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Tonsüchtig – Die Wiener Symphoniker von innen

Geschrieben von Peter Gutting am 3. Oktober 2020

Musikfilme sind oft das Werk von Spezialisten, die schon viele Bands oder Orchester porträtiert haben. Nicht so bei Malte Ludin und Iva Svarcová. In der langen Filmografie der Regisseure findet sich höchstens ausnahmsweise eine Musikdoku, ansonsten ein bunter Mix ganz anderer Themen und Interessen. Doch das ist keineswegs ein Nachteil. Ihr Dokumentarfilm nähert sich dem Phänomen der klassischen Orchestermusik sozusagen von außen, aber mit dem Ziel, umso innigere Einblicke zu bekommen.

Karohemd und Cowboyhut: Mit klaren Signalen lässt Geigerin Agata Sikorska ihr Pferd im Kreis laufen. Dort draußen auf der Koppel würde niemand die junge Frau für das Mitglied eines renommierten Orchesters halten. Weit weg scheint die Welt des Konzertsaals, vergessen die Anspannung, schwierigste Passagen auf einem Instrument meistern zu müssen, das nicht das leiseste Zittern der Hand verzeiht. Ein idealer Ort zum Abschalten, könnte man meinen. Doch dann sagt die Violinistin einen verblüffenden Satz. „Das Pferd zeigt mir, ob ich klar bin, mit dem was ich will – das ist ähnlich wie bei der Geige.“ Das Instrument zeige einem, wie man selbst drauf sei, ob man also etwas richtig mit ihm mache oder nicht. Ein stummer Dialog, vergleichbar dem mit dem hochsensiblen Tier.

Die Szenen außerhalb der Musikwelt zählen zu den eindrücklichsten im Film über die Wiener Symphoniker, einem rund hundert Instrumentalisten starken Klangkörper, der nach den „Philharmonikern“ als das zweitwichtigste Orchester der österreichischen Hauptstadt gilt. Ein Posaunist klettert auf einen Berg, eine Geigerin steigt mit der befreundeten Cellistin ins Ruderboot und ein Cellist lädt das Filmteam zu sich nach Hause ein. Dort entspinnt sich am Familientisch das heikle Gespräch mit Ehefrau und erwachsener Tochter, ob der Mann und Vater denn eher mit seinem Instrument oder mit seiner Frau verheiratet sei.

Die intimen Momente sind nicht gestellt, aber auch kein reiner Zufall. Unter der großen Gruppe der Musiker sind die Regisseure mit jenen intensiver ins Gespräch gekommen, die bereit waren, sich zu öffnen – für ihre Ängste, den äußeren Druck aber auch die unbeschreiblich intensiven Momente, die sich als „Rausch“ oder als die titelgebende „Tonsucht“ charakterisieren lassen. Man gerät eben in unerwartete Tiefen, wenn man, wie die Filmemacher, aus der Laienperspektive fragt: Wie kann es sein, dass sich so viele Persönlichkeiten anhören, als wären sie ein einziges Instrument, ein vielköpfiger Klangkörper, der sich unter einem Dirigenten so anhört und unter einem anderen ein bisschen anders.

Neben den Einzelinterviews und den vielen Probeszenen, die Antworten auf die zentrale Frage ausloten, hatten die Regisseure auch das Glück, eine verbindende „Geschichte“ herausschälen zu dürfen. Während der Dreharbeiten wurde ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin für den langjährigen Konzertmeister Florian Zwiauer gesucht, der zu der Zeit noch aktiv war und Auskunft geben konnte über seine Funktion, seine Probleme mit den Dirigenten und seine Ängste vor dem Ruhestand. Ein Konzertmeister steht nach Zwiauers Auskunft zwischen dem Menschen am Pult und der Gruppe. Er gibt als Stimmführer der ersten Geigen auch den anderen Instrumentengruppen den Ton vor, muss sozusagen die Vorgaben des „Chefs“ der Truppe vermitteln. Auch Zwiauer zählt zu jenen, die sich offenherzig in die Karten schauen ließen. Ihn erzählen, aber auch spielen zu hören, führt zu den weiteren Höhepunkten des Films, die im Vorspiel der Nachfolgekandidaten gipfeln.

An dieser Stelle wandelt sich die Dokumentation auch ein Stück weit in einen Musikfilm. Waren die Ausschnitte aus Konzerten bislang eher kurz, präsentiert sich nun die Bewerberin Sophie Heinrich mit langen Passagen aus Beethovens „fünfter“. Im Normalfall hat der Zuschauer nicht das Privileg, bei solchem Vorspiel dabei sein zu dürfen. Aber Malte Ludin und Iva Svarcová haben sich im Laufe des Drehs beim Orchester ein Vertrauen erworben, das sie mit ihrem Film auf sehenswerte Weise einlösen. Dank mehrerer Kameras sind sie ganz nah am Geschehen. Aus unterschiedlichen Perspektiven können sie so die Intensität, Spannung und schließlich die Freude einfangen, die sich im gelingenden Zusammenspiel auf den Gesichtern spiegelt.

„Tonsüchtig“ nähert sich dem Phänomen des Orchesterspiels mit wohlwollender Neugier, aber nicht im Modus der Heldenverehrung. Licht und Schatten eines Hochleistungsbetriebs werden beleuchtet, ohne in distanzierte Neutralität zu verfallen. Indem sie den Musikern so nah kommen, weiten die Regisseure Malte Ludin und Iva Svarcová den Blick über die Klangkünstler hinaus zu universellen Themen wie Leistungsdruck, Versagensangst und einem Beruf, der nur als Berufung funktioniert.

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Länge: 90 min

Kategorie: Documentary

Start: 05.11.2020

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Tonsüchtig – Die Wiener Symphoniker von innen

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 90 min
Kategorie: Documentary
Start: 05.11.2020

Bewertung Film: (7,5/10)

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