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Alles ist eins, außer der Null

Geschrieben von Peter Gutting am 22. Juni 2021

Teufelszeug oder Heilsbringer? Das Internet ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Aber wenn man sich den Datenmissbrauch der großen Netzkonzerne anschaut, kann es einem kalt über den Rücken laufen. Umso erstaunlicher, dass schon vor 40 Jahren ein paar helle Köpfe die bedenkliche Entwicklung vorhergesehen haben. Und zwar nicht Pullover-strickende Technikfeinde, sondern Spezialisten ersten Grades. Die Aktivisten vom Chaos Computer Club (CCC) forderten bereits bei der Gründung des Hacker-Vereins den strikten Schutz privater Daten. Die Dokumentarfilmer Klaus Maeck und Tanja Schwerdorf haben die Geschichte des Clubs unterhaltsam aufgearbeitet – und fördern dabei manche Überraschungen zutage.

Ein Zug rollt in den Bahnhof. Nichts Spektakuläres eigentlich. Aber es handelt sich nicht um eine echte Eisenbahn, auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht. Das genauere Hinschauen zeigt eine weitverzweigte Miniatur-Bahnanlage, nicht so klein wie Märklin, aber doch höchstens ein Zehntel des Originals. Was das mit Computern zu tun hat? Sehr viel. Die Bastler der am Massachusetts Institut of Technology aufgebauten Modelleisenbahn-Anlage waren die ersten Hacker. Durch ihre Erfahrungen mit komplexen Netzen verstanden sie die Prinzipien hinter den aufkommenden Personal Computern und deren Verflechtung.

So eine Bahn sieht natürlich auf der großen Leinwand gut aus, genau wie viele andere Entdeckungen, die die Filmemacher während ihrer umfangreichen Recherche gemacht haben. Statt einen Film mit vielen grünen Buchstaben und endlosem Getippe auf merkwürdig klobigen Tastaturen zu machen, schicken die Regisseure den Zuschauer auf eine visuell ansprechende Reise zum Urknall einer weltverändernden Technologie. Dabei spielt auch die starke Präsenz von Wau Holland eine Rolle, der zentralen Gründungsfigur des CCC, der das komplette Gegenteil von dem verkörpert, was man sich unter einem Hacker vorstellt: ein wohlbeleibter, gemütlicher, listig dreinschauender junger Mann, irgendwie ein Typ wie Balu, der Bär. „Mir kam er wie ein Waldschrat vor“, erinnert sich einer seiner Weggefährten. Hollands Humor und seine Lust zum Philosophieren tragen den Film. Ihm, dem 2001 viel zu früh Verstorbenen, setzen die Regisseure ein Denkmal.

Nehmen wir die erste öffentlichkeitswirksame Aktion des CCC, das Eindringen in den Onlinedienst Bildschirmtext (BTX), den die dafür verantwortliche Deutsche Bundespost als sicher bezeichnete. Genüsslich schildert Holland bei einer Pressekonferenz, wie man das Passwort knackte. Versuchen wir‘s mal mit deren eigener Telefonnummer. Bingo, Volltreffer beim ersten Versuch. Ob das nicht ein krimineller Akt sei, wird er gefragt. Nein, eher so etwas wie der Besuch eines Warenhauses. Man geht rein und schaut sich um. Es waren lustige Zeiten damals, wie der Film nicht müde wird zu illustrieren. Zwischen den verschiedenen Protestbewegungen und Gegenkulturen gab es fließende Übergänge. Punk-Musik, Spontis, Ausläufer der Hippie-Kultur, Gegenöffentlichkeit durch die Tageszeitung taz – allem fühlten sich die Hacker irgendwie zugehörig. Und alle wollten sie davon überzeugen, wie wichtig der ungehinderte Informationsfluss für eine wirklich demokratische Gesellschaft werden könnte. Ernst und problematisch wurde es erst, als Hacker aus dem Umkreis des CCC von Geheimdiensten umworben wurden oder in wirklich gefährliche Systeme eindrangen.

Neben Holland spielt Peter Glaser eine wichtige Rolle für den Film, Schriftsteller und früher Weggefährte des Gründers. Er hält als Erzähler die flotte Montage zusammen, die fast ausschließlich aus bestehendem Material gestrickt ist. Auf heutige Interviews mi den überlebenden Veteranen verzichteten die Filmemacher bewusst, um die Aufbruchsstimmung der digitalen Pioniere nicht zu gefährden, die sich in Mitschnitten von Reden, Interviews und von den legendären Chaos-Kongressen widerspiegelt. Auch Steffen Wernéry, erster Pressesprecher des Clubs, spielt mit seinem lausbubenhaften Tatendrang eine wichtige Rolle. Linus Neumann dagegen, der heutige Pressesprecher, kommt erst gegen Ende zu Wort. Dennoch ist es das große Plus des Films, nicht einfach von vergangenen Zeiten zu erzählen, sondern Entwicklungslinien zu Themen zu ziehen, die uns heute mehr denn je unter den Nägeln brennen: Staatstrojaner, die Macht der Geheimdienste, Gegenöffentlichkeit durch Whistleblower wie Wikileaks und Edward Snowden.

„Alles ist eins, außer der Null“ zeichnet die Geschichte des Chaos Computer Clubs bildstark und mit viel Humor nach. Die Dokumentarfilmer Klaus Maeck und Tanja Schwerdorf lassen sich faszinieren von Clubgründer Wau Holland und seinem visionären Geist. Vieles, dessen Auswirkungen uns erst heute mit voller Wucht treffen, hat der früh Verstorbene vorhergesehen – und bereits damals das passende Gegengift entwickelt.

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Copyright: Neue Visionen

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Länge: 90min

Kategorie: Documentary

Start: 29.07.2021

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Alles ist eins, außer der Null

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 90min
Kategorie: Documentary
Start: 29.07.2021

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