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Vater – Otac

Geschrieben von Peter Gutting am 3. Oktober 2020

Moralische Dilemmata spielten eine wichtige Rolle in den letzten beiden Filmen des Regisseurs Srdan Golubović. Menschen machten sich schuldig, haderten mit den Folgen ihres Tuns, litten unter den Qualen des Gewissens. In seinem vierten Spielfilm erforscht der Serbe erneut das Mysterium der inneren Stimme, diesmal aber auf eine ganz andere, weniger rationale Art. Sein eindrucksvolles Drama zeigt einen Mann, der einzig und allein auf sein Gefühl hört, in einer staunenswerten Beharrlichkeit. Mögen ihn auch alle für verrückt halten, dieser um seine Kinder kämpfende Vater geht seinen Weg. Ganz wortwörtlich.

Eigentlich ist es ein stiller Film, doch er beginnt mit einem Paukenschlag, der fast zwei Stunden nachhallt. Eine Frau schleift ihre zwei Kinder zur Fabrik, die ihren Mann vor zwei Jahren entlassen hat. Sie will den Direktor sprechen, fordert den ausstehenden Lohn und die immer noch nicht bezahlte Abfindung ihres Mannes. Als sie nicht vorgelassen wird, droht sie mit Selbstmord: die Kindern hungern, der Vater findet nur Gelegenheitsjobs, die Familie ist am Ende. Die Frau meint es ernst, bitterernst. In der Plastikflasche, die sie dabei hat, befindet sich Benzin. Sie übergießt sich und zündet sich an. Nur durch beherztes Eingreifen der umstehenden Arbeiter kann sie schwer verletzt gerettet werden.

Nikola (Goran Bogdan), der Mann der im Krankenhaus liegenden Biljana (Nada Šargin) hat viel mit ihr gemeinsam: die Wut, die Radikalität, die Verzweiflung. Aber er wendet das Unrecht, das ihm angetan wird, weder gegen sich selbst noch gegen andere. Als der Leiter des Jugendamtes (Boris Isaković) die Kinder vorläufig in eine Pflegefamilie gibt, weil er angeblich zu arm sei, um für sie sorgen zu können, schreitet er stumm zur Tat. Innerhalb von zwei Tagen schafft er Ersatz für den abgestellten Strom, versorgt das baufällige Häuschen wieder mit fließendem Wasser und streicht das Kinderzimmer. Alles Dinge, die ihm der Beamte aufgetragen hatte, um das Amt gnädig zu stimmen. Doch bald wird klar, dass das nur ein Vorwand war. Die Behörde will ihm die Kinder gar nicht zurückgeben, weil der korrupte Leiter mit dem Verschachern an Pflegeltern gutes Bestechungsgeld verdient. Als der Vater das von einem ehrlichen Menschen in der Behörde erfährt, sieht er nur einen Ausweg: Er wird 300 Kilometer zu Fuß nach Belgrad laufen und dem zuständigen Minister persönlich einen Beschwerdebrief übergeben.

Um die auf einem wahren Fall beruhende Geschichte für glaubwürdig halten zu können, muss man in das Gesicht des Hauptdarstellers schauen. Goran Bogdans Figur verzieht keine Miene angesichts der Hiobsbotschaften, die auf ihn einprasseln. Aber etwas verändert sich bei seinen beiden Besuchen im Jugendamt. Beim ersten Mal hält er den Kopf gesenkt, scheint stur einen Punkt am Boden zu fixieren, schicksalsergeben wie ein Schaf. Zwei Tage später erscheint seine Miene genauso unbeweglich, aber tief im Innern kommt etwas in Bewegung, das nur seine Augen verraten: Zorn, Kampfgeist, Entschlossenheit.

Das Drehbuch, das der Regisseur zusammen mit dem Kroaten Ognjen Sviličić geschrieben hat, lässt keinen Zweifel an der Qual des fünftägigen Fußmarschs. Blutige Füße, Übernachtungen auf nacktem Waldboden, Erschöpfung bis zum Zusammenbruch. Doch die meist statische Kamera von Aleksandar Ilić gibt sich mit dem dokumentarischen Realismus verfallender Fabriken, verrottender Tankstellen und aufgegebener Bushäuschen nicht zufrieden. Die Art der Blickwinkel, die Ausschnitte und die Ruhe der Einstelllungen erschaffen eine zweite Ebene, insbesondere in den Naturaufnahmen. Sie strahlen etwas Tröstliches aus. Sogar die Wölfe, die der Wanderer überraschend trifft, haben Respekt vor dem Durchhaltewillen des sanften Heiligen.

Einmal bittet der Wanderer einen Tankwart, ihn irgendwo in einer Ecke der Station schlafen zu lassen. Der Mann ist freundlich und hilfsbereit. Er fragt Nikola, ob er derjenige sei, von dessen Marsch nach Belgrad inzwischen die Zeitungen berichten, weil der Fall in seinem Dorf und darüber hinaus so viel Aufsehen erregte. Nein, antwortet Nikola wahrheitswidrig. Der Fußgänger will kein Held sein, er möchte weder auf soziale Missstände aufmerksam machen noch eine Rebellion gegen Vetternwirtschaft anzetteln. Er will einfach nur seine Kinder wiederhaben.

In diesem Zusammenhang schafft der Film etwas Wunderbares: Er lässt dem Mann seine begrenzten Ziele und feiert ihn dennoch – unausgesprochen – als humanen, politischen und vielleicht auch religiösen Helden. Ganz einfach dadurch, dass die Kamera nicht von seiner Seite weicht, dass sie mit ihm die gesellschaftlichen Verwerfungen durchwandert, ohne mit dem Zeigefinder auf sie zu deuten. Nie verlassen die Filmbilder die naturalistische Ebene. Sie zeigen keine Tagträume, keine Halluzinationen und auch keine On-the-Road-Romantik. Trotzdem öffnet „Vater – Otac“ eine weitere Dimension inmitten des Realismus. Vielleicht deshalb, weil das beständige, monotone, ermüdende Gehen den Zuschauer in eine dafür empfängliche Stimmung versetzt. Wird hier nicht auch eine Heiligenlegende erzählt? Klingen da nicht christliche Motive an? Handeln die Bilder nicht von einer Welt, in der das Wünschen noch hilft? In der man nicht verzweifeln muss, weil es den einen gibt, der das Richtige tut, weil er auf sein Herz hört?

„Vater – Otac“ gewann bei der Berlinale 2020 den Publikumspreis der Sektion Panorama. Und das, obwohl die Tristesse des postsozialistischen, immer noch bürokratisch verkrusteten Serbiens nicht gerade einen gemütlichen Abend verspricht. Aber Regisseur Srdan Golubović setzt die auf einem realen Fall basierende Geschichte so betörend und hypnotisch in Szene, dass inmitten des harten Realismus eine wunderbar optimistische und berührende Botschaft aufscheint.

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Copyright: Barnsteiner

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Länge: 120 min

Kategorie: Drama

Start: 03.12.2020

cinetastic.de Filmwertung: (8/10)

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Vater – Otac

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 120 min
Kategorie: Drama
Start: 03.12.2020

Bewertung Film: (8/10)

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