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Glitzer & Staub

Geschrieben von Peter Gutting am 15. Oktober 2020

An manchen Sportarten scheiden sich die Geister. Oft sind es solche, die von Männern dominiert werden. Autorennen etwa, oder Boxen. Ist es ein Zeichen für Emanzipation, wenn seit geraumer Zeit auch Frauen mit Fäusten aufeinander einschlagen dürfen? Die Regisseurinnen Anna Koch und Julia Lemke würden die Frage wohl bejahen. 2016 haben sie in ihrem Dokumentarfilm „Schultersieg“ vier Ringerinnen begleitet. Nun haben sie eine weitere beinharte Sportart aufgetan, die auch im Jahr 2020 noch als klare Männerdomäne gilt: das amerikanische Rodeo, inklusive seiner gefährlichsten Disziplin, dem Bullenreiten. Der zweite lange Dokumentarfilm des Regie-Duos taucht ein in eine fremde, ebenso abstoßende wie schillernde Welt.

Neun zarte Jahre ist Ariyana, ein kleines, schmales, blondes Mädchen, das man eher in einer Ballettschule vermuten würde. Sie zieht ihren schweren Helm auf, schließt den Gesichtsschutz und schreitet zur Tat. Ihr Bulle jagt los wie von der Tarantel gestochen, schon nach zwei Sprüngen wirft er seine Reiterin ab. Der Aufprall auf den Rücken sieht übel aus, aber Ariyana ist sofort auf den Beinen und rennt zum Ausgang, bevor das Tier angreift. „Bullen können ganz schön gemein sein“, sagt sie. Schon öfter hat das zierliche Mädchen die Hörner abbekommen, einmal hing sie – halb abgeworfen – fünf Minuten an der Seite im Seil. Egal ob Männer oder Frauen, die Liste der Verletzungen ist lang. Manche landen im Rollstuhl. Ariyanas Vater Xavier war mit 22 so schwer verletzt, dass ihm fast das Bein amputiert wurde. Trotzdem setzt er jetzt seine Kinder der Gefahr aus. Doch das ist nicht das Thema des Films. Sondern: Warum Ariyanas kleiner Bruder ganz selbstverständlich in die Fußstapfen des Vaters steigen durfte und das Mädchen lange darum betteln musste.

Vier Mädchen zwischen 9 und 17 haben die Filmemacherinnen über drei Monate mit der Kamera begleitet. Allen ist gemeinsam, dass sie trotz Vorurteilen und Widerständen selbst bestimmen möchten, welchen Sport sie ausüben. Dass sie Mut zeigen, hart sind im Nehmen, der Gefahr ins Auge blicken. Und dass sie aus Landschaften des mittleren Westens stammen, in denen die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Drei der Mädchen reiten Bullen, die vierte bezwingt „nur“ Ziegen oder fängt Kälber. Sie heißt Maysun (10) und sieht stoisch zu, wie ihr Vater – ehemals Bullenreiter und nun Bullenzüchter – der Kamerafrau erzählt, wie sehr er sich einen Sohn gewünscht und „nur“ ein Mädchen bekommen habe. Maysuns Vater würde seine Tochter niemals Bullen reiten lassen, denn seine Meinung über den Sport ist: „Der Typ soll fast dabei draufgehen“. Solche Probleme mit ihren Vätern haben Tatyanna (17) und ihre Cousine Altraykia (15) nicht. Für die Native Americans vom Stamm der Navajo ist das Bullenreiten eine Möglichkeit, aus der Eintönigkeit ihres Reservats herauszukommen und zu Wettkämpfen zu reisen.

„Glitzer & Staub“ kommentiert die ultrakonservativen Ansichten aus dem Stammland der Trump-Wähler ebenso wenig wie die Menschen- und Tierquälerei eines fragwürdigen Sports. Der Film begegnet seinen Protagonisten auf Augenhöhe, versucht die fremde Kultur zu verstehen, so wie man den spanischen Stierkampf als Teil der dortigen Tradition betrachten könnte. Das scheinen die Protagonistinnen gespürt zu haben. Sie lassen Nähe zu und geben Einblicke in ihre Ansichten, Wünsche und Sehnsüchte. So entsteht eher eine ethnologische Studie als ein klassischer Sportfilm, der auf den Höhepunkt eines bedeutenden Wettkampfes hinarbeiten würde. Die Regisseurinnen überlassen es weitgehend ihrem Publikum, Schlüsse aus dem Gesehenen zu ziehen. So ist es durchaus möglich, ihren Film auch als Kulturschock zu empfinden und ihn als Zeugnis für die Engstirnigkeit und Rückständigkeit der ländlichen USA zu lesen.

Sehr schön fängt die Kamera von Julia Lemke die Weite der Landschaft ein: die endlose Steppe, die Leere, die Einsamkeit. Eine Gegend, die den Menschen nicht braucht und ihn nicht willkommen heißt. Das schließt romantische Stimmungen nicht aus, ebenso wenig wie die Mythen, die sich um Pferde, Cowboys und die Eroberung des wilden Westens ranken. Wie beim Bullenreiten scheint es in dieser Kultur um alles oder nichts zu gehen. Entweder die Cowgirls landen schon direkt nach Öffnung des Gatters im Staub. Oder sie schaffen es, für mindestens acht Sekunden das wilde Tier zu dominieren, dann steigen ihr Stern und die Aussicht aufs Glitzern im Rampenlicht. Ariyana könnte eine Zeitenwende schaffen, glaubt ihre Mutter. Sie habe das Zeug dazu, einmal als erste Frau für den wichtigsten nationalen Wettbewerb zugelassen zu werden.

„Glitzer & Staub“ feiert den Mut und den Durchsetzungswillen von vier Mädchen, ohne dass den Protagonistinnen eine politische Botschaft untergeschoben wird. Die Regisseurinnen beschränken sich in klassischer Dokumentarfilmmanier aufs möglichst neutrale Beobachten und eröffnen dem Zuschauer die Möglichkeit, das gedrehte Material auch ganz anders zu lesen. Etwa als Abschreckung vor einer Tradition, die sich im 21. Jahrhundert überlebt haben sollte.

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Copyright: Port au Prince Pictures GmbH

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Länge: 97min

Kategorie: Documentary

Start: 29.10.2020

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

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Glitzer & Staub

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 97min
Kategorie: Documentary
Start: 29.10.2020

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