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Platzspitzbaby

Geschrieben von Peter Gutting am 15. Oktober 2020

 

„Die beste aller Welten“ heißt ein Film aus dem Jahr 2017. Darin verarbeitet Regisseur Adrian Goiginger seine Kindheit mit einer drogenabhängigen Mutter. Ganz ähnlich ist die Ausgangslage im Drama des Schweizers Pierre Monnard. Doch so sehr sich die Drogenhöhlen mit ihren abgewrackten Gestalten auch ähneln – der Blick auf sie ist hier ein anderer, längst nicht so versöhnt wie bei Goiginger. Er basiert auf der Erinnerung einer jungen Frau, die sich aus eigener Kraft aus dem Milieu lösen musste und darüber ein viel beachtetes Buch geschrieben hat. In seiner einfühlsamen Verfilmung weitet der Regisseur den Blick auf eine ganze Gruppe vergessener Kinder, ohne seine Protagonistinnen zu instrumentalisieren oder zu beschädigen.

Zürich, in den 1990er Jahren. Energisch stapft die elfjährige Mia (Luna Mwezi) durch ein Gewusel von Menschen, das man in dem Trubel zuerst für einen Flohmarkt halten könnte. Aber dazu passt nicht, dass manche Menschen wie tot auf dem Boden liegen, andere sich kaum auf den Beinen halten können. Die Bilder zeigen nur wenig von dem gruseligen, heute kaum noch vorstellbaren Elend des damals größten europäischen Treffpunkts von Junkies. Die Kamera bleibt eng bei dem Mädchen, das seine Mutter sucht, lässt den Hintergrund in Unschärfen verschwimmen. Dazu läuft auf der Tonspur und über Mias Kopfhörer ein Gute-Laune-Song der Beach Boys, der so gar nicht in die wilde Musik der Szene passt. Alles ist hier Kontrast. Kind und Erwachsene, Unschuld und Kaputtheit, Lebenskraft und Dahinsiechen. Eine Spannung, aus der der Film seine emotionale Kraft schöpft.

1995 wurde die offene Drogenszene aus Zürich vertrieben, die Junkies fanden sich vereinzelt in Kleinstädten des Umlands wieder, ziemlich auf sich gestellt, ohne angemessene Unterstützung für sich und vor allem für ihre Kinder. Hier beginnt der Film. Mias Mutter Sandrine (Sarah Spale) will mit der Tochter ein neues Leben beginnen: eigene Wohnung, geregelter Tagesablauf, Drogenentzug. Seit mehr als einem Monat ist die dürre, von den Exzessen gezeichnete Frau bereits clean. Da trifft sie zufällig einen alten Freund aus der Szene. Obwohl ihre Tochter schreit und rebelliert, geht Sandrine mit ihm, in ein abgelegenes Haus am Ortsrand, wo sich ein paar Junkies häuslich eingerichtet haben.

Es ist nicht das erste und einzige Mal, dass die Mutter die Hoffnungen ihres Mädchens zerstört. Warum das so ist und warum die Tochter nicht einfach zu ihrem Vater geht, der ohne Drogen lebt, schildert der Film in berührender Intensität. Präzise sezieren kleine Details die wechselseitige Abhängigkeit, den Tausch der Rollen, wenn die Tochter die Mutter versorgt, und legen das Band der Liebe frei, das die beiden auch in der größten Not zusammenschweißt. Der Film zeichnet die Mutter keineswegs als Monster, er sympathisiert mit ihrer Lebenslust, wenn sie sich die richtige Dosis Euphorie in die Vene geschossen hat. Er zeigt aber zugleich mit aller Härte, was geschieht, wenn die Wirkung nachlässt und um jeden Preis neuer Stoff beschafft werden muss. Selbst die eigene Tochter wird dann nur noch Mittel zum Zweck.

Solche Erkenntnisse liefern auch andere Drogenfilme. Das Besondere an „Platzspitzbaby“ ist hingegen die Perspektive des Kindes, die der Film fast durchgängig einnimmt. Sie kontrastiert das Elend mit Tagträumen und Fantasien, etwa mit dem für Mia sichtbaren Schutzengel „Buddy“, der immer eine Gitarre dabeihat und das Mädchen an ihren Vater, einen eingeschworenen Buddy-Holly-Fan, erinnert. Oder die Streifzüge, die Mia mit ihrer neuen Clique unternimmt – unbeschwerte Abenteuer und eine Art Ersatzfamilie. Diese Momente nehmen dem Film seine Schwere und schaffen eine feinfühlige Balance zwischen Sozialdrama und Coming-of-Age.

Vielleicht wäre das Gleichgewicht weniger gut gelungen, hätten die Filmemacher weitere Motive übernommen, die Autorin Michelle Halbheer in ihrer Autobiografie „Platzspitzbaby – Meine Mutter, ihre Drogen und ich“ sowie in einigen Talkshows geschildert hat. Etwa die Tatsache, dass die Mutter die Tochter im Sorgerechtsstreit erpresst hat, indem sie mit Selbstmord drohte, sollte sich das Mädchen nicht für sie entscheiden. Oder dass die Tochter das Familienleben in den ersten fünf Jahren ihres Lebens als kleine Idylle empfunden hat. Durch das Weglassen allzu melodramatischer, wenn auch realer Beziehungsdetails gelingt „Platzspitzbaby“ etwas umso Anrührenderes: den Schmerz fühlbar zu machen, der auf beiden Seiten durch eine unausweichliche Entscheidung erwächst – entweder mit einem anderen unterzugehen oder seinen eigenen Weg zu finden.

Mit zwei hervorragenden Hauptdarstellern lotet „Platzspitzbaby“ eine Mutter-Tochter-Beziehung aus, die genauso liebevoll wie toxisch ist. Wie sich das anfühlt, wenn eine unbegreifliche äußere Macht die Bindung zur Mutter zerrüttet, hat Michelle Halbheer am eigenen Leib erfahren. Regisseur Pierre Monnard findet dafür nicht nur erschreckende, sondern auch überraschend zärtliche Bilder.

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Copyright: Alpenrepublik GmbH

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Länge: 98min

Kategorie: Drama

Start: 03.12.2020

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Platzspitzbaby

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Länge: 98min
Kategorie: Drama
Start: 03.12.2020

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