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Wer wir waren

Geschrieben von Peter Gutting am 15. Juni 2021

Beim Nachdenken über das eigene Leben hilft es manchmal, sich aus der Zukunft zu betrachten. Wo stehe ich in fünf Jahren? Oder gar: was sollen Hinterbliebene an meinem Grab über mich sagen? Der Autor und Moderator Roger Willemsen spielt das Gedankenexperiment in seinem letzten, unvollendeten Buchprojekt für die gesamte Menschheit durch. Wie würden die Menschen der Zukunft über uns Heutige urteilen? Dokumentarfilmer Marc Bauder („Master of the Universe“, 2013) steckte gerade in den Vorbereitungen für sein neues Projekt, als Willemsens Text 2016 posthum erschien. Er fand die kleine, auf einem Vortrag basierende Schrift so anregend, dass er sie in seinen dokumentarischen Essay mit einbezog. Daraus entstand eine bildstarke Suche nach den Kräften und Ressourcen, die die Zerstörung der Erde aufhalten könnten.

Mit seiner ganzen Pracht füllt der Planet die Leinwand. Nur ganz rechts ragt noch ein Solarpanel der Weltraumstation ISS ins Bild, in der die Kamera postiert ist. Bläulich schimmert die Kugel, in vielen Schattierungen, majestätisch durchs All schwebend, in grenzenloser Schönheit. Vielleicht muss man so hoch hinauffliegen, um in 400 Kilometer Höhe das große Ganze sehen zu können. Und zu staunen über das Erhabene und Einzigartige: über den einzigen bekannten Ort, wo es Leben gibt, inmitten der eisigen, toten Unendlichkeit. Dem Astronauten Alexander Gerst, der die Aufnahmen gemacht hat, ist es jedenfalls so ergangen. Das sei wirklich verrückt, sagt er dort oben, dass wir nichts Besseres zu tun hätten, als diesen wunderschönen kleinen Planeten zu zerstören.

Auf ähnlich faszinierende Bilder stoßen die, die in der entgegengesetzten Richtung unterwegs sind: in die tiefsten Tiefen des Meeres. Schwärme von Fischen locken die Taucher hinunter, aufeinander abgestimmte Massen, wie von fremder Hand choreographiert, die einen Strudel zu erzeugen scheinen. Die Ozeanografin und Umweltaktivistin Sylvia Earle erforscht seit 60 Jahren die Geheimnisse der Tiefsee, als eine der ersten ist sie einen Kilometer tief hinabgestiegen. Sie wundert sich, dass man den Mond und den Mars besser kartographiert habe als die Weltmeere. Und das, obwohl klar sei, welchen Einfluss die Verschmutzung und Erwärmung der Ozeane auf uns alle habe. „Wenn wir so weitermachen, folgt daraus, dass das Herz des Planeten unregelmäßig schlägt“, sagt die inzwischen 85-jährige, die sich weiter unermüdlich dafür einsetzt, dass jeder einzelne beginnt, etwas zu verändern – Stichwort Plastikmüll.

Die höchste Höhe und die tiefste Tiefe hätten allein eine faszinierende Spannweite für das Nachdenken ergeben. Aber Marc Bauder wollte es dabei nicht belassen. Er reist mit dem Ökonomen Dennis Snower zu dem Buddhisten und Molekularbiologen Matthieu Ricard nach Tibet. Er begleitet die junge Technikphilosophin Janina Loh ins japanische Fukushima. Und er besucht Felwine Sarr, den Autor des Buches „Afrotopia“, im Senegal, um über eine veränderte, selbstbewusste Rolle des schwarzen Kontinents in einer neu interpretierten Beziehung zu Europa zu sprechen. In allen Fällen geht es nicht um die Aufzählung von Fakten, das Präsentieren von Erkenntnissen. Es geht um das Innehalten, das Nachdenken über die Gefährdungen und die Chancen der Menschheit, das Ruder herumzureißen. Regisseur Bauder ist da ganz bei Roger Willemsen: „Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden“.

Im Unterschied zu anderen Öko-Filmen rückt „Wer wir waren“ nicht die Zerstörung in den Mittelpunkt, sondern die Hoffnung. Für die große Leinwand gemachte Bilder feiern das Großartige des Planeten, seine Vielfalt, seine Kräfte und seine Wunder. Allein auf der visuellen Ebene löst die kleine Weltreise lebensbejahende Assoziationen aus. Keiner der besuchten Orte scheint unwiederbringlich verloren, nicht einmal Fukushima, wo die Wellen am Strand heranrollen wie seit Zehntausenden von Jahren, als wollten sie sagen: „Wir bleiben hier, egal wie ihr Menschen euch entscheidet, ob ihr den Neuanfang schafft oder so weiter macht wie bisher.“

Die Bildsprache ist die Stärke des Films, sie öffnet Denkräume, ohne Antworten vorzugeben und ohne der audiovisuellen Nachrichtenflut weiteren Informationsmüll hinterherzuschieben. Nicht ganz so durchdacht ist allerdings die dramaturgische Logik des Films. Warum welcher Experte ins Spiel kommt und wie die eine Denkrichtung von der anderen profitieren kann, überzeugt nur im eingangs zitierten Spannungsverhältnis von Weltraum und Tiefsee. Die anderen Beiträge wirken manchmal ein wenig beliebig, so als hätte man problemlos eine weitere Sichtweise hinzufügen und genauso gut eine Ansicht weglassen können. Auch über das Verhältnis von Roger Willemsens Text und dem filmischen Konzept wird man lediglich im Presseheft aufgeklärt, nicht im Kino selbst.

Nach seinem eher monothematischen Dokumentarfilm „Master of the Universe“ über die Auswüchse des Finanzkapitalismus wagt sich Regisseur Marc Bauder an eine multiperspektive Betrachtung. Überzeugend ist dabei die visuelle Ebene mit überwältigenden Bildern aus dem Weltraum und der Tiefsee. Sie eröffnen Assoziationsmöglichkeiten und eigenes Nachdenken, das vielleicht auch mit weniger Wortbeiträgen ausgekommen wäre.

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Länge: 118 min

Kategorie: Documentary

Start: 08.07.2021

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Kategorie: Documentary
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