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Das Wunder von Fátima

Geschrieben von Peter Gutting am 15. Juni 2021

Anfang der 1950er Jahre wurde die Heiligengeschichte von drei portugiesischen Hirtenkindern, denen die Mutter Gottes erschien, gleich zweimal verfilmt: einmal als Hollywoodversion und einmal vom Spanier Rafael Gil im neorealistischen Stil. Damals traf die auf wahren Begebenheiten beruhende Legende um einen der wichtigsten Wallfahrtsorte der katholischen Kirche auf eine überwiegend noch gläubige Bevölkerung. Im Jahr 2021 geht das natürlich nicht mehr. Wenn man das Thema überhaupt aufgreifen will, braucht die Neuinszenierung des Glaubensdramas einen realistischen, skeptischen Dreh. Der ist dem Italiener Marco Pontecorvo über weite Strecken gelungen. Und zwar so, dass Wundergläubige keineswegs vor den Kopf gestoßen werden.

Mai 1917: Auf dem Marktplatz der Gemeinde Fátima verliest der Bürgermeister (Goran Visnjic) die Namen der getöteten Soldaten im Ersten Weltkrieg in alphabetischer Reihenfolge. Viele Mütter weinen, brechen zusammen, andere umarmen einander, wenn der Kelch an ihnen vorbeigeht. Die Ungewissheit zehrt an Maria Rosa (Lúcia Moniz), Mutter der zehnjährigen Lúcia (Stephanie Gil). Der älteste Sohn ist im Krieg, seit Monaten schreibt er nicht mehr, und die jüngste Tochter bekommt die Launen, Sprunghaftigkeit und Unduldsamkeit ihrer Mama zu spüren. Kein Wunder dass die kleine Lúcia sich nichts sehnlicher wünscht, als dass ihr Bruder unversehrt zurückkehrt.

Vom Krieg selbst ist in der ländlichen, bäuerlichen Abgeschiedenheit nichts zu spüren. Lúcia, die mit zwei anderen Kindern, ihrer Cousine und ihrem Cousin, die Schafe hütet, streift unbekümmert durch eine Landschaft traumhafter Schönheit. In der Schäferidylle haben die drei ihre Lieblingsplätze und besonders gern erproben sie das Echo. „Ave“ ruft Lúcia dann zur gegenüberliegenden Hügelkette hinüber, die beiden anderen schicken ein „Maria“ hinterher. Wie oft schallt es zurück? Zweimal oder dreimal? Es ist, als würden die Rufe erhört. Plötzlich ein Blitz, Wind kommt auf, das Licht strahlt. Träumerische Verzauberung driftet in übernatürliche Erscheinungen. Die Cousine fällt kurz in Ohnmacht, dann schreitet sanft und ruhig eine junge Frau (Joana Ribeiro) auf die Kinder zu, ganz in Weiß gehüllt, mit einer warmen, freundlichen Stimme. „Ich komme vom Himmel“ sagt sie. Und dass die Kinder den Rosenkranz beten sollen, um den Krieg zu beenden. Außerdem sollen sie jeden Monat an dieselbe Stelle zurückkehren, um neue Botschaften zu empfangen.

Lúcias Mutter ist wütend, als sie erfährt, was die Kinder erlebt haben wollen. Als gläubige Katholikin hält sie die überschießende Phantasie ihrer Tochter für Gotteslästerung. Auch der Pfarrer, der Bürgermeister und sogar ein herbeigerufener Bischof versuchen, die Kinder zum Widerruf ihres Zeugnisses zu zwingen. Aber da ist es schon zu spät. Die Kunde von der Marienerscheinung verbreitet sich in Windeseile. Im nächsten Monat erscheinen schon Hunderte, dann Tausende und Zehntausende an dem Wallfahrtsort. Niemand außer den Kindern sieht die Muttergottes, aber die Kranken und Gebrechlichen, die Verwundeten und Bangenden erwarten in diesen schweren Zeiten nichts sehnlicher als ein Zeichen des Himmels.

Regisseur Marco Pontecorvo erzählt das ganz aus der Sicht der Kinder, aus staunender, naiver Perspektive. Seine Bilder sind realitätsnah, aber oft einen Tick überhöht, mit gleitenden Kamerabewegungen und einem Sinn für das Tagträumerische, für das Gleißen des Lichts, für die Irritationen inmitten des Alltags. „Ein Moment der Hoffnung“, heißt der Film im Untertitel. Es ist ein Verweis darauf, wie unterschiedlich man die Welt sehen kann, entweder als nackte Tatsache oder als subjektiv gefärbte, emotional aufgeladene Wirklichkeit, die vielleicht gar nicht mehr so trist ist, wenn man sich den magischen Glauben aus Kindertagen bewahrt. Allerdings gerät die Erzählung, die sich auf die Memoiren der realen Lúcia dos Santos stützt, dadurch zuweilen auf arg märchenhafte und wundergläubige Abwege.

Daher ist es eine gute Entscheidung, in einer Rahmenhandlung die alternde Lúcia (Sônia Braga) im Jahr 1989 mit einem skeptischen Professor Nichols (Harvey Keitel) zu konfrontieren. Der Wissenschaftler besucht die Nonne in ihrem Kloster, um sie für sein neues Buch zu befragen, das den Wunderglauben widerlegen möchte. Streng getrennt sprechen die beiden in verschiedenen Räumen, verbunden nur durch ein vergittertes Fenster in der Wand. Das schöne Symbol für die komplett unterschiedlichen Weltsichten verspricht eine Symmetrie, eine Art Gleichberechtigung von Glauben und Wissen. Der Professor hat für Lúcias Bericht eine weltliche Erklärung, zitiert das Unbewusste, verweist auf Sinnestäuschungen. Aber er behandelt die Nonne mit dem gleichen Respekt wie sie ihn. Wo die Wissenschaft aufhört, fängt der Gaube an, könnte das Motto der räumlichen Anordnung lauten. Radikalere Konsequenzen zieht Albert Einstein, der im Abspann zitiert wird: „Es gibt nur zwei Arten zu leben. Entweder so, als wäre nichts ein Wunder oder so, als wäre alles ein Wunder.

„Das Wunder von Fátima“ erzählt spannend und berührend die Geschichte des Hirtenkindes Lúcia dos Santos nach, deren Seligsprechung Papst Benedikt XVI. im Jahr 2008 auf den Weg brachte. Aus kindlicher Perspektive taucht Regisseur Marco Pontecorvo in das magische Denken der damals Zehnjährigen ein, ohne den Wahrheitsgehalt ihrer Erzählung zu bestreiten. Das Korrektiv für die Skeptiker erhält sein Gewicht in Gestalt eines streng wissenschaftlichen Professors. So bekommt jede Seite ihr Recht – und der Zuschauer seine eigene Version der Geschichte.

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Länge: 113 min

Kategorie: Drama

Start: 17.06.2021

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Das Wunder von Fátima

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 113 min
Kategorie: Drama
Start: 17.06.2021

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