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Der Masseur

Geschrieben von Peter Gutting am 15. Juni 2021

Fast alle Filme hat die Polin Małgorzata Szumowska mit ihrem Kameramann Michael Englert gedreht, etwa ihr Debüt „Leben in mir“ (2004) und viele folgende. Die beiden entwickeln ihre Stoffe häufig zusammen, Englert hat auch schon an Drehbüchern mitgeschrieben. Im neuen Film fungiert er erstmals auch als Ko-Regisseur. Das ist nur konsequent. Wie kaum eine andere Arbeit von Małgorzata Szumowska funktioniert die Tragikomödie über die Sehnsüchte und Neurosen neureicher Emporkömmlinge über das Visuelle. Die Blicke auf Häuser, Straßen und Innenräume allein erzählen Geschichten, dringen unter die Oberfläche und legen seelische Folgeschäden eines beschleunigten Kapitalismus frei, nicht nur in Polen.

Luftaufnahme einer Vorstadtsiedlung. Zu sehen sind villenartige Häuser, hübsch verteilt zwischen menschenleeren Straßen, getrennt durch Rasenflächen ohne Baum oder Strauch. Ganz sanft dreht sich die Kamera, nicht genug, um Schwindel zu erzeugen, aber doch so, dass ein Moment der Entrückung, des Unwirklichen und Surrealen entsteht. Kann es das geben, etwas derart Uniformes, wie auf dem Reißbrett Abgezirkeltes? In der Tat ist es gar nicht wichtig, die Frage nach der Authentizität zu beantworten, obwohl im Presseheft nachzulesen ist, wie sich die Filmemacher Zugang zu der real existierenden Siedlung verschafft haben, einer mit Mauer und kontrolliertem Zugang von der Außenwelt abgekoppelten „Gated Community“. Der Ort ist keine Vorlage für eine dokumentarische Studie, eher ein Zeichen, ein Hinweis auf ein Lebensgefühl: auf ein Dilemma, das wohl viele kennen, die auf der Flucht in den Luxus so viel arbeiten, dass sie kaum zu Hause sein können. Und die nur ihre Frauen und Kinder zurücklassen, gelangweilte beziehungsweise verzogene Geschöpfe.

Zhenia (Alec Utgoff) lebt nicht hier, aber er verdient sein Geld mit dem Entspannungsbedürfnis der Neureichen. Der aus der Ukraine stammende Masseur kümmert sich unter anderem um Maria (Maja Ostaszewska), eine gestresste Hausfrau und Mutter, die sich von dem gut aussehenden jungen Mann und seinen kundigen Händen eine kleine Auszeit von der ewigen Nerverei mit der Erziehung erhofft. Zhenia, selbst geheimnisvoll und wenig von sich preisgebend, spürt nicht nur Marias verhärtete Muskeln, sondern auch, was die Mittvierzigerin gerne hören möchte.

Etwa, dass ihr Körper viel jünger ist als ihr offizielles Alter. Und dass er ihr Heiler sein wird, der sie von ihren Leiden erlöst. Tatsächlich geschehen bei Marias Massagen und bei denen ihrer Nachbarn magische Dinge. Irgendwann fallen die Klienten in Schlaf, Zhenia geht derweil ganz ruhig im Haus herum, setzt sich vielleicht ans Klavier, sinnt nach oder wartet einfach ab. Der Film zeigt dann einen verwunschenen Wald, immer denselben, die Klienten wandeln darin, erkunden ihre tiefsten Sehnsüchte und Traumata. Irgendwann ist wieder Zhenia zu sehen, wie er mit dem Finger schnippt und seine Schützlinge aufweckt. Ein Therapeut mit hypnotischen Fähigkeiten, der für den Körper engagiert wird, aber zugleich die Seele gesunden lässt.

In ihrer faszinierenden Bildsprache verschmelzen Szumowska und Englert Ironie mit Ernsthaftigkeit. Sie legen die Schwächen unserer Zeit höchst amüsant bloß, etwa den Selbstoptimierungswahn, den Glauben an Wunderheiler, den überbordenden Materialismus, verbunden mit spiritueller Leere. Sie machen sich ein Stück weit über ihre Figuren lustig, aber eher im Sinne einer Selbstironie, die uns alle einschließt. Und zugleich lassen sie in jedem einzelnen von Zhenias Klienten reale Traumata aufscheinen, die es verdienen, behandelt zu werden. Der Masseur selbst ist eigentlich ein Underdog, er kommt aus einem ärmeren Land, mit unsicherem Aufenthaltsstatus im reicheren Polen. Aber er nutzt die Leichtgläubigen, die in ihm eine Art Guru sehen, nicht aus. Er hilft ihnen wirklich. Die Begegnung mit dem Unbewussten, die er in der Hypnose ermöglicht, verändert die Neurosegeplagten ein Stück weit, ohne dass der Film von der Komödie komplett ins Therapeutische kippen würde.

Es ist nicht ganz unwichtig, dass der deutungsoffene und vielschichtig interpretierbare Film kurz vor Weihnachten spielt. Immer wieder beklagen Zhenias Klienten, dass es heutzutage keine weißen Festtage mehr gebe, die Kinder also keinen Schneemann bauen könnten, so wie früher, als man noch arm und kommunistisch war, aber die sanfte Ruhe genießen konnte, die die weiße Decke über das Land und die Sorgen der Menschen legte. Der Film, der im Internationalen Titel „Never gonna snow again“ heißt, hält auch in dieser Hinsicht eine Überraschung bereit. Im Abspann wird dann das Datum genannt, an dem Wissenschaftler das Ende jeglichen Schneefalls in Europa voraussagen. Spätestens nun ist klar, dass sich dieser Film keineswegs nur mit polnischen oder postsozialistischen Problemen beschäftigt.

„Der Masseur“ erzählt etwas, was schon oft beschworen wurde: Ein Fremder kommt in eine geschlossene Gemeinschaft, mit seiner Anwesenheit beginnen sich Dinge zu verändern. Aber es ist nicht die Geschichte, sondern die visuelle Wucht, die den Film von Małgorzata Szumowska und Michael Englert ausmacht. Ausgefeilte Bildkompositionen und hypnotische Kameraführung erlauben ihnen, über ihre Figuren zu lachen und sie gleichzeitig ein Stück weit zu mögen.

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Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Real Fiction

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Länge: 113 min

Kategorie: Drama

Start: 19.08.2021

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Der Masseur

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 113 min
Kategorie: Drama
Start: 19.08.2021

Bewertung Film: (7,5/10)

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