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Vor mir der Süden

Geschrieben von Peter Gutting am 11. November 2020

„Toskana-Fraktion“ nannte man in den 1980ern eine Gruppe von eher linken Politikern, die ihre Ferien bei teurem Rotwein und gutem Essen in eigenen Landhäusern nahe Siena oder Florenz genossen. Da schwang ein Vorwurf mit, der ganz untypisch war für die touristischen Vorlieben der Deutschen. Italien ist Sehnsuchtsort seit Goethe. Auch der Filmemacher Pepe Danquart bezeichnet sich als „italophilen“ Deutschen, der Teile des Jahrs südlich der Alpen verbringt. Auf den Spuren des Filmemachers Pier Paolo Pasolini hat er jetzt eine dokumentarische Reise unternommen, um das Land noch besser kennenzulernen. In sinnlich betörenden Bildern begegnet er darin nicht nur der Schönheit des Meeres, sondern vor allem der sozialen Wirklichkeit – und damit auch Europa und uns allen. Ein Essayfilm, der Herz und Hirn erwärmt.

Ein Auto für Liebhaber: kastig, aber mit dem typischen Schwung italienischen Designs. Der Fiat „Millecento“, heute ein Oldtimer, galt vor 60 Jahren als eines der elegantesten Autos seiner Zeit. Die Kamera folgt ihm mit ehrfürchtigem Abstand oder konzentriert sich auf Details: Außenspiegel, Türgriff, Tachometer. Nur eines zeigt sie nie aus der Nähe und nie von vorn – den Fahrer. Mit einem solchen Wagen hatte der Autor und Filmemacher Pier Paolo Pasolini 1959 Italiens Küsten erkundet, 3000 Kilometer vom ligurischen Badeort Ventimiglia runter nach Sizilien und entlang der Adria wieder hinauf nach Triest. Es fällt nicht schwer, sich Pasolini am Steuer vorzustellen, zumal er in seinen Texten aus dem Off zu uns spricht.

Irgendwie begegnen wir dem 1975 unter mysteriösen Umständen Ermordeten also, und irgendwie auch nicht. Denn natürlich handelt es sich auch um Danquarts gegenwärtige Erfahrung. Der Filmemacher fährt mit seinem Team die damalige Strecke ab und begegnet Vielschichtigem. Nicht nur den hellsichtigen, nun Wirklichkeit gewordenen Prophezeiungen Pasolinis in seinem Reisebuch „Die lange Straße aus Sand“, beispielsweise über Afrika und die Migration. Sondern auch Arbeitern, Krämern und Fischern von heute, die ihre individuelle Sicht auf die Probleme des Landes schildern (zur Zeit des Drehs war Matteo Salvini Innenminister und starker Mann der Regierung). Oder das Filmteam stößt auf die sich zuspitzende Spaltung des Landes in den reichen Norden und den armen Süden. Und natürlich feiert es die einzigartige, durch nichts totzukriegende Schönheit der Küsten und des Landes.

Gefahr aber droht. Deshalb nimmt Kameramann Thomas-Eirich-Schneider den Tourismus ins Visier, in schaurig schönen Fahrten entlang endloser Sonnenschirm- und Liegen-Garnituren: Massen von Sonnenhungrigen dicht an dicht, in Coronazeiten wie von einem anderen Stern anmutend, und zugleich wie am Reißbrett geplant, industriell durchorganisiert, wie Leiber, die am Fließband durch die Konsummaschine geschleust werden.

Es ist ein Film geworden nicht nur zum Nachdenken, sondern vor allem für offene, neugierige Augen, die Lust haben am reinen Schauen, an Einstellungen, die aus sich selbst sprechen. Etwa im nächtlichen Hafen von Genua, wo Riesenarme Container durch die Luft bewegen, eine automatisierte Szenerie, in der sich die Warenströme wie von selbst organisieren, die Natur sich nur mit Blitz und Donner noch bemerkbar macht und der Mensch an den Rand gedrückt ist, aus der Ferne beobachtet und hinter vorbeifahrenden Güterwaggons verschwindend. Weiter unten im Süden dann ein anderes Bild: verrottende Schiffe zu Dutzenden, einfach zurückgelassen im Wasser, ein nie gesehener Friedhof.

Faszinierend sind die Zufallsbekanntschaften am Rande. Etwa die ältere Frau mit den auffallenden Zahnlücken, die ihr Café eine „Migrantenbar“ nennt und davon erzählt, wie schon Ende der 1950er Süditaliener hier Zwischenstation machten, die zu Millionen Richtung Norden wollten. Oder der alte Mann, der als Junge mit Pasolini Fußball spielte und erzählt, welches die Lieblingsspieler des gesellschaftskritischen Intellektuellen waren. Es ist kaum zu glauben, dass Danquart diese Menschen tatsächlich, wie das Pressheft versichert, ohne Vorrecherche getroffen hat, einfach so, entlang der Reise. Das gilt vor allem für den Mann, der in Ostia gerade ein großes Holzkreuz in seinen Kleinwagen quetscht, Reminiszenz an Pasolinis „Das 1. Evangelium – Matthäus“ (1964), in dem der katholische Filmemacher eine sozialrevolutionäre Interpretation von Jesus Christus vorlegte. Ein zufällig über den Weg gelaufenes Symbol des Todes also – gerade an dem Ort, wo der offen homosexuell lebende Pasolini von einem Stricher ermordet wurde, eventuell im Zusammenhang mit einem politisch motivierten Auftragsmord, geklärt wurde das nie.

„Vor mir der Süden“ ist als Mischung aus Reisebericht und Essay ein politischer Film im guten Sinn: zum Denken anregend, ohne Vorgaben zu machen, mit einem wachen Auge für das Konkrete, das für sich steht und nicht zum Symbol von Theorie degradiert wird. In seiner Hommage an Pier Paolo Pasolini stellt es Regisseur Pepe Danquart dem Zuschauer frei, die Verehrung des Intellektuellen für das „Lumpenproletariat“ entweder zu teilen oder für überholte Revoluzzer-Romantik zu halten. So viel Offenheit und Toleranz ist selten im deutschen Gremienfilm.

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Länge: 116 min

Kategorie: Documentary

Start: 17.12.2020

cinetastic.de Filmwertung: (8/10)

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Vor mir der Süden

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 116 min
Kategorie: Documentary
Start: 17.12.2020

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