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Eine total normale Familie

Geschrieben von Peter Gutting am 27. Dezember 2020

„Transpapa“ heißt ein Film aus dem Jahr 2012, dessen Thema schon im Titel steckt. Eine pubertierende Tochter muss damit klarkommen, dass sich ihr getrennt lebender Vater in eine Frau verwandelt hat. Etwas Ähnliches passiert im Debüt der Dänin Malou Reymann, allerdings mit dem Unterschied, dass es hier neben der empörten Tochter noch die ältere Schwester gibt, die mit dem Selbstfindungsprozess ihres Erzeugers wenig Probleme hat. Erzählt wird der Film jedoch aus der Perspektive der Jüngeren, die vor einer großen, vielschichtigen Herausforderung steht. Die Regisseurin, selbst mit einem „Transpapa“ aufgewachsen, schildert das Gefühlschaos mit berührender Glaubwürdigkeit.

Eine Sitzung bei der Familientherapeutin: die Mutter und die beiden Töchter sind schon da, der Vater lässt noch auf sich warten. Er hat angerufen und gesagt, dass er heute erstmals in Frauenkleidern an der Therapie teilnehmen wird, die schon einige Zeit läuft. Schnitt auf Emma (Kaya Toft Loholt), die jüngere Tochter: Sie hat ihren grünen Schal komplett um den Kopf gewickelt. Mehrere Lagen Wolle bedecken das Gesicht, wie bei einer besonders radikalen Variante der Verschleierung. Auch die Kamera kann Thomas (Mikkel Boe Følsgaard), der heute als „Agnete“ gekommen ist, nicht sehen. Sie steht dicht hinter Emma und teilt deren blinde Perspektive auf den verdeckt sitzenden Vater.

Schöner als in diesem Bild hätte man kaum komprimieren können, wie die Elfjährige auf die Entscheidung ihres Vaters reagiert: nein, nein, nein. Alles kam ja auch aus heiterem Himmel. Gerade hatte sich die Familie noch den Welpen angesehen, den man sich anschaffen will. Dann verdirbt zu Hause am Küchentisch – der Vater hatte Pizza geholt – mitten in der gutgelaunten Verteilung von Salami, Peperoni und Hawai die ernste Stimme der Mutter (Neel Rønholt) die Stimmung: „Wir lassen uns scheiden“. Und warum? „Weil euer Vater eine Frau sein will“. Schon einige Zeit hatte Thomas Hormone genommen, aber nicht gewagt, es Emma und der 14-jährigen Caroline (Rigmor Ranthe) zu beichten. Die Ältere steckt den Schock schnell weg: „Er wird immer unser Vater bleiben“, tröstet sie Emma.

Vielleicht haben die Probleme der Jüngeren auch damit zu tun, dass der Vater mit ihr seine Fußballleidenschaft teilte. In Home-Videos, die immer wieder die Handlung unterbrechen und mit ihrem anderen Format und der wackligen Amateurkamera glücklichere Zeiten heraufbeschwören, wird das spürbar. Gleich in der ersten Rückschau setzt sich der Vater mit Baby-Emma vor den Fernseher und erklärt der Kleinen, welches wichtige Match nun gleich beginnt. Schnitt – wir sehen Emma im Fußballdress, wie sie in der Jetztzeit für ihre Jugendmannschaft auf dem Platz steht. Die Elfjährige ist überaus ehrgeizig. „Gewinnen ist nicht alles“, mahnt ihr Vater – noch vor dem alles verändernden Geständnis. „Doch“, entgegnet Emma. Später wird sie mit ansehen müssen, wie sich Thomas als „Agnete“ im Kreis von anderen Frauen über das Kicken lustig macht. Männer rennen hinter einem Ball her, was kann daran schon wichtig sein?

Sehr oft ist die Kamera bei Emma, betrachtet die Veränderung aus ihrem Blickwinkel, spiegelt ihre Gefühle. Ein Stück weit funktioniert „Eine total normale Familie“ auch als Kinderfilm, allerdings wie einer, der die Sicht des Kindes mit anderen Wahrnehmungen konfrontiert. Auch Thomas/Agnete bekommt Raum für widersprüchliche Gefühle, wird weder auf einen Feigling noch auf den Helden einer neuen Genderfreiheit reduziert. Zu den Stärken des mit leichter Hand und einer Prise Humor erzählten Dramas gehört gerade die komplexe Vater-Tochter-Beziehung, die nichts beschönigt, keine Schmerzen unterdrückt und keineswegs so tut, als sei es heutzutage das Einfachste von der Welt, kurz mal das Geschlecht zu wechseln und trotzdem eine Familie zu bleiben.

Zugleich geht es dem Film um ein gesellschaftliches Anliegen. Er will die Toleranz für Transgender-Entscheidungen erhöhen. Das kommt vor allem in der Figur von Emmas Schwester Caroline zum Tragen. In der Leichtigkeit, mit der sich die Ältere an Thomas‘/Agnetes Euphorie fürs Nägel lackieren, Schminken und Shoppen erfreut, schwingt das Plädoyer für ein verändertes Familienbild mit, in dem alles „total normal“ ist, wie es der Titel propagiert. Das ist aus Sicht der Transgender-Community verständlich und gerechtfertigt, wirkt aber in manchen Momenten etwas zu didaktisch und konterkariert vor allem die Einfühlung in Emmas Nöte.

„Eine total normale Familie“ zeichnet in der Ästhetik eines Fernsehspiels die Probleme einer Elfjährigen mit der Geschlechtsumwandlung ihres Vaters nach. Dabei ist das Papa-Tochter-Verhältnis mit großer Dichte und Genauigkeit gezeichnet. Dem kommt zuweilen das didaktisch vorgebrachte Plädoyer für mehr Genderfreiheit in die Quere. Unterm Strich gelingt der dänischen Regisseurin Malou Reymann aber die berührende Erinnerung an einen Konflikt, den sie als Kind selbst durchgemacht hat.

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Copyright: Salzgeber

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Länge: 101 min

Kategorie: Drama

Start: 01.01.2022

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Eine total normale Familie

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 101 min
Kategorie: Drama
Start: 01.01.2022

Bewertung Film: (7/10)

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