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Das perfekte Schwarz

Geschrieben von Peter Gutting am 27. Dezember 2020

Ohne Schwarz, also einen möglichst dunklen Raum, gäbe es kein Kino. Und die ersten Filme waren in Schwarz-Weiß. Dennoch hat sich kaum ein Filmemacher gefragt, was Schwarz eigentlich genau ist. Dokumentarist Tom Fröhlich holt dies nun nach. In essayistisch assoziativer Weise befragt er sechs Menschen, die auf ganz unterschiedliche Weise mit Schwarz zu tun haben, beruflich und privat. Getroffen hat er nachdenkliche, ins Lebensphilosophische ausgreifende Zeitgenossen. Die titelgebende Suche nach dem perfekten Schwarz ist dabei ein Aufhänger, um ins Gespräch über mindestens genauso wichtige Themen zu kommen: Trauer, Ökologie, Selbstbesinnung.

Das könnte sich ein Animationsfilmer ausgedacht haben: Weiße Lebewesen auf schwarzem Grund, gezeichnet mit einfachen Strichen, aber in nie gesehenen Formen. Runde Körper mit zwei Punkten, vielleicht Augen, fadendünne „Arme“, die willenlos zu treiben scheinen, dann wieder quallenartige Gebilde, mit Fäden und Strukturen wie ein Gehirn. Im Hintergrund abertausende winziger Punkte, wie Sterne am Himmel. Aber diese Wesen schweben nicht in der Höhe, sondern ganz tief im Wasser. Beobachtet werden sie von Meeresbiologin Antje Boetius, die mit einem Kollegen auf Tauchgang gegangen ist, in einem Forschungs-U-Boot mit bequemen Sesseln und einer Riesenscheibe. „Für mich ist das perfekte Schwarz der Moment, wo das Sonnenlicht verschwindet“, sagt die Wissenschaftlerin. Immer dunkler wird auf dem Weg in die Tiefe das Blau. Aber, und das ist das Wunder, die hier lebenden Tiere erzeugen selber Licht, sie strahlen aus eigener Kraft, und dann sieht man eben diese wie Kunstwerke dahinschwebenden Gestalten.

Eigentlich fürchtet sich Antje Boetius vor dem Dunklen, aber nur an Land. In der Tiefsee gibt ihr das Schwarz ein wohliges Gefühl von Glück. Das hat mit dem Pioniergeist zu tun, sich in Gebiete vorzuwagen, wo noch niemand war. „Wenn wir hier eine Probe nehmen, haben wir 500 neu entdeckte Arten“ – Lebewesen, die noch niemand klassifiziert und erforscht hat. Eine Schande sei ein solches Versäumnis, sagt die Frau. Schließlich mache die Tiefsee 90 Prozent des belebten Erdenraumes aus, sei es also wert, sich mehr um sie zu kümmern. Und wenn zum Bespiel bestimmte Mikroorganismen in Tausenden Metern Tiefe aufhören würden, Methan zu speichern, wäre es aus mit dem Leben an Land, weil der Treibhauseffekt dann ins Unvorstellbare wüchse.

Perfektes Schwarz? Ja, weil das Licht in der Tiefsee tatsächlich verschwindet. Und nein, weil es eben Organismen gibt, die selber leuchten. Eine endgültige Antwort auf die im Filmtitel als Tatsache formulierte Recherchehypothese gibt es nicht und soll es gar nicht geben, weder bei der Meeresforscherin noch bei den anderen fünf Experten, die eine besondere Beziehung zum Thema haben. Astrophysiker Eike Günther beschäftigt sich mit schwarzen Löchern. Katja Krüger kann die Farbe hören (ein tiefes Brummen). Malerin Dorothea Stockmar verarbeitet in ihren Bildern das Dunkel der Trauer. Tattoo-Künstler Gerhard Wiesbeck pflegt eine hautnahe Beziehung zur einzigen Farbe, die sich nicht überstechen lässt. Und Kunstdrucker Dieter Kirchner versucht bei Bildbänden das Schwarz so tief zu gestalten, dass es schwärzer nicht mehr geht. Denn davon profitiert durch den Kontrast auch der Rest des Bildes.

Das weiß natürlich auch der Regisseur selbst, der nicht in Farbe, sondern in Schwarz-Weiß gedreht hat. In erlesenen Einstellungen feiert Kameramann Michael Throne die filmischen Möglichkeiten des Farbverzichts, bis hin zu abstrakt anmutenden, faszinierenden Spielereien mit einer dickflüssigen, pechschwarzen Masse, aus der sich stachelige Strukturen herausbilden, nur um sich erneut zu verflüssigen und mit dem Glanz ihrer Oberfläche dem Auge zu schmeicheln. In gewisser Weise ist die Bildsprache hier Selbstzweck, so wie das ganze Unterfangen, für das der Weg das Ziel ist. Eher lässt sich der Film treiben, bleibt offen für Zufallsbekanntschaften und die Schönheiten am Wegesrand, statt auf ein ausformuliertes Ergebnis zuzusteuern. Was hätte das auch sein können – die Definition von Schwarz oder gar dessen Perfektion?

Überflüssig ist dieses Schlendern jedoch nicht. Es lädt ein zu meditativer Betrachtung. Was in den Aussagen seiner Protagonisten zur Sprache kommt – etwa dass man Geduld brauche, um zum Kern vorzudringen –, ist in der Machart des Films schon realisiert. Er nimmt sich Zeit, die Gedanken schweifen zu lassen, begibt sich in die Gefahr des Holzwegs, befreit sich von der Doktrin, ein Filmemacher müsse sich ein Thema vornehmen und dann schlüssig von Prämissen zu Folgerungen gelangen, um am Ende ein geschlossenes Ganzes abzurunden. Das mag nicht jedermanns Sache sein. Wer sich jedoch darauf einlässt, wird mit einem nichtalltäglichen Seherlebnis belohnt

Von der Suche nach dem perfekten Schwarz sollte sich der Zuschauer keine definitiven Erkenntnisse erhoffen. Die essayistische Dokumentation öffnet stattdessen Seh- und Gedankenräume. Sie lädt ein, Dinge zu entdecken, nach denen man gar nicht gefragt hatte. Und verwirklicht in Bildsprache und Rhythmus bereits das, wonach sich die Protagonisten sehnen: Zeit und Muße zu haben, sich selbst zu finden.

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Länge: 75 min

Kategorie: Documentary

Start: 17.11.2021

cinetastic.de Filmwertung: (7,0/10)

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Das perfekte Schwarz

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 75 min
Kategorie: Documentary
Start: 17.11.2021

Bewertung Film: (7,0/10)

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