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Oeconomia

Geschrieben von Peter Gutting am 3. Oktober 2020

Wenige Jahre nach dem Höhepunkt der Finanzkrise sagte Mario Draghi, damals Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) sinngemäß folgenden Satz: Man werde alles tun, um den Euro zu retten, was immer es auch koste. Seitdem pumpt die EZB durch Anleihekäufe Billionen in den Markt. Weil Draghis Worte Wirkung zeigten, fragte sich kaum jemand, woher das ganze Geld kommt. Dokumentarfilmerin Carmen Losmann hingegen, die vor der Filmhochschule Marketing studierte, ließ sich von komplexen, manchmal auch hilflosen Antworten auf einfache Fragen nicht abschrecken. Sie begann bereits 2012, ein Jahr nach Draghis Ankündigung, mit der Recherche nach dem veränderten Geldsystem seit der Finanzkrise. Herausgekommen ist eine schwer verdauliche, aber provokante und ästhetisch reizvolle Dokumentation.

Besuch im Tempel der Geldakrobatik, man könnte auch sagen im „Maschinenraum des Finanzkapitalismus“. Peter Preat, zum Zeitpunkt der Dreharbeiten Chefvolkswirt der EZB und Mitglied des Direktoriums, lässt bitten. Genauer gesagt: Er lässt betteln, und zwar um einen Termin. Die zugesagten zwei Stunden werden kurzerhand auf eine halbe zusammengestrichen. Die Fragen mussten vorher eingereicht werden und waren wohl zu brisant, daher die plötzliche Terminnot. Aber egal, der Belgier wirkt freundlich und bemüht. Wie kann er sich ausdrücken, dass es das Kinopublikum verstehen würde – diese Frage treibt ihn unübersehbar um.

Weil die Formulierung so anschaulich und trotzdem richtig ist, sagt Preat einen entscheidenden Satz: „Wir drucken Geld“. Nein, fällt ihm der zur Seite gestellte Wachhund von der Presseabteilung ins Wort. Man leihe das Geld denen, die ihre Anleihen verkaufen. Aber Preat lässt sich nicht beirren und bestätigt, worauf die Interviewerin hinauswollte: Die EZB presst mit ihrer virtuellen Gelddruckmaschine unvorstellbare Summen in den Markt, genau wie die Geschäftsbanken. Beide vermehren die Geldmenge nach eigenem Gutdünken. Vorbei die Lehre der Volkswirtschaft, dass alles durch real vorhandenes Gold gedeckt sei und dass die Kreditsumme der Geschäftsbanken den Ersparnissen der Leute entspreche, die sie dort hinbringen. Für Losmann ist der Paradigmenwechsel in der Finanzpolitik keine theoretische Frage, sondern höchst praktisch. Aus ihm erkläre sich, warum die Wirtschaft ständig wachsen müsse, auch bei drohendem ökologischem Kollaps. Und warum das ganze Geld letztlich bei den eh‘ schon Reichen lande. Wie genau das funktioniert, erläutert der Film anschaulich. Es lässt sich aber nicht in Kürze nacherzählen.

Das Interview mit Peter Preat ist eine Schlüsselszene. Nicht nur, weil eine einfache Frage („woher kommt das Geld“) einen hochgebildeten und topbezahlten Entscheider kurz straucheln lässt. Und auch nicht nur, weil das ganze Prozedere offenbart, wie zugeknöpft sich Topbanker geben, die über das Lebensschicksal von Milliarden Menschen entscheiden, wie die Finanzkrise zeigte. Sondern vor allem, was an dem komplexen, Gehirnschmalz fressenden Thema filmisch interessant ist: Der Neubau der EZB in Frankfurt am Main ist eine architektonische Ikone moderner Machtausübung. In dem Glas- und Betondom verschwindet der Mensch wie in einer mittelalterlichen Kathedrale, wird klein gemacht und muss aufschauen zu einem nicht greifbaren, aber einschüchternden Gott.

Einfache Fragen stören da nur, am besten, man glaubt alles, was in gedrechseltem Finanzdeutsch durch Heerscharen von Wortverdrehern gepredigt wird. Und: Der Gott der Finanzwelt kann durch die Rundumverglasung alles sehen. Aber wenn die kleinen Menschlein von außen draufschauen, ist es vorbei mit der allseits beschworenen Transparenz. Spiegelnde Scheiben lassen jegliche Neugier abprallen an dem, was die Priester des Euros so aushecken, um ein System am Laufen zu halten, das Kritiker mit dem Prinzip des Kettenbriefs vergleichen.

Dennoch bleiben Zweifel, ob man über solche Themen Filme drehen oder nicht doch lieber Bücher schreiben sollte. Zumal, wenn dem Zuschauer wenig Raum für assoziatives Denken gelassen wird wie noch in Carmen Losmanns mehrfach ausgezeichnetem Debüt „Work hard, play hard“ (2011) über den modernen Umgang mit sogenanntem „Humankapital“ – früher hätte man gesagt: über die verschärfte Ausbeutung der Arbeitskräfte.

Die Regisseurin erzählt im Film selbst, wie ihr der neue Stoff über den Kopf wuchs und wie sie sich entschied, wie eine naiv Fragende im Film selbst aufzutreten, den Gang der Recherche abzubilden und die Zwischenergebnisse mit Schaubildern zu illustrieren. Das allerdings war keine gute Idee, denn sie führt zu einer geschlossenen Argumentation, die den bevorstehenden Zusammenbruch des Systems prophezeit. So etwas Ähnliches hat der gute alte Karl Marx auch schon versucht. Den Kapitalismus gibt es immer noch, der Theorie zum Trotz.

„Oeconomia“ nimmt sich eines höchst interessanten und jeden angehenden Themas an. Doch ob die Schlüsse, die Carmen Losmann zieht, revolutionär sind oder von Fachleuten leicht zu widerlegen, kann ein Laie nicht beurteilen. Dennoch fasziniert die Dokumentation durch ihre ausgefeilte Ästhetik und die Fragen, die sie aufwirft. Mehr braucht ein Film eigentlich nicht. Die Antworten darf er getrost den Sachbuchautoren überlassen.

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Wir vergeben daher 6,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Neue Visionen

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Länge: 89 min

Kategorie: Documentary

Start: 15.10.2020

cinetastic.de Filmwertung: (6,5/10)

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Oeconomia

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 89 min
Kategorie: Documentary
Start: 15.10.2020

Bewertung Film: (6,5/10)

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