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Patrick

Geschrieben von Peter Gutting am 15. Juni 2021

Leider gibt es solche Meldungen immer wieder: Kinder werden entführt und tauchen jahrelang nicht mehr auf. In Filmen, meint der portugiesische Regisseur Gonçalo Waddington, würden derartige Fälle meist aus der Perspektive der verzweifelten Eltern erzählt. In seinem Debüt nimmt er deshalb das Schicksal eines Opfers unter die Lupe. Und zwar weniger die Jahre von Missbrauch und Gefangenschaft, sondern das Leben danach. Kann es gelingen, nach einem solchen Trauma wieder in ein normales Leben zurückzufinden?

Ganze zwei Mal lächelt Patrick (Hugo Fernandes) in 104 Minuten. Sonst bleibt sein Gesicht hart, verschlossen, abweisend. Im Blick des schlaksigen 20-Jährigen mit der „Mädchenfrisur“, wie seine Kumpels spotten, mischen sich Traurigkeit und Wut, Trotz und Schüchternheit. Angesichts seines Schicksals ist das mehr als verständlich. Mit acht Jahren wurde Patrick aus seinem portugiesischen Heimatdorf von einem Pädophilen nach Brüssel verschleppt. Als er 18 und erwachsen wurde, verlor sein Entführer, der zur Vaterfigur wurde, das Interesse an dem Jungen.

Patrick ging nach Paris und versuchte, sich ein eigenes Leben aufzubauen. Mit einem gutverdienenden Homosexuellen wohnt er in einem Luxusapartment. Er führt ein ausschweifendes Leben und schmeißt eines Abends eine Drogenparty, die die Polizei auf den Plan ruft. Auf dem Revier weiß man, dass Patrick eigentlich Mario heißt. Unter der Bedingung, dass er nach Portugal zu seiner Familie zurückkehrt, will man ihm bezüglich der Drogen- und anderer Delikte mildernde Umstände zugestehen.

Normalerweise fiele die Identifikation mit einer solchen Opferfigur nicht schwer. Aber Patrick/Mario ist auch Täter. Er verführt minderjährige Mädchen, filmt sie beim Sex und verkauft die Aufnahmen an ein Pornoportal. Warum er das tut, wo er doch selbst als Kind in pädophilen Filmen zu sehen ist, bleibt unklar. Der junge Mann, der sich peinlich jedes Körperhaar wegrasiert, ist ebenso verstockt wie schweigsam. Von außen betrachtet, erscheint er trotz seiner zerbrechlichen Physiognomie und Mädchenhaftigkeit als Halbkrimineller mit einem Hass auf Frauen und einem Hang zu plötzlichen Gewaltausbrüchen.

Gefühlt 80 Prozent des Films spielen nicht in Pariser Innenräumen, sondern im ländlichen Portugal. Hier öffnen sich die Bilder, zuweilen verlässt die Kamera sogar das Gesicht des Protagonisten, von dem sie zuvor wie magisch angezogen schien. Patricks Mutter Laura (Teresa Sobral) kommt ins Bild, eine schwer gezeichnete, nur mit Antidepressiva überlebende Frau, die ihren Sohn aufzumuntern versucht: „Wir schaffen das schon“. Außerdem trifft der Heimkehrer auf seine skeptische Tante Helena (Carla Maciel) und Cousine Marta (Alba Baptista), eine Sandkastenfreundin, die ihn mit ihrer Liebe retten will. Aber irgendwie scheint an dem jungen Mann alles abzuprallen. Gedankenverloren starrt er ins Leere, innerlich abgestorben und ohne Gefühlsregung außer der inneren Wut, die sich unübersehbar in seinen Augen spiegelt – ein merkwürdiger Kontrast zu dem warmen Licht der neuen Umgebung, dem leuchtenden Grün, dem ländlichen Haus, umgeben von Gärten und Wald.

Ganz bewusst hat der in Portugal als Schauspieler bekannte Regisseur Gonçalo Waddington (Jahrgang 1975) den Entführungsfall nicht mit faktensammelnder Recherche hinterlegt, beruft sich nicht auf authentische Berichte wie etwa dem von Natascha Kampusch. Er will den Fokus auch gar nicht auf die Gefühle während der Missbrauchsjahre legen, sondern auf die Identitätsverwirrung danach. Was wiegt schwerer, die acht unbeschwerten Kinderjahre oder die zehn Jahre danach? Aber dieser Konflikt bleibt verborgen hinter dem unbewegten Gesicht von Patrick/Mario, er versteckt sich in einem Gefühlsvakuum.

Das ist naturgemäß schwer zu verfilmen. Und so belässt es der Film bei Andeutungen und Symbolen, bei schönen Bildern, die Heilung versprechen, aber nichts bewirken. Ob ein Mensch, der derartiges durchmachen musste, tatsächlich so stumm und unzugänglich agieren muss, bleibt spekulativ. Die Lücken in der Erzählung scheinen den Zuschauer aufzufordern, eigene Mutmaßungen anzustellen. Aber weil die Hauptfigur nicht wirklich durchdacht ist, bleibt am Ende nur eine schön bebilderte Leere.

Patrick ist der Versuch, eine Kindesentführung aus der Sicht des Opfers zu erzählen. Aber trotz einfühlsam komponierter Bilder und dem Bemühen der Kamera, in Gesichtern zu lesen, löst das Debüt von Gonçalo Waddington nicht diejenigen Gedanken ein, die sich der Regisseur im Presseheft zum Thema Identitätskonflikte macht. Offenbar hat er zu viel Unterschiedliches gewollt und seine filmische Erzählung damit überlastet.

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Wir vergeben daher 5,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Real Fiction

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Länge: 103 min

Kategorie: Drama

Start: 15.07.2021

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Patrick

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 103 min
Kategorie: Drama
Start: 15.07.2021

Bewertung Film: (5,5/10)

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