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Nachspiel

Geschrieben von Peter Gutting am 27. Dezember 2020

„Die Wahrheit liegt auf dem Platz“, solche und ähnliche Sprüche hört man gern auch außerhalb des Fußballstadions. Das Spiel spiegelt das Leben. Anders wäre es kaum zu erklären, dass jeden Samstag Millionen mit ihrer Mannschaft um Sieg oder Niederlage fiebern. Besonders deutlich wird der Beispielcharakter der „schönsten Nebensache der Welt“ in der Langzeitbeobachtung der Dokumentarfilmer Christoph Hübner und Gabriele Voss. In ihrer Fußball-Trilogie verfolgen sie zwei Jahrzehnte lang die Lebens- und Karrierewege von Spielern, die einmal als große Hoffnungen und viel versprechende Talente galten. Der neue Film „Nachspiel“ schließt die Reihe ab. Er ist eine kluge und eindringliche Reflexion über die wichtigsten Fragen von Sport und Leben geworden.

Dieses Motiv wird immer wiederkehren: Von weit oben schaut die Kamera auf den Ausschnitt eines Fußballplatzes. Kleine Männlein bewegen sich über den Platz, manche im schwarzgelben Trikot von Borussia Dortmund, andere mit einem hellblauen Leibchen darüber. Erkennen kann man sie nicht, höchstens, dass manche blond sind und andere dunkle Haare haben. Man könnte das Ganze auch für ein Computerspiel halten, zum Einüben taktischer Formationen oder des Spiels ohne Ball. Irgendwann ist aber klar: Das sind Nachwuchskicker beim Training. Also Spieler in einem Alter, in dem auch die drei Protagonisten vor 20 Jahren beim legendären Ruhrpott-Klub angefangen haben.

Von oben drauf zu blicken ist ein Symbol für das, was in „Nachspiel“ verhandelt wird: Nicht mehr mittendrin zu stecken im Fußballgeschäft, sondern draußen zu sein, am Ende einer Karriere. Die Doku ist der dritte Teil der Langzeitbeobachtung. Zuerst kam „Die Champions“ (2003) ins Kino, sieben Jahre später dann „Halbzeit – Vom Traum ins Leben“. Man muss die beiden anderen Filme nicht gesehen haben, auf ihr Material wird in der aktuellen Dokumentation ausgiebig zurückgegriffen. Mitte 30 sind die damaligen Hoffnungsträger heute – Zeit für Resümees, Rückblicke, Gedankenspiele nach dem Motto „was wäre, wenn damals nicht…“. Vorgestellt werden Florian Kringe, Ex-Profi der ersten Liga und jetzt Spielerberater, Mohammed Abdulai, Zweit- und Drittligaspiele und heute Busfahrer sowie Heiko Hesse, der früh auf Profiambitionen verzichtete, seinen Doktor in Wirtschaftswissenschaften machte und gut dotierte Jobs bei Europäischer Kommission, Internationalem Währungsfonds und Weltbank ergatterte.

Drei völlig unterschiedliche Karrieren also, aber auch drei verschiedene Wege zum Glück? Das ist die spannende Frage, die der Film im Hintergrund mitschwingen lässt. Christoph Hübner und Gabriele Voss bevorzugen nicht die Vogelperspektive, sie begeben sich auf Augenhöhe zu den Porträtierten, aus denen im Laufe der Jahre gute Bekannte geworden sind. Man spürt die zwischenmenschliche Nähe, selbst wenn auf der verbalen Ebene ein Allgemeinplatz zitiert wird. Etwa wenn Mohammed, den alle nur „Mo“ nennen, in einer Archivszene auf dem Krankenbett sitzt und den Kreuzbandriss mit den Worten kommentiert: „Du kannst nicht Fußball spielen, ohne dich zu verletzen“. Der Zuschauer schaut dem jungen Mann in die Augen und spürt, dass das nicht nur ein lockerer Spruch ist, sondern eine tief empfundene Wahrheit. „Mo“ will seinen Weg gehen, nimmt die Konsequenzen in Kauf und blickt der harten Strecke bis zur Genesung optimistisch entgegen.

Wer aus solchen Momenten den Eindruck mitnimmt, hier gehe es um viel mehr als um das Treten gegen einen Ball, liegt genau richtig. Ohne expliziten Kommentar und mit viel Feingefühl erkundet „Nachspiel“ die großen Fragen des Lebens. Was bedeutet Erfolg? Warum schafft es der eine nach oben und der andere nicht? Welche Wege führen zu Glück? Was braucht man dafür? Stärken Niederlagen den Charakter? Antworten gibt der Film zu Recht nicht. Stattdessen lässt er sich in ruhigen Bildern und manch überraschenden Einblicken auf seine Gesprächspartner ein. Immerhin eines haben sie gemeinsam: Alle drei kamen aus nichtprivilegierten Verhältnissen, alle sind „auf dem Teppich geblieben“ wie man so schön sagt. Und alle sind Menschen, denen man gern begegnet, weil sie sich nicht hinter der Hochglanzfassade des Profigeschäfts verstecken.

„Nachspiel“ ist eine atmosphärisch dichte, von großer Nähe geprägte Dokumentation über die spannende Frage, was Erfolg eigentlich bedeutet. Christoph Hübner und Gabriele Voss lassen hinter den konkreten Geschichten der Porträtierten universell menschliche Themen aufscheinen. Mit ihrer klaren und ruhigen Filmsprache geben sie keine Antworten vor, sondern laden den Zuschauer ein, sich seinen eigenen Reim auf die entscheidenden Wegmarken des Lebens zu machen.

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Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Real Fiction

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Länge: 98 min

Kategorie: Documentary

Start: 12.08.2021

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Nachspiel

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 98 min
Kategorie: Documentary
Start: 12.08.2021

Bewertung Film: (7,5/10)

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