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Und morgen die ganze Welt

Geschrieben von Peter Gutting am 3. Oktober 2020

2017 lief im Wettbewerb der Filmfestspiele Venedig der Rachethriller „Aus dem Nichts“ von Fatih Akin, ein emotional aufwühlender Aufschrei gegen den Rechtsterrorismus. Nun, drei Jahre später, setzt sich erneut ein deutscher Beitrag mit dem immer stärker anschwellenden Neo-Nazismus auseinander. Ist gewalttätiger linker Widerstand erlaubt, wenn Rechtsextreme Waffen und Sprengstoff horten, fragt Regisseurin Julia von Heinz. Antworten bietet ihr Film natürlich nicht, stattdessen aber Nervenkitzel und das starke Porträt einer Frau, die immer tiefer in die Strudel ihres eigenen Handelns gerät. Wie schon Diane Kruger in Akins Film, die damals als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde. Für Mala Emde gab es jetzt den Preis der unabhängigen Filmkritik.

Mannheim, Paradeplatz im Jahr 2020: Wo der Kurfürst früher seine Truppen aufmarschieren ließ, versammeln die Rechtspopulisten nur ein kleines Häuflein. Aber: Sie haben stadtbekannte Neonazis mit dunkler Vergangenheit als Ordner engagiert. Das lassen sich die örtlichen Antifaschisten (Antifa) nicht bieten. Ein bisschen aufmischen möchten sie die unheilige Allianz von frustrierten Konservativen und knallharten Rechten schon, mit Tortenwürfen und Farbbeuteln. „Aber bitte ganz friedlich“, stellt Batte (Luisa-Céline Gaffron) klar. Doch wie das so ist mit Provokationen – die Lage gerät außer Kontrolle. Im Tumult klaut Battes Busenfreundin Luisa (Mala Emde) einem Nazi das Handy, der verprügelt sie und wird wiederum von Alfa (Noah Saavedra) mit einer Eisenstange traktiert.

Kein guter Einstand für Luisa, die neu ist in der linken Antifa-Gruppe und gerade eingezogen in das alternative Wohnprojekt im besetzen Haus. Batte ist sauer wegen der Gewalt und Alfa (ja, er heißt wirklich so wie das Alphamännchen, das er darstellt) nennt die Jurastudentin aus gutem Hause ein „Greenhorn“. Militanz, so sieht es der charismatische Sonnyboy mit der Andreas-Baader-Attitüde, ist was für echte Revoluzzer wie ihn und seinen Kumpanen Lenor (Tonio Schneider), nichts für wohlbehütete Weicheier wie Luisa. Tatsächlich hat die 20-jährige Jurastudentin in der Nacht nach der Aktion Alpträume, kriecht schluchzend in Battes Bett. Am Tag darauf zeigt sie allerdings schon wieder Härte. Luisa geht ins Boxtraining der Gruppe und versucht Alfa mit dem geklauten Handy zu imponieren, auf dem sich dann tatsächlich wichtige Infos des geheimen Neonazi-Netzwerks finden.

Julia von Heinz, die in ihrem fünften Kinospielfilm ihre eigene Jugend verarbeitet, war 15, als sie sich antifaschistischen Initiativen anschloss. Vor diesem Hintergrund erklärt sich die pubertäre Unbedingtheit, mit der sie ihre Heldin ausstattet. Ein Schritt ergibt den nächsten, zurück geht es nie, ähnlich wie in dem titelgebenden Liedzitat „und morgen die ganze Welt“, das einst die Hitlerjugend sang, das aber auch für linke Idealisten einen euphorisierenden Charme verströmt. Fast immer ist die agile Handkamera (Daniela Knapp) direkt bei der jungen Aktivistin, die sich auf den Sog der Gewaltlogik einlässt und selber kräftig an der Militanzschraube dreht. Die ganze Inszenierung folgt der subjektiven Perspektive, taucht ein in den Rausch jugendlichen Größenwahns. Die auch erotisch verbandelten Luisa, Alfa und Lenor kämpfen ihre Schlacht gegen rechts wie auf Droge. Auf die in der Szene üblichen Richtungsdebatten und Strategiediskussionen verzichten Julia von Heinz und ihr Drehbuchkoautor (und Ehemann) John Quester zugunsten kurzer, hitziger Wortgefechte während der Aktionen.

So entsteht ein fesselnder, atemberaubender Politkrimi, der leider auf ein tieferes Ausloten der Charaktere verzichtet. Was Luisa so sehr von ihrem eigentlich herzlichen Elternhaus entfremdet, hätte man gern gewusst, ebenso mehr über die persönlichen Hintergründe ihrer Freunde. Auch fragt sich, ob dem Trio der politische Kampf tatsächlich mehr bedeutet als Imponiergehabe, Mutprobe und Militanz um der Militanz willen. Für solche Überlegungen nimmt sich der Film wenig Zeit – und das in einer politischen Lage, in der das Thema einer angemessenen und wirksamen Strategie gegen rechts mehr denn je auf der Tagesordnung steht. Da greift es recht kurz, lediglich die Legitimität oder Illegitimität von Gewalt in den Raum zu stellen.

Jenseits solcher Einwände ist es aber höchst erfreulich, dass „Und morgen die ganze Welt“ den Zuschauer nicht mit dem Gefühl entlässt, die angerissenen Themen gingen ihn nichts an. Julia von Heinz schlägt sich schon seit 20 Jahren mit ihnen herum. 2002 reicht sie das erste auf ihrer Antifa-Vergangenheit basierende Drehbuch erfolglos beim WDR ein. Zwischenzeitlich arbeitete sie immer wieder an dem Stoff und bringt ihn nun zu einer Zeit ins Kino, in der er nicht als Historie abgehakt werden kann.

„Und morgen die ganze Welt“ ist ein elektrisierender Politthriller. Wie unter Strom stürzen sich die jungen Aktivisten ins Getümmel, und die Inszenierung mit ihnen. Regisseurin Julia von Heinz konzertiert sich ganz auf die Perspektive ihrer jungen Heldin. Sie erzählt die persönliche Geschichte einer gewaltbereiten linken Aktivistin, nicht mehr und nicht weniger. Die offen bleibenden Fragen muss sich der Zuschauer für ein anschließendes Gespräch in der Kneipe aufheben.

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Wir vergeben daher 7,0 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Alamode

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Länge: 111 min

Kategorie: Crime, Drama, Romance

Start: 29.10.2020

cinetastic.de Filmwertung: (7,0 /10)

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Und morgen die ganze Welt

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 111 min
Kategorie: Crime, Drama, Romance
Start: 29.10.2020

Bewertung Film: (7,0 /10)

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