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Persischstunden

Geschrieben von Peter Gutting am 3. Oktober 2020

Sein Schreiben gehört eigentlich dem Film. Wolfgang Kohlhaase ist einer der renommiertesten Drehbuchautoren in Deutschland. Nur wenig Zeit blieb ihm für eigenständige literarische Arbeiten. Sie sind in dem Band „Silvester mit Balzac und andere Erzählungen“ erschienen, der 1977 zum ersten Mal aufgelegt wurde. Eine dieser Kurzgeschichten heißt „Erfindung einer Sprache“. Sie wurde jetzt, 43 Jahre später, doch noch zur Filmvorlage, allerdings nicht auf Kohlhaases Initiative, sondern angestoßen vom Skriptschreiber Ilya Zofin und verfilmt von Vadim Perelman. Es ist die kuriose Geschichte eines verfolgten Juden, der im KZ überlebt, weil er sich als Perser ausgibt. Regisseur Perelman hat sie so einfühlsam inszeniert, dass Kohlhaase zufrieden sein dürfte.

Eine stille Landschaft, viel Wald, sanfte Hügel, ein See. Hier ließe sich leben im Jahr 1942, wenn die Schönheit nicht durch Barbarei geschändet würde. Direkt am hohen Ufer des idyllischen Gewässers halten SS-Leute den Lkw mit verschleppten Juden an, lassen die Gefangenen aussteigen, die sie eigentlich in ein Übergangslager im Nordosten Frankreichs bringen sollen. Aber die Transporteure halten sich nicht an den Auftrag, treiben die Leute wie Vieh aus dem Wagen und erschießen sie – mit der grausamsten Kälte und Menschenverachtung, die sich denken lässt.

Ein paar Kilometer weiter, im Lager, geht es genauso willkürlich und verrückt zu, nur einen Tick anders. Hauptsturmführer Klaus Koch (Lars Eidinger) verlangt, dass die Namen aller Lagerinsassen fein säuberlich in eine Liste eingetragen werden, selbst wenn sie in ein paar Tagen, wenn viele den Erschöpfungstod gestorben sein werden, schon wieder durchzustreichen sind. Aufgrund seines Schönschreibfimmels bekommt der SS-Mann einen veritablen Wutanfall, als er sieht, wie seine Hilfskraft Elsa (Leonie Benesch) ein „r“ einen Millimeter aus der Reihe tanzen lässt. Der Hauptsturmführer brüllt, kriegt kaum noch Luft und degradiert seine Mitarbeiterin umgehend zur Küchenarbeit.

In all dem Irrwitz ist es Gilles (Nahuel Pérez Biscayart) gelungen, das Massaker am See zu überleben. „Ich bin kein Jude, ich bin Perser“, hat er gerufen. Natürlich glaubt ihm das Mordkommando nicht, aber – so der unglaubliche Zufall – ein Perser wird gerade dringend gesucht. Hauptsturmführer Koch will nämlich die Sprache des Landes lernen, um nach dem erhofften Ende des Krieges in Teheran ein Restaurant aufzumachen. Gilles, der sich fortan Reza nennt, muss ihm Unterricht geben und dazu die Worte, die er selbst nicht kennt, erfinden. Es ist ein bizarres, abenteuerliches und gefährliches Unterfangen, bedroht von Zufällen, Vergesslichkeit und dem Argwohn der NS-Leute, die nicht wahrhaben wollen, dass der herrschsüchtige und unduldsame Hauptsturmführer eine Schwäche für Sprachkünstler zeigen sollte.

Man kann den Film auf vielen Ebenen sehen: als Kammerspiel zwischen Täter und Opfer, als Reflexion über die Kraft der Sprache oder als Fantasie über die verwegenen Sehnsüchte selbsternannter Herrenmenschen. Aber einer Interpretation verweigert sich „Persischstunden“ ganz konsequent: Er lässt in keiner Sekunde die Lesart „Nazis sind auch nur Menschen“ aufscheinen. Dazu wird der Terror des Lagerlebens zu drastisch geschildert, wenn auch teils in abgegriffenen, schon oft gesehen Bildern und Motiven. Doch innerhalb der Hölle darf etwas entstehen, was den Film besonders macht und was schon in der Grundkonstellation der Geschichte angelegt ist. Es zu benennen, ist nicht ganz einfach, weil Begriffe wie „Austausch“, „Freundschaft“ oder „Zuneigung“ schon viel zu weit gehen. Aber ein Stück Menschlichkeit in verrückten Zeiten ist es schon.

Es passiert nämlich etwas, was in anderen KZ-Filmen so noch nicht erzählt worden ist. Allein schon der Gedanke, dass ein urdeutscher Patriot auf die Idee kommt, die Sprache von Menschen dunkler Hautfarbe lernen zu wollen, hat etwas vielschichtig Schillerndes. Und dass es einem Verfolgten in höchster Gefahr gelingen kann, sich von einer Anfangslüge zu einem ganzen System von Erfindungen zu hangeln, klingt zu unglaublich, um wahr zu sein. Aber es gab tatsächlich solche Überlebenskünstler. Schon dem Schriftsteller Wolfgang Kohlhaase ist etwas Ähnliches erzählt worden, ohne dass dies zur Vorlage von „Erfindung einer Sprache“ wurde. Und Regisseur Vadim Perelman („Haus aus Sand und Nebel“, 2003) glaubt, dass es hunderte solcher Geschichten gibt, in denen Gefangene mit Witz und Verstand überlebten, angefangen von den Mitgliedern der Lagerorchester, die dort Geige spielten, obwohl sie nur Klavier gelernt hatten. Ihnen setzt Perelman ein vielschichtiges, von warmem Humor durchzogenes Denkmal, das in der Schlussszene einen berührenden Höhepunkt findet.

„Persischstunden“ hält eine schöne Balance zwischen Nazi-Terror und dem Aufblitzen eines Stücks Humanität, das mit dem Vermögen der Sprache zu tun hat. Die beiden Hauptdarsteller schaukeln einander zu einer beeindruckenden Leistung hoch, die die eigentlich aberwitzige Geschichte glaubwürdig grundiert. Vor allem Lars Eidinger stattet seine Figur mit großer Vielschichtigkeit aus. Er lässt in einem Unmenschen ungeahnte Sehnsüchte aufscheinen, ohne das Inhumane zu leugnen.

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Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Alamode

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Länge: 127 min

Kategorie: Drama

Start: 24.09.2020

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Persischstunden

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 127 min
Kategorie: Drama
Start: 24.09.2020

Bewertung Film: (7,5/10)

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