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Plan A – Was würdest du tun?

Geschrieben von Peter Gutting am 21. November 2021

Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs: Die Konzentrationslager sind befreit, die jüdischen Holocaust-Überlebenden irren durchs Land. Viele wandern nach Palästina aus, manche bleiben im Land der Täter. Aber nicht alle sind bereit, die Bestrafung der Nazi-Mörder dem Gutdünken der Alliierten zu über lassen. Einige von ihnen schließen sich in der Untergrundorganisation „Nakam“ zusammen. Deren Geschichte ist bislang kaum bekannt. Der packende Film des israelischen Brüderpaares Doron und Yoav Paz will das ändern.

Ein Haus auf dem Land. Ein Mann steht draußen im Garten, abgemagert, schmutzig, verzweifelt. Hier hat Max (August Diehl), der zerlumpte Heimkehrer, einst gewohnt. Aber jetzt leben dort seine früheren Nachbarn. Der neue Besitzer nimmt gleich das Gewehr in die Hand, als er Max, der bejammernswerten Gestalt, entgegentritt. „Warum hast du uns verraten“, will Max wissen. Und was mit Ruth und Benjamin geschehen ist. Aber der Mann mit dem Gewehr kennt nur eine einzige Antwort, auch jetzt, als Deutschland längst von den Alliierten besetzt ist: rohe Gewalt. Er schlägt dem Heimkehrer den Gewehrkolben ins Gesicht und droht: „Glaub‘ nur nicht, dass wir keine Juden mehr töten können, nur weil der Krieg vorbei ist“.

Die Szene ist zentral für den Film, der ein äußerst heikles Thema anfasst. Sie etabliert die Identifikation mit Max, dem Opfer, das sich anschickt, zurückzuschlagen. Die israelischen Regiebrüder Doron und Yoav Paz erzählen die reale Geschichte der Racheorganisation „Nakam“ anhand der Figur von Max, schlüpfen in seine Haut, teilen seine Gefühle. Das ist der eine Pfeiler des Nachkriegsdramas. Der andere besteht in der Frage, die zum Beginn aus dem Off gestellt wird und es auch in den deutschen Verleihtitel geschafft hat: „Was würdest du tun?“ Die direkte Ansprache des Publikums bricht mit der filmischen Illusion und umkreist ein moralisches Dilemma, das zum Nachdenken auffordert. Aufgrund der ausgewogenen Pfeilerkonstruktion gewinnen Gefühl und Verstand im Film dieselbe Relevanz, auch wenn sie sich widersprechen. Das Gefühl will Rache und der Verstand weiß, dass das nie eine gute Idee ist.

Dies vorausgeschickt, muss man jetzt endlich erzählen, worum es konkret geht. Die historische Organisation „Nakam“ (auf Deutsch: Rache) wollte mit ihrem Plan A sechs Millionen Deutsche auslöschen, als Vergeltung für sechs Millionen ermordete Juden. Die Untergrundzellen hatten vor, das Trinkwasser in mehreren deutschen Großstädten zu vergiften. Noch immer ist die Geschichte von „Nakam“ in der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt, obwohl sie seit den 1990er Jahren in Zeitungsartikeln aufgegriffen wird. Auch die Regisseure Doron und Yoav Paz, die in Israel aufgewachsen sind, haben vor ihrer Recherche nie davon gehört. Die Gründe sind kaum verwunderlich. Was hätte die Weltöffentlichkeit dazu gesagt, wenn Teile des israelischen Volkes, das 1945 noch über keinen eigenen Staat verfügte, nach dem alttestamentarischen Prinzip „Auge um Auge“ gehandelt hätten? Den Brüdern Paz ist es dennoch wichtig, das Thema nicht länger unter den Teppich zu kehren und der Organisation „Nakam“ einen würdigen Platz in der Geschichte zu verschaffen.

In einem riskanten Drahtseilakt verknüpfen die Brüder, die auch das Drehbuch gemeinsam geschrieben haben, die Spannungselemente des Thrills mit nachdenklichen, fast poetischen Momenten. Die unverbrauchten Bilder von Kameramann Moshe Mishali wollen spürbar ein möglichst großes Publikum fesseln, aber sie driften nicht in die klassischen Muster des Revenge-Genres ab – und schon gar nicht in die moralisch unbeleckte Überspitzung von Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ (2012), der die jüdische Rache nicht auf historische Fakten baut, sondern munter drauflos fantasiert.

Ob die Gratwanderung zwischen emotionalisierendem Kino und moralischer Reflexion überzeugt, ist auch von der ethischen Grundeinstellung des Zuschauers abhängig. Sie wird daher kontrovers ausfallen. Auf alle Fälle aber entfaltet das Nachkriegsdrama eine große Wucht, ohne vordergründig belehren zu wollen. Die Debatten, die der Film aufgrund seines Themas wohl auslösen wird, hat er sich redlich verdient: durch gründliche Recherche und große Sorgfalt bei der Suche nach dem richtigen Ton. August Diehl und Sylvia Hoeks in der Rolle seiner Kampfgefährtin Ana schlüpfen tief unter die Haut ihrer Figuren, um eine aus heutiger Sicht unvorstellbare seelische Not verständlich zu machen.

„Plan A – Was würdest du tun?“ verhandelt ein hoch interessantes Thema mit bewundernswertem Feingefühl. Was in der Nacherzählung als monströse Idee daherkommt, macht die stilsichere Inszenierung der Brüder Doron und Yoav Paz nachvollziehbar als zutiefst menschliche Regung– gerade aus der damaligen Situation heraus.

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Wir vergeben daher 8,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Camino

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Länge: 110 min

Kategorie: Drama

Start: 09.12.2021

cinetastic.de Filmwertung: (8,5/10)

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Plan A – Was würdest du tun?

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 110 min
Kategorie: Drama
Start: 09.12.2021

Bewertung Film: (8,5/10)

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