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Winterreise

Geschrieben von Peter Gutting am 3. Oktober 2020

Es unerträglich heiß in Arizona, wo der pensionierte Möbelverkäufer George Goldsmith seinen Lebensabend verbringt. An eine „Winterreise“ würde man wohl kaum denken, wenn man Sohn Martin bei seinen Besuchen ins Elternhaus begleitet. Aber es gibt etwas, was George sein Leben lang verschwiegen hat – und was der längst erwachsene Martin nun wissen will. Es sind unbequeme Fragen nach jener nicht nur physischen Kälte in Nazi-Deutschland, in dem der Vater einst lebte. Und nach einem Familienschicksal, das auch noch auf Martins Kindheit einen Schatten warf. Mit sehenswertem Fingerspitzengefühl lassen die Dokumentarfilmer Anders Østergaard und Erzsebet Racz ein Trauma aufscheinen, das längst nicht nur die Goldsmiths angeht. In dem Doku-Drama gibt der 2019 verstorbene Bruno Ganz eine letzte Kostprobe seiner sanft-melancholischen Schauspielkunst.

Kakteen, soweit das Auge reicht: Die amerikanische Wüste hat ihre eigene Faszination. George Goldsmith allerdings kann der Gegend nichts abgewinnen. Ihm fehlt das Grün. Warum er dann immer noch hier lebe, will Sohn Martin wissen. „Deiner Mutter gefiel es“. Die Antwort lässt Martin kurz fassungslos werden. Die Mutter sei schließlich seit zehn Jahren tot.

Eigentlich ist das Thema noch relativ harmlos, aber die Szene gibt einen Vorgeschmack auf die Art, wie Vater und Sohn um Verständigung ringen: meist freundschaftlich, liebevoll, einfühlsam, aber manchmal auch ungeduldig, harsch und konfrontativ. Martin, ein erfolgreicher Radiomoderator von Klassik-Sendungen, möchte ein Rätsel lösen, das auch sein eigenes Leben bedrückt. George liebt seinen Sohn sichtlich, will ihm helfen, scheut sich aber, über den Schatten einer quälenden Vergangenheit zu springen. Nur durch beharrliche Recherche und unabhängige Quellenerforschung bringt der Sohn den Vater zum Reden.

George hieß früher Günther und war zu Beginn der Nazi-Diktatur ein talentierter Flötist. Als Jude wurde er jedoch vor Abschluss seines Studiums vom Konservatorium gejagt. 1935 wollte er das Land verlassen, bekam jedoch die Einladung, beim Orchester des sogenannten jüdischen Kulturbundes auszuhelfen. Welche Alibi-Funktion diese Einrichtung hatte, wusste er wohl. Propaganda-Minister Joseph Goebbels wollte damit dem Ausland vormachen, dass man die Juden nicht so schlecht behandle, wie vermutet wurde. Aber Günther war jung, wollte spielen und verliebte sich in die Bratschistin Rosemarie, die seine Frau wurde. 1941 gelang ihnen in letzter Minute die Flucht in die USA. Während seine Frau in Amerika wieder ein Orchester fand, arbeitete Günther 35 Jahre als Möbelverkäufer. Warum er sich das antat, will Martin herausfinden. Er hat darüber das Buch „Die unauslöschliche Symphonie, Musik und Liebe im Schatten des Dritten Reiches – eine deutsch-jüdische Geschichte“ geschrieben.

Auf den ersten Blick scheinen die Gespräche einem gewohnten Muster zu folgen. Der Nachgeborene kann sich einfach nicht vorstellen, wie naiv man sein muss, um ein menschenfeindliches System zu stützen. Doch schon bald weicht die Dialogunfähigkeit einem komplexeren Nachdenken – und das hebt den Film aus einer typischen Holocaust Geschichte aus Opfersicht heraus. Eine ganze Menge trägt dazu die klassische Musik bei, über die sich der im Off zu hörende Sohn und der von Bruno Ganz verkörperte Vater (der reale starb 2009) auf einer anderen Ebene als der rationalen verständigen können. Wieso der Vater die Gefahr nicht erkannt hat? Weil er wie die betrogene Ehefrau aus Mozarts „Hochzeit des Figaro“ fühlte, die nicht glauben konnte, dass es ihr Mann wirklich Ernst mit diesem Unrecht meinte und darum auf bessere Zeiten hoffte. Was habt ihr damals gespielt, als du im Kulturbund anfingst? Tschaikowski. Das Stichwort reicht aus: Sofort weiß der Sohn, was der Vater empfand.

In einer der berührendsten Szenen erzählt Günther, wie ihn seine Mutter als Neunjährigen in Mozarts „Zauberflöte“ mitnahm. Es ist nicht nur das Instrument, das ihn betörte. Es ist die Utopie von der Gleichheit der Menschen. Das hast du damals schon verstanden? „Es lag alles in der Musik, für mich war das unmissverständlich klar“. Auf der Tonebene erklingen dazu die Arien, im Bild macht sich die Opernbühne selbstständig, der Chor der weisen Männer wird quasi ausgeschnitten und fliegt in einer Überblendung über real gefilmte Landschaften – Symbol für die Lebensreise, die der junge Mann antritt. Der filmische Trick ist nicht der einzige in der ästhetisch ausgefeilten Spurensuche. In anderen Momenten etwa betreten heutige Schauspieler historische Fotos, laufen darin herum, während die übrigen Figuren in ihrer Erstarrung verharren. Archivaufnahmen des jüdischen Orchesters werden mitunter so verfremdet, dass der Zuschauer an der Seite von Martins Eltern in das Geschehen eintauchen kann. Es ist ein kreativer Mix aus vorhandenem Material und nachgespielten Elementen, der sich einem einzigen Zweck unterordnet: die berührende Annäherung von Vater und Sohn sinnlich fassbar zu machen.

„Winterreise“ macht mit filmischen Mitteln das Unsagbare sichtbar: Warum ein Vater jahrzehntelang schwieg und wie ein Sohn nach und nach versteht, was ihm die Sprache verschlagen hat. Dass in seiner Familiengeschichte universell verständliche Muster stecken, wusste der US-amerikanische Radiomoderator Martin Goldsmith sehr gut, als er sein Buch über die Liebe seiner Eltern in Nazi-Deutschland veröffentlichte. Das Dokudrama von Anders Østergaard und Erzsebet Racz übersetzt die Geschichte in einfühlsame Bilder, unterlegt mit betörend schöner Musik.

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Copyright: Real Fiction

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Länge: 90 min

Kategorie: Documentary

Start: 22.10.2020

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Winterreise

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 90 min
Kategorie: Documentary
Start: 22.10.2020

Bewertung Film: (7,5/10)

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