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Wunderschön

Geschrieben von Peter Gutting am 30. Januar 2022

Nach der Liebeskomödie „SMS für dich“ (2016) und dem tragikomischen Actionfilm „Sweethearts“ (2019) legt Schauspielerin Karoline Herfurth nun ihre dritte Regiearbeit vor. Es ist wieder eine Komödie geworden, allerdings mit einem etwas ernsteren Beigeschmack und einer komplexeren Erzählstruktur. Am Beispiel von fünf Frauen erzählt die Berlinerin von überkommenen Rollenbildern und verschärften Schönheitsidealen. Das ist so nah an der Realität, dass sich wohl jeder darin wiederfinden kann, auch die etwas am Rande stehenden Männer.

„Ich will, dass ihr authentisch seid“, verlangt der Fotograf von leichtbekleideten, superschlanken, aufreizenden Models. Ist das ein schlechter Witz? Oder die neueste Version von Frauenverachtung? Unter dem Mäntelchen angeblich positiver Körperakzeptanz singen Werbung, Frauenmagazine und Youtuberinnen das alte Lied eines Schönheitsideals, dem alle hinterher rennen, ohne es jemals zu erreichen. Selbst Julie (Emilia Schüle), eines der Models, soll angeblich zu dick sein. Und doch gibt das Ideal ihrer Branche den Maßstab für Frauen jeglichen Alters, jeglicher Figur und jeglicher Physiognomie vor. Etwa für Buchhändlerin Frauke (Martina Gedeck), die sich von ihrem pensionierten Ehemann (Joachim Król) nicht mehr gesehen fühlt. Oder für die zweifache Mutter Sonja (Karoline Herfurth), die ihren von Schwangerschaft und Geburt geprägten Körper gegen die frühere Version ihrer selbst eintauschen möchte.

Noch heftiger ist die Lage für Teenager Leyla (Dilara Aylin Ziem), die wegen ihrer Pfunde krass gemobbt wird. Nur die feministisch angehauchte Lehrerin Vicky (Nora Tschirner) hängt ihr Glück nicht an Äußerlichkeiten. Sie macht die Männer zum Sexobjekt, nicht umgekehrt. Keine Liebe, keine Abhängigkeit, keine Anpassung.

Kein Mann ist auch keine Lösung, scheint hingegen Regisseurin Karoline Herfurth zu denken, deren Dramödie nicht auf das billige Abtun des ganzen Selbstoptimierungsquatsches abzielt. Mit leichter Hand und vielen Gags, aber nicht unernst zwingt sie die Zuschauerin und den Zuschauer, sich in wenigstens einer Figur ihres Ensemblefilms gespiegelt zu sehen. Denn es ist ja so: Kaum einer, zumindest von den kleinbürgerlichen Schichten aufwärts, würde zugeben, dass ihm Äußerlichkeiten wichtiger seien als die viel gepriesenen inneren Werte. Trotzdem sagen laut einer Umfrage der US-Zeitschrift „Glamour“ 80 Prozent der teilnehmenden Frauen, dass sie sich beim Blick in den Spiegel schlecht fühlen. „Wunderschön“ leuchtet hinter die Fassade, lotet tief sitzende Prägungen und Peinlichkeiten aus, die im Regelfall unterm Teppich bleiben. Aber wenn das Licht im Kinosaal ausgeht und eine Komödienspezialistin wie Karoline Herfurth den ganz normalen Alltag der Geschlechterverwirrungen auf die Leinwand holt, darf der Teppich eingerollt werden.

Lange verrät der episodische Film nicht, in welcher Beziehung die meisten der fünf Frauen zueinander stehen. Das erlaubt ihm assoziative Montagesequenzen, die etwas Erschreckendes nahelegen, ohne es explizit auszusprechen: Ein ganzes Leben lang, von der Pubertät bis zur Rente, müssen Frauen mit aufoktroyierten Rollenbildern kämpfen. Die einfache Lösung der „Body-Positivity“-Bewegung, nämlich sich in seinem Körper vorbehaltlos wohl zu fühlen, ist leichter gesagt als getan, wie Karoline Herfurth in ihren komplexen, dem Leben abgeschauten Figuren deutlich macht. Weil sie ihre Geschichte so nah am echten weiblichen Alltag ansiedelt, spielen weitere Themen hinein: das Zurückdrängen der Frauen in die Mutterrolle, die fehlende Vereinbarkeit von Karriere und Familie, die gerechte Aufteilung von Haushalt und Kindererziehung.

Gewiss streift der Film manch wohlbekanntes Klischee. Und selbst wenn man ihm zugutehält, dass das Leben selbst klischeehaft sei, so hat er seine berührendsten Momente doch in frischen, so noch nie gesehenen Szenen. Etwa wenn sich das von Koks und Abführmitteln in die Krise getriebene Model Julie mit einem kleinen Mädchen aus dem Nachbarhaus anfreundet. Wie Julie ist auch die kleine Toni (Luna Arwen Krüger) oft allein, und dann legt sich das Kind am liebsten in den leeren Container für Altpapier – ein Verhalten, das selbst die coole Influenzerin aus der Hochglanzillusion auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Manchmal essen sie dann Nudeln mit Zucker. Auch das ist eine Idee, auf die man erst mal kommen muss.

Unterm Strich bietet „Wunderschön“ gepflegte Unterhaltung für ein breites Publikum. Sicherlich gibt es Filme, die die Diktatur der Selbstoptimierung drastischer und radikaler anprangern, ohne die Wohlfühlschiene zu bedienen. Und gewiss könnte man darauf verzichten, den Weg von der Oberflächlichkeit zur Entdeckung des inneren Selbst von Lehrerin Vicky parallel zum Fortgang der Handlung durchdekliniert zu bekommen. Andererseits würde man dann den herrlich verrückten Auftritt versäumen, den Nora Tschirner, die auch in die Stoffentwicklung eingebunden war, als radikales Sex-Subjekt hinlegt.

„Wunderschön“ ist ein Wohlfühlfilm, der ein gewichtiges Thema leicht verpackt. Episodisch begleitet Regisseurin Karoline Herfurth fünf Frauen in ihrem Ringen mit Schönheitsidealen, Selbstoptimierungswahn und antiquierten Rollenmustern. Das Publikum darf sich dabei genüsslich zurücklehnen, wird aber von Zeit zu Zeit bei den eigenen Irrwegen und Fehlentscheidungen gepackt.

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Wir vergeben daher 7,0 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Warner Bros.

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Länge: 132min

Kategorie: Drama

Start: 03.02.2022

cinetastic.de Filmwertung: (7,0/10)

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Info

Wunderschön

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 132min
Kategorie: Drama
Start: 03.02.2022

Bewertung Film: (7,0/10)

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