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Morgen gehört uns

Geschrieben von Peter Gutting am 15. Oktober 2020

Greta Thunberg war 15, als sie ihren Schulstreik begann, also streng genommen kein Kind mehr. Malala Yousafzai hingegen startete bereits mit zwölf Jahren ihre Tagebuch-Kampagne, die den Schulbesuch für alle Mädchen forderte. Bisher hatte man solche Aktivitäten sehr junger Menschen für eine Ausnahme gehalten. Doch der neue Film von Gilles de Maistre zeigt, dass es sich um die Spitze eines Eisbergs handelt. Der französische Regisseur geht davon aus, dass sich weltweit Tausende Kinder für die Umwelt, für ihre Mitmenschen  oder für Kinderrechte einsetzen. Er stellt in seiner berührenden Dokumentation sieben von ihnen vor – aus vier Erdteilen und ganz unterschiedlichen Lebensverhältnissen.

Aïssatou ist hektisch und aufgebracht. „Ich habe gerade von einer Kinderhochzeit erfahren“, ruft sie in ihr Handy. Sie alarmiert andere Mädchen, ihr zu helfen. Die Kamera zeigt ein Auto, die Polizei im westafrikanischen Guinea hält es an. Aïssatou öffnet die Wagentür, um der minderjährigen Braut herauszuhelfen. Es sind turbulente Szenen, die Hochzeitsgesellschaft wehrt sich, ist aufgebracht. Die Braut bricht in Tränen aus, nicht aus Ärger über die geplatzte Trauung, sondern aus Scham und Dankbarkeit. Wie so oft sollte die Vermählung mit einem älteren Mann gegen den Willen des Mädchens geschehen. Offiziell sind Kinderehen auch hier verboten, werden aber geduldet. Zumindest, solange niemand einschreitet, wie die zwölfjährige Aïssatou oder ihr Vorbild Idrissa Bah, eine mittlerweile 20jährige Aktivistin, die ebenfalls bereits als Kind gegen Kinderehen kämpfte.

Regisseur Gilles de Maistre („Mia und der weiße Löwe“, 2018) ist ausgebildeter Fotojournalist und hat früher Dokumentationen über das Elend gedreht, über Straßenkinder, Kindersoldaten und Minderjährige, die wie Sklaven ausgebeutet werden. Aber irgendwann hatte der sechsfache Vater das Gefühl, dass Bilder des Leids nichts verändern. Dass sie den Zuschauer schockieren, aber nicht zu konkretem Handeln ermuntern. Deshalb versucht es der 60-Jährige jetzt mit positiven Beispielen. Etwa mit José Adolfo (13) aus Peru. Er sammelt verwertbare Abfälle und macht daraus ein nichtkommerzielles Geschäftsmodell in Form einer Umweltbank. Dort können Kinder, die Wertstoffe sammeln, ein Guthaben aufbauen, das in Geld ausgezahlt wird. 3000 Minderjährige haben bereits ein Konto.

Artur (10) aus dem nordfranzösischen Cambrai verkauft selbstgemalte Bilder und packt mit den Einnahmen Tüten für Obdachlose. Ganz unbefangen spricht er Menschen an, die auf der Straße leben. „Möchten Sie ein Sandwich“, fragt er verblüffte Clochards, die zuweilen zu Tränen gerührt sind. Niemand hat Arthur zu seinen Aktionen angehalten. Für ihn ist es auch keine große Sache. Er hat einfach das Bedürfnis, den Hilfsbedürftigen Essen und Kleider zu geben. Heena (11) in Neu-Dehli ist selbst ein Straßenkind. Sie will andere auf die Lage von Ihresgleichen aufmerksam machen und schreibt deshalb Berichte, die im dem Monatsmagazin namens „Balaknama“ erscheinen, was übersetzt „die Stimme der Kinder“ bedeutet. Wieder anders ist die Lage in Bolivien. Hier engagieren sich Kevin (10), Jocelyn (12) und Peter (13) in einer Kindergewerkschaft. Ihr Ziel ist nicht einmal, die Arbeit für Minderjährige abzuschaffen, so sehr sind die Familien auf das Zusatzeinkommen angewiesen. Aber sie streiten für bessere Bedingungen, die es erlauben, Schule und Arbeit miteinander zu verbinden.

Das mag in der Nacherzählung so klingen, als würden hier kleine Gutmenschen herangezüchtet, ähnlich wie bedauernswerte Tenniskinder, denen erfolgshungrige Eltern bereits mit fünf den Schläger in die Hand drücken. Aber in Maistres Film sind die Eltern eher Anhängsel als treibende Kraft – nützliche Dienstleister, die Fahrdienste übernehmen. Auch der Film selbst verhält sich so. Ganz bewusst hat der Regisseur die Stimme aus dem Off, die die unterschiedlichen Geschichten verbindet und Hintergründe erklärt, nicht selbst übernommen. In dieser Rolle fungiert der junge Peruaner José Adolfo, der sich die Aktivitäten der anderen auf Video anschaut und diese kommentiert. Der Regisseur begibt sich in die Beobachterposition, begegnet seinen Protagonisten auf Augenhöhe und spielt den Vermittler, der die Geschichten in eine breitere Öffentlichkeit bringt.

Dabei bleibt der Regisseur keineswegs emotionslos. „Morgen gehört uns“ konzentriert sich auf die Energie, die Freude und den Glanz in den Augen der Kinder. Etwa wenn die Bilder in Zeitlupen umschalten, die das Geschehen intensivieren und ein Stück weit verklären. Oder wenn die aufmunternde, optimistische Musik die Geschichten vorantreibt. Im Grunde aber könnte man auf solche Verstärker verzichten – der erwachsene Zuschauer wäre trotzdem tief berührt. Denn was die Kinder auszeichnet, geht im späteren Leben verloren: Spontaneität und Direktheit, die nicht durch Zweifel gebremst werden. Arthur zum Beispiel macht sich keine Gedanken, ob das Essen, das er dem Obdachlosen kauft, vielleicht nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sein könnte. Er handelt einfach nach Gefühl. Das hat etwas wunderbar Erfrischendes.

„Morgen gehört uns“ ist eine Dokumentation, die positiv überrascht. Was in Kurzfassung und im Trailer ein wenig nach Schönfärberei und „Wir retten die Welt“-Optimismus klingt, erweist sich als Begegnung auf Augenhöhe. Regisseur Gilles de Maistre bewahrt seinen jungen Protagonisten das Kindliche und Unmittelbare. Dadurch wirkt der Film nicht belehrend oder didaktisch zugespitzt, sondern authentisch.

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Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Neue Visionen

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Länge: 84 min

Kategorie: Documentary

Start: 03.12.2020

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Morgen gehört uns

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 84 min
Kategorie: Documentary
Start: 03.12.2020

Bewertung Film: (7,5/10)

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