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Die Vergesslichkeit der Eichhörnchen

Geschrieben von Peter Gutting am 10. März 2021

Ausbeutung oder Win-Win-Situation? Etwa eine halbe Million Frauen aus Osteuropa pflegen in Deutschland alte Menschen rund um die Uhr. Es ist eine rechtliche Grauzone, die manchen eine Heimunterbringung erspart. Und trotz der gezahlten Hungerlöhne pro Stunde ist das Geld in Osteuropa so viel wert, dass sich die Trennung der Frauen von ihren eigenen Familien lohnt. Welche Belastungen der 24-Stunden-Job sonst noch mit sich bringt, beleuchten die Regisseure Nadine Heinze und Marc Dietschreit in ihrem Spielfilmdebüt. Allerdings nicht in einem trockenen Sozialdrama, sondern höchst unterhaltsam und mit tiefgründigem Humor.

Eichhörnchen, so sagt man, wissen manchmal nicht mehr, wo sie ihre Wintervorräte vergraben haben. Vielleicht sind die putzigen Tierchen dem Senior Curt (Günther Maria Halmer) deshalb so sympathisch. Er vergisst in seiner Luxusvilla mit Blick auf die kleinen Nüssesammler eben auch so manches. Zum Beispiel, wie seine Tochter heißt, die sich seit Jahren um den demenzkranken Vater kümmert. Inzwischen ist die kontrollsüchtige Almut (Anna Stieblich) mit den Nerven am Ende. Helfen soll Marija (Emilia Schüle), eine 24-Stunden-Betreuungskraft aus der Ukraine. Sie braucht unbedingt Geld, um ihren fünfjährigen Sohn durchzubringen, den sie bei der Oma in der Heimat zurücklassen muss.

Die 27-Jährige, unsicher und einen Tick zu unterwürfig, nimmt eine Menge auf sich, um die neue Arbeitsstelle nicht gleich wieder zu verlieren. Aber recht machen kann sie es Almut trotz aller Anpassungsbereitschaft nicht. Die verbietet ihr nicht nur das Rauchen am Fenster, sondern rümpft bereits über rote Schlüpfer die Nase und schikaniert die Jüngere, wo sie nur kann, ebenso hochnäsig wie spießig, eine rachsüchtige höhere Tochter mit Ordnungswahn. Nach einem heftigen Streit bleibt Almut jedoch tagelang verschwunden, ohne eine Kündigung auszusprechen.

„Iss‘, was die Mama gekocht hat“, hatte Curt ein paar Tage zuvor seiner Tochter befohlen. Es war der erste Hinweis, dass der alte Herr in Marija keine Pflegerin und Haushälterin sieht, sondern seine vor langer Zeit verstorbene Frau Marianne. Und dass das mit dem altersschwachen Gehirn ein wenig so funktioniert wie mit den Eichhörnchen. Die vergessen auch nicht sämtliche Vorratslager, sondern finden immerhin so viele Nüsse wieder, dass sie überleben können. Weil sich Curt als umso pflegeleichter erweist, je weniger man ihm seine Wunschphantasien raubt, lässt sich Marija auf den Rollentausch ein: von der rumgeschubsten Pflegerin zur standesgemäßen Gattin. Es beginnt eine Zeitreise in das Luxusleben der Gutbetuchten in den 1970ern, mit den alten Kostümen, dem edlen Geschirr, dem noblen Mercedes-Cabrio. Curt hat etwas gutzumachen gegenüber der vermeintlichen Ehefrau, die er im echten Leben gedemütigt und viel zu oft allein gelassen hat.

Geschickt legt das Debüt von Nadine Heinze und Marc Dietschreit falsche Fährten. Aus einem vermeintlichen Sozialdrama über sklavenartige Arbeitsbedingungen biegt es in eine unterhaltsame Tragikomödie mit märchenhaft skurrilen Zügen ab. Etwa wenn Curt seine „Frau“ zu einem Überraschungsausflug einlädt, sie ans Steuer bittet und zu einem noblen Gartenrestaurant dirigiert, wo er ihr dann zum Hochzeitstag gratuliert („Du glaubst wohl, das hätte ich auch vergessen“), vor den verdutzten Gästen an den Nebentischen eine Rede hält und dann das „Büffet“ für eröffnet erklärt. Gleichsam gelungen ist der Schachzug, die problematische Familiengeschichte, an der auch der schräge Sohn Philipp (Fabian Hinrichs) schwer zu tragen hat, nur scheibchenweise freizulegen – in ebenso rührenden wie amüsanten Kehrtwenden.

Klug ausbalanciert, driftet das Drehbuch der Autorenfilmer weder in belehrendes Sozialdrama noch in Klamauk ab. Die Frage, ob man sich fremde Menschen kaufen sollte, bleibt im Hintergrund allerdings ebenso virulent wie die Problematik, wie weit man Demenzkranke manipulieren darf. Die nuancenreich agierende Emilia Schüle legt die Rolle der Marija dabei weder als klassisches Opfer noch als durchtriebene Aufsteigerin an. Zwischen verschmitzter Komplizenschaft, echter Fürsorge und brennendem Trennungsschmerz gegenüber ihrer eigenen Familie vertraut sie auf die Instinkte der Menschlichkeit. Dass das nicht rührselig gerät, ist eine zirkusreife Leistung auf dem Drahtseil.

„Die Vergesslichkeit der Eichhörnchen“ ist ein anspruchsvoller Unterhaltungsfilm, der dank seines ausgefeilten Drehbuchs einen Verleih auf sich aufmerksam gemacht und den Sprung auf die große Leinwand geschafft hat. Emilia Schüle und Günther Maria Halmer spielen ein ungleiches Paar auf moralisch heiklem Parkett, das eine Verwechslungskomödie zwischen formaler Leichtigkeit und inhaltlicher Schwere hinlegt.

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Die Vergesslichkeit der Eichhörnchen

Geschrieben von Peter Gutting

Länge:
Kategorie: Drama
Start: 22.07.2021

Bewertung Film: (7,5/10)

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