cinetastic.de - Living in the Cinema

Maternal

Geschrieben von Peter Gutting am 11. November 2020

Nicht immer schlagen sich lange Recherchen in der Qualität eines Films nieder. Aber was die Italienerin Maura Delpero zur Vorbereitung ihres Spielfilmdebüts unternahm, ist so außergewöhnlich, dass es eigentlich einen Hinweis im Vorspann verdient hätte. Vier Jahre lang besuchte sie die Einrichtungen, die nicht nur Hintergrund der Handlung sind, sondern so etwas wie ein weiterer Darsteller: Heime für minderjährige Mütter. Die Regisseurin gab dort Filmkurse. Sie zeigte ausgewählte Arbeiten, diskutierte sie mit den Teenagern und ließ sie kleine Skripts schreiben. Die genaue Kenntnis von Persönlichkeiten und Stimmungen führten zu einer Liebeserklärung an einen Ort voller Kontraste und Spannungen.

Ganz in Weiß, so schreiten die Bräute Christi durch die Gebetsräume in dem von Nonnen geführten Heim für minderjährige Mütter. Farbenfroh hingegen lieben es ihre Schützlinge, die sich auskennen mit der irdischen Liebe und ihren möglichen Folgen. In einem ehrwürdigen, mit Rundbögen gezierten Gebäude leben alle unter einem Dach, im Erdgeschoss die Nonnen, im Stockwerk darüber die jungen Mütter mit ihren Kindern. Tagsüber treffen sie sich, wenn die jungen Mädchen in der Nähwerkstatt arbeiten und einige der Nonnen deren Kinder betreuen – nicht ohne ihnen über das Leben Jesu und die heilige Familie zu erzählen. Abends und nachts trennt sich die ungewöhnliche Gemeinschaft. Während die Nonnen in der Kapelle heilige Gesänge anstimmen, steigen die Mädchen schon mal aufs Dach. Still funkeln die Lichter der Stadt, sehnsuchtsvoll und wie aus einer anderen Welt. Das Heim bietet denen, die mit ihren Familien nicht mehr klarkommen, Geborgenheit. Es fühlt sich aber auch wie ein Gefängnis an, selbst wenn die Mädchen von Zeit zu Zeit Ausgang haben.

Auch innerhalb der Gruppen wiederholen sich die Gegensätze. Lu (Agustina Malale) und Fati (Denise Carrizo) sind seit langem dicke Freundinnen. Aber sie verkörpern Extreme. Wenn Lu unverblümt auf sexuelle Abenteuer aus ist, zieht sich Fati scheu zurück. Wenn die Freundin laut, frech und obszön wird, bittet ihr peinlich berührter Blick um Mäßigung. Mit ihren Kindern kommen allerdings beide nicht klar. Lu tollt mit ihrer Tochter Nina (Isabella Cilia) zuweilen herum wie eine große Schwester, ist aber meist grob und harsch mit dem liebebedürftigen Kleinkind. Fati sorgt zwar für ihren Sohn, kann aber keine Bindung zu ihm aufbauen.

Recht unbehelligt von den Ordensschwestern lebt die kleine Ersatzfamilie im gemeinsamen Zimmer so vor sich hin, bis eines Tages die Novizin Paola (Lidiya Liberman) ihren Dienst im Heim antritt. „Sie sieht nicht aus wie eine Nonne“, ruft die kleine Nina in kindlicher Offenheit. „Sie ist schön, sehr schön“. Die unverblümte Bewunderung kündigt emotionale Veränderungen im eingespielten Gleichgewicht an. Als Ninas Mutter Lu nachts aus dem Heim ausbricht, um mit ihrem neuen Freund zu leben, kümmert sich Schwester Paola um die kleine Nina.

Regisseurin Maura Delpero hat bereits drei Dokumentarfilme vorgelegt. Die stoffliche Nähe zur Wirklichkeit würde auch für „Maternal“ eine daran geschulte Bildsprache nahelegen. Aber statt hektischer Bewegungen bleibt die Kamera meist unbewegt, die Bildausschnitte staffeln in sorgfältiger Komposition den Raum, das Licht ist weich und verströmt eine sanfte Wärme, trotz der oft eruptiven Streits und dem rüden Umgangston unter den jungen Müttern. Und so legt sich über das realistische Fundament eine poetisch angehauchte Schicht von Blicken, Stimmungen, Reisen ins Innere.

Dabei verlässt sich der Film auf die Vielschichtigkeit seiner Charaktere, aus der leise Verschiebungen, sanfte Spannungen und angedeutete Konflikte erwachsen. Großes Drama wird daraus nicht, obwohl die zugrunde liegenden Emotionen dafür genug Stoff enthalten. Aber die 45-jährige Regisseurin lenkt den Blick lieber auf eine wehende Gardine als auf die Schmerzen einer Geburt. Eine abgenommene Nonnenhaube bedeutet ihr mehr als ein Streit mit der Mutter Oberin. Der Blick eines Kindes sagt mehr über sich anbahnende Muttergefühle als jeder Dialog.

In einem Interview äußerte sich die Regisseurin etwas unzufrieden mit dem vom Verleih gewählten Titel. Er ist ihr zu aussagekräftig, zu direkt, zu thematisch. „Hogar“ wäre ihr lieber gewesen. So heißen die Heime für alleinerziehende Teenager-Mütter in Argentinien, wo der Film gedreht wurde. In der Tat funktioniert „Maternal“ auch als Dokument, als Blick hinter die Kulissen einer sonst abgeschotteten Einrichtung und als visuell reizvolle Geschichte über drei unterschiedliche junge Frauen und ihr Beziehungsdreieck. Aber man kann sich dem weiteren Assoziationshorizont kaum entziehen, den die gegen Ende fast klösterlich stillen Bilder auslösen. Wie schaffen es kinderlose Frauen, jenen beizustehen, die das Muttersein überfordert? Was geschieht mit einer jungen Nonne, wenn sie Gefühle in sich entdeckt, die sich nicht mit ihrem Gelübde vereinbaren lassen? Und was ist überhaupt eine Mutter – jenseits idealisierter Bilder, die widersprüchliche Emotionen verbieten?

„Maternal“ bewahrt sich den dokumentarisch unbestechlichen Blick einer am Realismus geschulten Regisseurin, um ihn zugleich ästhetisch zu überhöhen. Maura Delpero beweist in ihrem Spielfilmdebüt einen staunenswerten Sinn für Stimmungsbilder. Und für einen leisen Humor, der allein in den Bildern liegt.

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: MissingFilms

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden.

Mit Facebook Anmelden um zu Posten!

Anmelden

Länge: 89 min

Kategorie: Drama

Start: 10.12.2020

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (nan/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten!

Gewinnspiele

Gewinne Kinokarten, BluRays, DVDs,
Fan Packages und mehr!

Gleich mitmachen

Info

Maternal

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 89 min
Kategorie: Drama
Start: 10.12.2020

Bewertung Film: (7,5/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (nan/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten