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Matthias & Maxime

Geschrieben von Peter Gutting am 15. Juni 2021

Gerade mal 19 war Xavier Dolan, als er seinen ersten Spielfilm „I killed my Mother“ (2009) drehte. Inzwischen ist seine Filmographie auf acht Arbeiten angewachsen. Von seiner jugendlichen Energie hat der mittlerweile 30-Jährige nichts eingebüßt, aber dennoch etwas hinzugewonnen: das Talent, auch mal einen Gang runterzuschalten und sich – wenigstens zum Teil –  auf das Indirekte, Übersprungene, Minimalistische zu verlassen. In Kombination mit der nach wie vor staunenswerten Bereitschaft zum emotionalen Overkill ergibt das eine gereifte Stilistik, die nicht mehr alles ausprobieren muss, was das Arsenal der filmischen Mittel so hergibt. Zumindest nicht in ein und demselben Werk.

Gegen Ende entdeckt Maxime (vom Regisseur selbst verkörpert), per Zufall eine Kinderzeichnung, die ihm die Tränen in die Augen treibt. Sein Sandkastenfreund Matthias (Gabriel D’Almeida Freitas) hat das Bild gemalt, als Siebenjähriger mit den alterstypischen Motiven von einem Haus – in diesem Fall einem Bauernhof – und den Menschen, die darin wohnen. Aber gezeigt werden nicht Mama, Papa und Matthias, sondern zwei Buben, die ihr häusliches Glück gefunden haben. „Der Hof von M. und M.“ hat die Kinderhand unter ihre Wunschprojektion geschrieben.

Knapp 25 Jahre später sind Matt und Max, wie sie von allen genannt werden, noch immer dicke Freunde. Nur die häusliche Gemeinschaft hat sich nicht einstellen wollen, obwohl Max schwul ist und seine Blicke die Sehnsucht nach dem, was sich Matt einst erträumte, weiterhin verraten. Aber Matt lebt heterosexuell, hat eine feste Freundin und steht vor dem nächsten Karriereschritt in einer vornehmen Anwaltskanzlei. Max hingegen kellnert und kümmert sich um seine alkoholabhängige Mutter. Er will demnächst zwei Jahre nach Australien gehen – um Abstand von der zerrütteten Eltern-Kind-Beziehung zu suchen und sich selbst zu finden.

Aber zunächst soll Abschied gefeiert werden mit der spätpubertären Freundesclique, zu der Matt und Max gehören. In dem großzügigen Landhaus am See passiert etwas, das die fragile Balance zwischen Freundschaft und Erotik über den Haufen wirft. Die kleine Schwester des gemeinsamen Freundes Rivette (Pier-Luc Funk) will einen Kurzfilm für ihr Kunststudium drehen, die Darsteller haben abgesagt, Max ist bereit einzuspringen und der widerspenstige Matt muss wegen einer verlorenen Wette mitmachen. Da weiß er noch nicht, worum sich der Film dreht: Zwei Männer küssen sich. Das lässt all das Verdrängte wieder wach werden, wogegen sich Matt die ganzen Jahre gewehrt hatte. Und ruft zugleich eine heftige Gegenreaktion hervor. Der aufstrebende Jurist im glattgebügelten Anzug sträubt sich nun umso mehr dagegen, ein Schwuler zu sein.

Während sich Max mit seiner Mutter (gespielt von Anne Dorval aus Dolans Frühwerken) bis zur Handgreiflichkeit zofft und die Clique lautstark feiert, verlieren Matt und Max kein Wort über ihren Gefühlsaufruhr. Aber in den Bildern ist er sichtbar. Etwa, wenn Matt in der Nacht nach der Kussszene (die übrigens kunstvoll im Off bleibt) nicht schlafen kann und im Morgengrauen hinaus in den See schwimmt – eine meisterhaft montierte Sequenz aus Wut, Flucht, Auspowern und traditionellem Männerbild, das emotionale Verwirrung mit sportlichen Höchstleistungen und gestähltem Körper bekämpft. Oder wenn Matt bei einer weiteren Party eine Abschiedsrede auf seinen Freund halten soll. Ihm fehlen die Worte bis zur Peinlichkeit – sehnt er die räumliche Distanz vielleicht herbei?

„Ich will reden, ich will verstehen“, sagt Max einmal. Der Wunsch wird ihm nicht erfüllt werden, denn der Film sträubt sich gegen das klassische Schema einer Liebesgeschichte mit ihren Annäherungen, Hindernissen und klaren Entscheidungen. Indem Dolan das Unausgesprochene zwischen Matt und Max in der Schwebe hält, erzählt er im Hintergrund eine zweite Geschichte: die der guten Freunde, die die Krise zwischen den unglücklich Liebenden wie selbstverständlich auffangen und ausbalancieren. Keiner spricht offen darüber, aber jeder weiß, was die beiden quält und tut im richtigen Moment genau das, was die haltlos Taumelnden stützt. Mag die Cliquensolidarität auch noch so sehr von vergangenen Symbolen und Ritualen zehren, Dolan setzt ihr auf dem Weg ins verspätete Erwachsenwerden ein berührendes Denkmal.

„Matthias & Maxime“ ist eine energiegeladene Ode an die Freundschaft, die sich dem klassischen Beziehungsdrama verweigert. Regisseur Xavier Dolan tut in seinen letzten Filmen viel, um das ihm angeklebte Etikett eines Wunderkindes los zu werden. In seinem achten Werk greift er nicht mehr in jede Spielkiste ästhetischer Mittel und zitiert weniger wild drauf los als in seinem Frühwerk. Richtig erwachsen will er aber mit 30 noch längst nicht werden. Und das ist gut so.

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Länge: 121 min

Kategorie: Drama, Romance

Start: 29.07.2021

cinetastic.de Filmwertung: (8/10)

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Matthias & Maxime

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 121 min
Kategorie: Drama, Romance
Start: 29.07.2021

Bewertung Film: (8/10)

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