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Coup

Geschrieben von Peter Gutting am 20. Juni 2021

Gibt es das perfekte Verbrechen? Die Frage geistert gefühlt durch jeden zweiten Krimi. Wirklich davonkommen lassen die wenigsten Regisseure ihre Gauner. Die stellen sich ja auch meistens nicht so clever an, wie sie das von sich selbst glauben. Einen entscheidenden Vorteil haben daher diejenigen Ganoven, die das System von innen heraus kennen. Filmemacher Sven O. Hill hat so einen getroffen, einen gewitzten Bankangestellten, der in den späten 1980er Jahren das Geldinstitut, bei dem er arbeitete, um ein hübsches Sümmchen betrog. In einem ganz eigenen Mix aus Spielfilm, Doku und Animation inszeniert der Regisseur, Autor und Kameramann eine lakonische Komödie mit wahrem Hintergrund.

Luxemburg: ein piekfeines, holzgetäfeltes Büro. Die Kamera steht direkt hinter der perfekt gestylten Finanzberaterin Madame de Junker (Fabienne Elaine Hollwege). Der Blick geht zur Tür. Herein spazieren drei junge Typen. Der eine noch ganz passabel mit kurzem Lockenkopf. Die anderen: wilde Kerle mit schulterlangen Haaren, schlecht sitzenden Anzügen und Totenkopfringen. Kurz gefriert die Miene der vornehmen Dame, aber sofort wahrt sie wieder die Façon. Süßliches Lächeln, eloquenter Smalltalk, die bösen Gedanken hübsch hinter die glatte Stirn gesperrt. Von welcher Summe man denn spreche? Aha, zweieinhalb Millionen. Ob die Herren angesichts dieses Betrags den Geldtransfer nicht etwas verschachtelter gestalten möchten? Nö, kontert Rüdi cool. Alles ganz legal.

Die amüsante Einlage ist ein gutes Beispiel für den trockenen Bildwitz, den Regisseur Sven O. Hill pflegt. Aki Kaurismäki zählt nicht umsonst zu den Vorbildern, die für den Look der in den 1980ern angesiedelten Gaunerkomödie Pate standen. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, etwa wenn ein Dutzend Rocker nach durchzechter Nacht wie tot in der Kneipe liegt, einer schräg über den Billardtisch drapiert, der andere mühsam irgendwo aus einer Ecke sich aufrappelnd. Auch die Dialoge und der lakonische Off-Kommentar sind eine Nummer für sich: Hamburger Slang, als stünde irgendwo neben dem Bildrand Udo Lindenberg und ließe seine genuschelten Sprüche vom Stapel.

Erzählt wird von Rüdi (Daniel Michel). Der ist 22 und führt ein Doppelleben: tagsüber Banker, abends Rocker. Deshalb wird er überall schief angeguckt – von den Rockern, weil er im Anzug rumläuft, von den Bankern, weil er nach Schnaps stinkt. Rüdi macht das nichts aus. Vom Saufgelage am Elbufer geht der Lebenskünstler kurz nach Hause, duscht, bindet sich den Schlips um und schlendert mit Aktenköfferchen durch die Reihen des Großraumbüros. Selbst die Freundin (Paula Kalenberg) hat nichts gegen den unkonventionellen Lebensstil. Alles wäre perfekt, wenn Rockerkumpel Tobi (Tomasz Robak) den jungen Bankangestellten nicht eines Tages gefragt hätte, ob der noch Bock hätte zu arbeiten. Mit den Lücken des Systems vertraut, dreht Rüdi das ganz große Ding. Ohne Pistole, aber mit Nummernkonto. Erneut läuft alles super. Wenn nur die Liebe nicht wäre.

Hätte Regisseur und Drehbuchautor Sven O. Hill die Geschichte erfunden, würde man wohl auf eine etwas plumpe Fantasie tippen, nach dem dritten Bier in fröhlicher Kneipenrunde lässig auf einen Bierdeckel skizziert. Aber die Story ist wahr. Sie beruht auf dem Bankenbetrug eines Hamburgers, der sogar im Bild erscheint, nur sein Name wurde geändert. Der bislang auf Dokumentationen spezialisierte Filmemacher hatte über ein paar Ecken von der damals tunlichst unter der Decke gehaltenen Kriminalgeschichte gehört und sich mit dem ehemaligen Bankräuber in Nadelstreifen getroffen. Der zeigte sich äußerst redefreudig in seiner immer noch schnoddrigen Art, gab mehrere Interviews und ließ sich sogar filmen. Sein Kommentar läuft auf der Tonspur quasi durch, auch während der Spielszenen, in denen Schauspieler Daniel Michel als 30 Jahre jüngeres Alter Ego des milde bestraften Mannes fungiert.

„Spielfilm mit Doku und Animation“ nennt der Filmemacher seinen Genremix. Es braucht ein paar Minuten, die ungewöhnliche Kombination aus echten Gesprächen und nachgestellten Szenen zu durchschauen, besonders wenn sie den Zuschauer unvorbereitet trifft. Die im Vorspann eingeblendete Schrifttafel „Nach einer wahren Geschichte, basierend auf Original-Interviews“ ist daher sehr ernst und wörtlich zu nehmen. Sie sollte keineswegs leichthin überlesen werden. Denn sie dient nicht nur wie sonst der Beglaubigung, sondern enthält den Schlüssel zur Machart. Ist die anfängliche Hürde einmal genommen, bietet die lässige, wie aus dem Ärmel geschüttelte Story um einen Gentleman-Ganoven locker-flockige Unterhaltung mit viel Zeitesprit. Bei den Hofer Filmtagen 2019 gab’s dafür den Förderpreis neues deutsches Kino“.

„Coup“ erzählt in schnoddrigem Hamburger Dialekt eine unglaubliche, aber wahre Gaunergeschichte. Der Mix aus Spielfilm, Doku und Animation überzeugt durch Bildwitz und eine Zeitreise in die alte Bundesrepublik. Selbst fadengerade Spießer können dem gewitzten Lebenskünstler in der Hauptrolle nicht wirklich böse sein.

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Länge: 121 min

Kategorie: DRama

Start: 26.08.2021

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Coup

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 121 min
Kategorie: DRama
Start: 26.08.2021

Bewertung Film: (8,5/10)

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