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Die Welt wird eine andere sein

Geschrieben von Peter Gutting am 15. Juni 2021

Was geschieht mit der Liebe, wenn sie unter Druck gerät? Das ist das große Thema der Filmemacherin Anne Zohra Berrached. Ob ein lesbisches Paar ein Kind möchte und sich dabei in schier unlösliche Konflikte verwickelt („Zwei Mütter“, 2013) oder ob Eltern eine Spätabtreibung verantworten wollen, wenn das Kind extrem behindert und kaum lebensfähig zur Welt kommen würde („24 Wochen“,2016) – nie möchte man in der Haut derjenigen stecken, die auf der Leinwand um das Überleben ihrer Beziehung ringen. Zu erwarten, dass die aus Ostdeutschland stammende Tochter eines Algeriers in ihrem neuen Film einfach nur die Geschichte einer großen, starken Liebe erzählen möchte, wäre geradezu naiv. Vielmehr ist die einfühlsam ausgeleuchtete Grenzsituation vielleicht sogar die extremste in Berracheds bisherigem Werk.

Deutschland, Mitte der 1990er Jahre: Tausend Schmetterlinge im Bauch und dann fliegen, einfach abheben. So fühlt sich Asli (Canan Kir) mit Saeed (Roger Azar). Als er ihr erzählt, er würde am liebsten Pilot werden, läuft sie los, breitet die Arme aus. Saeed liegt auf ihrem Rücken, greift mit den Armen nach vorne, als würde er die Maschine steuern. Sanft sinkt die Kamera zu Boden, und aus der Froschperspektive sie es wirklich so aus, als würde das Paar in die Lüfte entschweben. Da löst das Wort „Pilot“ noch keine Vorahnungen aus. Denn Saeed ist ein lebenslustiger, verspielter, mit charismatischem Selbstbewusstsein ausgestatteter junger Mann. Eben erst ist er aus dem Libanon ins deutsche Rostock gekommen. Asli lebt schon länger hier, ist westlich geprägt, obwohl ihre türkische Mutter streng auf die Traditionen der Heimat achtet. Dass die Tochter Medizin studiert, empfindet sie als Sünde gegen die Pflichten einer frommen Frau. Dass sie aber einen Araber (wie zum Beispiel einen Libanesen) heiraten könnte, liegt außerhalb jeder Vorstellungskraft. Asli setzt ihren Willen heimlich durch.

„Zieh deine Hose an“, fordert die junge Deutschtürkin, als ihr Geliebter nackt in die Ostsee rennt. Im ersten Jahr ihrer Liebe ist er der liberalere. Doch das wird sich ändern. Es beginnt mit skeptischen Blicken, wenn Asli ihren Mann auf der Hochzeit der besten Freunde aus der Ferne telefonieren sieht. Ihre Augen sagen: Was ist so wichtig? Ihr Mund sagt: nichts. Ein Jahr später haben die Freunde ein Baby bekommen. Es soll gefeiert werden, aber Saeed verdirbt die Stimmung mit einer Hassrede auf das Unwesen der Zinswirtschaft. Er steigert sich in immer absurdere Thesen, wettert gegen die Juden. Asli sieht stumm zu, fleht verzweifelt mit den Augen, ihr Geliebter möge schweigen. Trotzdem verteidigt sie ihn. Liebe ist wichtiger als Wahrheit.

Man kann viel lesen in Aslis Augen. Fast der ganze Film spielt sich auf ihrem offenen, durchlässigen Gesicht ab, das die Kamera von Christopher Aoun wohlwollend und respektvoll in vielen Großaufnahmen begleitet. Über Saeed erfährt man längst nicht so viel. Harte Schnitten und Schwarzblenden gliedern die Auslassungen der in fünf Kapitel eingeteilten 119 Minuten. Und: Der Blick auf Saeed ist immer der Blick Aslis. Deren Augen funkeln selten zornig, ihr Mienenspiel fordert fast nie etwas ein, gleitet viel öfter ins Liebevolle, Nachsichtige. Ob sie nicht wissen will, welch dunkle Pläne ihr Ehemann verbirgt, oder ob sie ihn aus Liebe verkennt, bleibt offen. „Du musst meine Geheimnisse bewahren“ ist jedenfalls der Schwur, den er ihr bei der Hochzeitszeremonie vorliest. Trotz ihrer Eigenständigkeit bleibt Asli schwach, wenn es um Beziehungen geht. Weder ihrer Mutter noch ihrem Ehemann kann sie offen widersprechen. Ihre Bedürfnisse bleiben in solchen Momenten auf Harmonie gebürstet.

Das ist feinfühlig inszeniert und wird von den beiden eher unbekannten Darstellern authentisch verkörpert, so als würden sie sich selbst spielen. Solange man nicht ahnt, auf welcher realen Geschichte der Film basiert, funktioniert die Identifikation, öffnet sich die Geschichte ins Universelle: Wie viel weiß man wirklich von seinem geliebten Partner? Doch je öfter das Thema Pilotenausbildung ins Spiel kommt, umso schwerer fällt es, in Saeed nur einen mit dem Leben in der Fremde ringenden, aber ansonsten charmanten und klugen Studenten zu sehen, der Halt in seiner Religion sucht. Wüsste man nicht um die dramatischen Folgen seiner islamistischen Verirrung, würde man ihm wohl bis zum Schluss die Daumen drücken, er möge doch die Kurve kriegen und auf seine Frau hören. Aber besonders den Älteren unter den Zuschauern dürfte das schwerfallen, zumal der deutsche Filmtitel mehr andeutet als nur „Copilot“, die internationale Festivalversion. Am besten man beherzigt einen Rat, den Regisseurin Anne Zohra Berrached ihren Schauspielern am Set gibt: Alles vergessen, was man weiß, nur den Moment fühlen.

„Die Welt wird eine andere sein“ ist so etwas wie der dritte Teil einer Folge von sehenswerten Filmen über Liebe unter Druck. Mit gewohnter Empathie lässt Regisseurin Anne Zohra Berrached den Zuschauer Mäuschen spielen in einer Ehe, die vom Gift des Islamismus zerfressen wird. Auf einer allgemeineren Ebene geht es dabei um die Frage, wie viel Geheimnisse die Liebe tolerieren darf. Und wann Wegsehen schuldig macht.

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Länge: 118 min

Kategorie: Drama

Start: 12.08.2021

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Die Welt wird eine andere sein

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 118 min
Kategorie: Drama
Start: 12.08.2021

Bewertung Film: (7/10)

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