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Der Boandlkramer und die ewige Liebe

Geschrieben von Peter Gutting am 11. November 2020

Die Bayern sind ein besonderes Volk. Sie halten es mit der Religion, glauben an Gott, Teufel und Fegefeuer. Aber sie können auch äußerst respektlos sein, wenn es ums Allerheiligste geht. So malte sich der Heimatschriftsteller Ludwig Thoma bereits 1911 aus, wie es einem Münchner im Himmel ergeht, wenn er Hosianna rufend und auf einer Wolke sitzend auf sein Bier verzichten muss. Eine andere Geschichte erzählt, wie der Brandner Kaspar einst das himmlische Geschehen ins Chaos stürzte, als er den Tod mit einem Kartentrick hinters Licht führte. Joseph Vilsmaier, Spezialist für bayerische Volkskunst, verfilmte den Schwank 2008. Jetzt bringt er eine Art Fortsetzung in die Kinos. Es sollte seine letzte Arbeit werden. Nach weitgehendem Abschluss der Postproduktion starb Vilsmaier im Februar dieses Jahres im Alter von 81 Jahren.

Eine Schönheit ist er nicht, der Boandlkramer (Michael Bully Herbig), anderswo auch Sensenmann genannt. Eine gewaltige Nase steckt in seinem Gesicht, die Augen liegen tief, die Haut ist blass, das Haar bedeckt von einem schwarzen, längst aus der Mode gekommenen Hut. Gratulation an die Maskenbildner – den Schauspieler „Bully“ haben sie derart verschandelt, dass er nur mit viel Fantasie zu erkennen ist. Aber was soll ihm auch das Äußere? Die Menschen haben sowieso Angst vor ihm, seinen „Chef“ (Gott) bekommt er niemals zu Gesicht und der einzige, der ihn versteht, ist sein Gaul Aloisius. Der spricht zwar mit ihm, täte dies aber gewiss auch, wenn der Boandlkramer eine noch schlimmere Missgeburt wäre.

Kruzifix, so geht das aber nicht weiter mit dem ewigen Sensenmann-Bashing, sagte sich Bully Herbig der dem Boandlkramer schon in „Die Geschichte vom Brandner Kaspar“ sympathische Züge verlieh. Auch der Tod ist schließlich nur ein Mensch. Und so kam Herbig auf den Gedanken, der den ganzen Film erst ins Rollen brachte: „Wie wäre es, wenn sich der Tod verlieben würde?“ Dann müsste er entdecken, dass ein Herz in seiner Brust schlägt, was sich freilich mit seinem „Job“ nur trickreich in Einklang bringen ließe. Trotzdem, der Boandlkramer verguckt sich in die Gefi (Hannah Herzsprung), die kurz vor der Hochzeit mit dem Toni (Florian Brückner) steht.

Deshalb bringt es der Sensenmann nicht übers Herz, Gefis Sohn Maxl (Josef „Seppi“ Staber), der im Sterben liegt, wie verabredet im Himmel abzuliefern. Statt des Maxls schiebt er dem Himmelspförtner (Rick Kavanian) den Heiratsschwindler Max Grumberger (Sebastian Bezzel) unter, der eigentlich in der Hölle schmoren sollte. Und um die Verwirrung perfekt zu machen, geht der Boandlkramer mit dem Teufel (Hape Kerkeling) den Pakt ein, eine „Auszeit“ aus seinem Job als Sensenmann nehmen zu dürfen. Alles klar? Muss es nicht. Das Chaos ist komödiantisches Programm.

Wo alles drunter und drüber geht, darf jeder seine eigenen Pirouetten drehen. Regisseur und Chefkameramann Joseph Vilsmaier verliebt sich in Alpenpanoramen, idyllische Dörfer und prächtige Kirchen. Drehbuch-Koautor Marcus H. Rosenmüller („Wer früher stirbt, ist länger tot“) steuert ein paar surreale Motive bei. Bully Herbig kostet sein Talent für Slapstick und Situationskomik aus. Hape Kerkeling gibt den Teufel im Stil eines schmierigen Entertainers mit Musical- und Revue-Einlage – ein Genrefaden, der nicht weitergesponnen wird.

Auf diese Weise entstehen sketchartige Nummern, die teilweise mit überzeugenden Gags und Sprüchen punkten („Nimm dein Leben in die Hand“, rät der Teufel dem Tod). Zu den Pluspunkten zählen auch Ausstattung und Drehorte. So regiert der Teufel etwa in einem piekfeinen, sterilen Glas- und Betonbau, der auch eine Unternehmenszentrale beherbergen könnte, zudem aber über künstlerische, abstrakt wirkende Spiegelkabinette verfügt. Und Gott darf sich seine Zeit in einer wunderschönen, reich geschmückten Himmelsbibliothek vertreiben. Er zieht es allerdings vor, gar nicht da zu sein. Denn er muss nachdenken, ob es wirklich eine gute Idee war, den Menschen einen freien Willen zu schenken, mit dem sie so viel Unheil anrichten könnten.

Alles in allem verstärken sich die unterschiedlichen Talente des Dreigestirns Vilsmaier, Herbig und Rosenmüller jedoch nicht, sondern reiben sich aneinander und schwächen sich gegenseitig ab. Statt in eine Spirale des Grotesken windet sich der Film in die Höhen der sittlichen Weltordnung, nur um ins Tal weihnachtlicher Harmonieseligkeit abzustürzen. Wo die Irrungen der Liebe die Bürgerlichkeit der 1950er Jahre hätten sprengen können, meldet sich die heilige Familie zurück. Ein kohärentes Ganzes wird aus den Versatzstücken nicht, eher ein Krämerladen mit Angeboten für vieles, was das Herz begehrt: Schmonzette und Märchen, aber auch Satire und Klamauk.

„Der Boandlkramer und die ewige Liebe“ macht da weiter, wo „Die Geschichte vom Brandner Kaspar“ aufgehört hatte: ein Volksstück auch für „Preißn“, mit nicht allzu unverständlicher Mundart, aber mit allem, was die bayerische Volkskomik so aufzubieten hat, inklusive dem „Eberhofer“-Darsteller Sebastian Bezzel in typischer Hallodri-Manier. Ein Weihnachtsfilm für die ganze Familie, aber kein echtes „Bully“-Spektakel.

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Copyright: Leonine

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Länge: 87 min

Kategorie: Romance

Start: 17.12.2020

cinetastic.de Filmwertung: (5,5/10)

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Der Boandlkramer und die ewige Liebe

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 87 min
Kategorie: Romance
Start: 17.12.2020

Bewertung Film: (5,5/10)

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