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Gloria Mundi – Rückkehr nach Marseille

Geschrieben von Peter Gutting am 30. Januar 2022

Als eine Art französischer Ken Loach wird Robert Guédiguian manchmal beschrieben. Denn er zählt zu den wenigen im europäischen Kino, die sich auf das einlassen, was die meisten Menschen acht Stunden am Tag tun (müssen): arbeiten. Der Kampf ums täglich Brot spielt in den meisten seiner Filme eine Rolle, etwa in „Marius und Jeanette“ (1997), seinem wohl bekanntesten Werk. Aber auch in „Der Schnee am Kilimandscharo“, der 2011 den „LUX“-Filmpreis des Europäischen Parlaments gewann. Oder in „Das Haus am Meer“ (2018), seiner bislang letzten Arbeit, die er wie so oft mit vertrauten Stammschauspielern, darunter seiner Ehefrau Ariane Ascaride, gedreht hat. Sein neuestes Drama dreht sich um den Abschied von bisherigen Fronten des Klassenkampfes in einer Ökonomie, die mit prekären Jobs die Gesellschaft spaltet.

Ein Baby kommt auf die Welt. „Gloria“ heißt das Mädchen, das erste Enkelkind der Familie. Mathilda (Anaïs Demoustier), die ältere der beiden Töchter, hat ihm das Leben geschenkt, zusammen mit ihrem Mann Nicolas (Robinson Stévenin). Oma Sylvie (Ariane Ascaride) ist überglücklich, hat sie Mathilda doch unter schwierigen Umständen groß gezogen, zunächst allein, später gemeinsam mit Richard (Jean-Pierre Darroussin), der zwar „nur“ der Stiefvater von Mathilda ist, sich aber immer wie ein richtiger Vater gefühlt hat. Das ist seiner leiblichen Tochter Aurore (Lola Naymark) nicht entgangen, die ihrer Stiefschwester Mathilde seit langem mit Eifersucht begegnet.

Entsprechend kühl ist die Begrüßung, als Aurore mit ihrem Mann Bruno (Grégoire Leprince-Ringuet) das Zimmer im Krankenhaus betritt, in dem sich die Familie versammelt, um das Baby zu bestaunen. Nur einer kann nicht dabei sein, denn er sitzt seit Jahrzehnten im Gefängnis: Mathildas leiblicher Vater Daniel (Gérard Meylan), der seine Tochter nie kennengelernt hat. Doch auch lange Haftstrafen enden irgendwann einmal. Und so kehrt Daniel, der in der Bretagne inhaftiert war, zurück nach Marseille, um seine Enkelin zu sehen. Seine Ankunft bringt Dinge in Bewegung. Aber für die Probleme, ein Kind unter den gegenwärtigen Verhältnissen durchzubringen, kann er nichts.

Morgengrauen, die Lichter der Nacht leuchten noch. So präsentiert sich der Hafen von Marseille der Kamera, die mit Daniel in Rennes den Bus bestiegen hat. Zu getragener klassischer Musik taucht die Stadt wie eine Offenbarung aus dem Dunkel auf – wie ein heller Stern nach finsteren Zeiten. Strahlend herausgeputzt liegen die Schiffe am Kai, vor offenem Horizont. Wie beinahe in jedem Film des hier geborenen Regisseurs Robert Guédiguian spielt Marseille eine heimliche Hauptrolle.

Flair und Lebensgefühl der Industriestadt am Mittelmeer wehren sich dagegen, bloße Kulisse zu sein. Sie nehmen Einfluss auf Entscheidungen und Motive der Charaktere, im guten wie im schlechten Sinne. Das Gute an Guédiguians Marseille ist seine Lebendigkeit: eine mediterrane Leichtigkeit, die zu Geselligkeit einlädt. Das Schlechte hat mit der Industrie zu tun, mit Konkurrenz, Leistungsdruck und Ausbeutung. Diese Verhältnisse sind natürlich nicht spezifisch an den Heimatort des bekennenden Sozialkritikers gebunden. Aber er zeigt sie so, wie er sie am besten kennt, nämlich aus der Nähe, in den zwischenmenschlichen Verhältnissen bis hinein in die Familie.

Die Genauigkeit in der Beschreibung moderner Arbeitsverhältnisse zählt zu den großen Stärken des Films. Mathilda etwa muss sich von ihrer Chefin herumschubsen lassen, ihre Arbeit in einem Kleiderladen ist nur auf Probe. Ihr Mann Nicolas versucht es als Selbstständiger und ist dabei noch schlimmer dran. Er hat sich eine schicke Limousine besorgt, um über den Fahrdienst Uber gutbetuchte Touristen durch die Stadt zu kutschieren. Aber als ihm ein paar Männer – vermutlich konkurrierende Taxifahrer – den Arm brechen, steht er ohne Lohnfortzahlung da. Seine Schwiegermutter Sylvie putzt vorwiegend nachts, sie braucht die paar Euro mehr, um gemeinsam mit ihrem Ehemann über die Runden zu kommen. Was die Verhältnisse mit der Familie kleiner Leute anstellen, ist bis in die Körpersprache hinein zu sehen: Müdigkeit, unterdrückter Ärger, Hetze, vergebliche Anbiederung. Wem die prekären Bedingungen nutzen, zeigen Mathildas Schwester Aurore und ihr Mann. Sie haben es zu Geld gebracht, stehen auf der Seite der Ausbeuter und feuern jeden, der nach einer Sozialversicherung auch nur fragt.

In das realistische Sozialdrama mischen sich wie immer bei Guédiguian auch poetische Töne. Solidarität, Liebe und Gemeinschaft lassen selbst triste Verhältnisse leuchten. Vor allem dem geläuterten Ex-Häftling fällt diese Rolle zu. Er ist gekommen, um etwas gut zu machen. Aber leider scheint der Film ebenso hilflos vor der veränderten Realität zu stehen wie die heimliche Hauptfigur eines episodenhaften Ensemblestücks. Das Drama neigt zu nostalgischer Verklärung, indem es die Kraft der Versöhnung nur noch der älteren Generation zugesteht. Alle Jüngeren scheinen sich komplett der kapitalistischen Warenlogik zu unterwerfen, die bis in die intimsten Beziehungen vordringt. Wo das Geld regiert, so die erschütternde Botschaft, haben Ehe, Kinderkriegen und Familienglück keine Chance mehr. Das ist am Ende dann doch etwas schematisch gedacht in einer ansonsten auf Gut-Böse-Schemata verzichtenden Bestandaufnahme.

Ähnlich wie Ken Loach in „Sorry we missed you“ (2019) nimmt sich Robert Guédiguian der veränderten Arbeitswelt mit ihren prekären Jobs an. Sein neuer Film hat große Stärken in der detailgenauen Beschreibung von Verhältnissen, um die das Kino oft einen Bogen macht, gerät aber unterm Strich ein wenig zu nostalgisch.

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Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Film Kino Text

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Länge: 107 min

Kategorie: Drama

Start: 13.01.2022

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Info

Gloria Mundi – Rückkehr nach Marseille

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 107 min
Kategorie: Drama
Start: 13.01.2022

Bewertung Film: (7,5/10)

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