Und inwiefern steht Vogeler als ewig Suchender für ein Sinnbild des modernen Menschen?

Mühelos verschmilzt die Doku-Fiktion Vergangenheit und Gegenwart. Wenn Vogeler, Rilke und Paula Modersohn-Becker nach Paris reisen, um Auguste Rodin zu besuchen, schwimmt wie selbstverständlich ein modernes Lastschiff auf der Seine. Heinrich und Paula laufen in historischen Kostümen durch den Park, flaniert von Spaziergängern in Jeans und T-Shirt. Mehr noch: Rodin schaut mit seinen Gästen im Atelier der 1960 geborenen Künstlerin Sophie Sainrapt vorbei. Sie zeigt Rodin ein Heft mit erotischen Zeichnungen aus dem 21. Jahrhundert, die sie als eine Hommage an den weltberühmten Bildhauer betrachtet. Aber nicht ohne dem Zuschauer vorher zu erklären, was ihre eigene, feministisch inspirierte Kunst von der Vogelers oder Rodins unterscheidet. Das wirkt nicht wie eine ausgedachte Aktualisierung, sondern fügt sich zwanglos in den interpretatorischen Ansatz ein.

„Heinrich Vogeler – Aus dem Leben eines Träumers“ lässt sich durchaus auch als Geschichtsstunde begreifen. Aber der Nachhilfeunterricht für kunsthistorische Laien kommt nicht in pädagogischer Trockenheit daher, sondern als pfiffiges, von einer Spielhandlung dominiertes Porträt, das unbedingt auf die große Leinwand gehört. Schon allein wegen der vielen darin integrierten Werke des Malers.

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Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Farbfilm Verleih, Benjamin Eichler

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Länge: 90min

Kategorie: Doku-Drama

Start: 12.05.2022

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Info

Heinrich Vogeler – Aus dem Leben eines Träumers

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 90min
Kategorie: Doku-Drama
Start: 12.05.2022

Bewertung Film: (7,5/10)

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