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Das Fieber – der Kampf gegen Malaria

Geschrieben von Peter Gutting am 15. Juni 2021

Die Heilpflanze Artemisia annua, auch bekannt als „einjähriger Beifuß“ ist ein vielseitiges Kraut. Sogar gegen Covid 19 soll sie im Laborversuch Wirkung zeigen, wenn man dem Team von Professor Dr. Peter Seeberger am Potsdamer Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung glauben darf. Davon konnte Regisseurin Katharina Weingartner freilich noch nichts wissen, als sie 2019 ihre Dokumentation über die Malaria-Krankheit südlich der Sahara drehte. Ihr geht es um eine andere These: Mit wenig Geld könnten viele Menschen, vor allem Kinder unter fünf Jahren, gerettet werden, wenn die Regierungen in Ostafrika den Eigenanbau von Artemisia und die einfache Zubereitung der Pflanze als Tee fördern würden.

Eine Frau erzählt ihre Geschichte. Eines Nachts bekommt ihr Baby hohes Fieber. Sie geht am nächsten Morgen zum Arzt. Er gibt dem Kind eine Spritze, dann eine weitere am Abend. Nichts hilft. Nach drei Tagen ist der Sohn der jungen Mutter tot, gestorben an der häufigsten Todesursache von Kindern unter fünf. 18 Jahre ist das jetzt her, der junge Mann wäre gerade volljährig geworden. Gefasst kann die Frau mit der Strickmütze auf dem Kopf davon erzählen, auch wenn ihr der Schmerz noch immer ins Gesicht geschrieben ist.

Ganz bewusst hat die österreichische Filmemacherin diesen indirekten Einstieg für ihren Film gewählt, statt herzzerreißender Bilder aus Krankenhäusern mit schreienden oder apathisch starrenden jungen Patienten. „Das Fieber“ will sich nicht einreihen in das Muster aus Anklage und der Bebilderung von Leid, von Schreckensbildern aus einem ausgebeuteten und verlassenen Kontinent. Die Dokumentation will ein Gegenbeispiel erzählen, eine Geschichte darüber, wie sich Menschen aus Ostafrika selbst helfen. Und wie sie noch viel mehr erreichen könnten, wenn man ihnen keine Steine in den Weg legte.

Rehema Namyalo ist Heilpraktikerin und Bäuerin in Masaka, Uganda. Sie ist überzeugt, dass Artemisia mit ihren 240 Wirkstoffen gegen Malaria hilft. Vielleicht nicht so schnell wie ein chemisches Mittel mit dem Wirkstoff Artemisinin, der aus der Pflanze isoliert wird. Aber vielleicht besser und nachhaltiger, wenn der bittere Tee aus der Pflanze sieben Tage lang getrunken wird. Es sei das Zusammenspiel vieler Substanzen, das die seit 2000 Jahren in der traditionellen chinesischen Medizin eingesetzte Heilwirkung ausmache, auch gegen Fieber im Allgemeinen und andere Krankheiten.

Auch Biologieprofessor Richard Mukabana an der Universität Nairobi glaubt, dass lokale Methoden seinem Land besser helfen als teure Medikamente und Fliegenbekämpfungsmittel aus dem Ausland. Er beklagt, dass 90 Prozent der Gelder für die Malariaforschung in westlichen Staaten ausgegeben werden, die von der Krankheit gar nicht betroffen sind. Sein Kollege Patrick Ogwang, Pharmakologe an der Mbarara Universität in Uganda hat eine Studie durchgeführt. Von den Arbeitern auf einer Blumenfarm nahe des Viktoriasees erkrankten 85 Prozent weniger an Malariaschüben, wenn sie wöchentlich zur Vorbeugung eine Tasse Artemisia tranken.

Warum also müssen Menschen sterben, wenn sie das Heilmittel selbst im Garten anbauen könnten? Der Film formuliert dazu ein paar harte Thesen. Erstens, weil die Pharmakonzerne dann kein Geld mehr verdienen könnten. Zweitens weil die Regierungen weniger Steuereinnahmen hätten, die sie auf Medikamente, nicht aber auf Heilkräuter erheben. Und drittens, weil die Weltgesundheitsorganisation WHO den großflächigen Einsatz von Artemisia-Tees im Interesse der Konzerne verhindert, indem sie den Regierungen von den Pflanzen abrät. Begründung laut Film: Der Heiltrank würde zu Resistenzen führen, wovon dann auch die Medikamente mit Artemisinin betroffen seien.

Harter Tobak also, den die Porträtierten den ehemaligen Kolonialherren vor die Füße werfen. Was die so Angegriffenen dazu sagen oder ob sie sich nicht äußern wollen, berichtet der Film aber nicht. Der Grund: Regisseurin Katharina Weingartner möchte sich nicht „auf die skandalösen globalen Verstrickungen“ konzentrieren, wie sie in einem Interview im Presseheft sagt. Sondern denen eine Stimme geben, die in den betroffenen Ländern gegen Malaria kämpfen, aber nicht gehört werden. Das ist natürlich das gute Recht der Filmemacherin. Aber dem Zuschauer, der in einem Jahr Covid gelernt hat, wissenschaftliche Behauptungen zu hinterfragen, werden auf diese Weise kaum Möglichkeiten gegeben, sich ein unabhängiges Bild zu machen. So läuft es ganz auf die Frage hinaus, ob man der Naturheilkunde sowieso positiv gegenübersteht oder nicht. Wenn ja, birgt der visuell ansprechende Film interessante Einblicke und Anregungen.

„Das Fieber“ bestätigt möglicherweise sowieso schon bestehende Vorbehalte gegen die Macht der Pharmakonzerne und gibt dem Zuschauer wenig Argumente zu deren Entlastung an die Hand. Dennoch hat das Credo von Regisseurin Katharina Weingartner seinen Reiz, in Sachen Malaria am besten die Betroffenen vor Ort zu hören. Sollte es tatsächlich ein derart einfaches Mittel gegen die tödliche Krankheit geben wie einen Heilkräutertee, wären die Thesen des Films eine echte Sensation.

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Copyright: W-Film

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Länge: 104 min

Kategorie: Documentary

Start: 24.06.2021

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Das Fieber – der Kampf gegen Malaria

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 104 min
Kategorie: Documentary
Start: 24.06.2021

Bewertung Film: (6,5/10)

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