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Eine Frau mit berauschenden Talenten

Geschrieben von Peter Gutting am 3. Oktober 2020

Die großen Damen des französischen Kinos scheinen eine Schwäche für Hasch zu haben. 2012 spielte Bernadette Lafont in „Paulette“ von Jérôme Enrico eine Rentnerin, die mit high-machenden Keksen ihr kärgliches Dasein aufbesserte. Jetzt hat auch Isabelle Huppert Gefallen an dem komödienträchtigen Stoff gefunden. Mit dem Unterschied, dass ihre Figur deutlich jünger und noch beruflich aktiv ist. Aber wie in „Paulette“ ist es in „Eine Frau mit berauschenden Talenten“ die hervorragende schauspielerische Leistung, die die Inszenierung trägt. Wobei Regisseur Jean-Paul Salomé vom Genre-Mix bis zu den Schauplätzen alles tut, um seinen Star ins beste Licht zu rücken.

Auf der Pariser Polizeiwache im Einwandererviertel geht es nicht zimperlich zu. Ermittler treten einem arabischen Drogendealer schon mal kräftig in die Seite. Der rächt sich dann, indem er der Dolmetscherin ins Gesicht spuckt. Patience (Isabelle Huppert) ist den Job leid. Bei Tag und Nacht im Einsatz, beschäftigt mit der Übersetzung langweiliger Abhörprotokolle, bei mieser Bezahlung. Wie soll die allein erziehende Mutter zweier erwachsener Töchter da zurechtkommen? Jetzt, wo auch noch ihre eigene Mutter ins Pflegeheim muss, für 3200 Euro im Monat. Dabei hat die zierliche kleine Frau schon bessere Zeiten gesehen. Neulich hat sie ein altes Foto gefunden, aufgenommen von ihrem verstorbenen Vater. Es zeigt sie als Jugendliche am Steuer eines schicken Motorboots.

Im Grunde bräuchte man Patiences Lage gar nicht nachzuerzählen. Man könnte den Ton abdrehen und müsste ihr nur ins Gesicht schauen. Unnachahmlich, wie sie die Mundwinkel nach unten zieht. Wie sie ihren Blick ins Leere richtet, als könnte dort plötzlich ein Retter vom Himmel fallen. Wie sie ihre zarte Gestalt durch den Flur schleppt, als stünde hinter der Bürotür ein Bett, in dem sie drei schlaflose Nächte kompensieren könnte. Der Aufschrei „Ich habe es satt“ fasst nur zusammen, was die Kamera Szene für Szene in wechselnden Variationen einfängt.

Aber welch ein Ruck geht durch den schlanken Körper der Mittfünfzigerin, als ihr ein unglaublicher Zufall in die Hände spielt. Der abgehörte Fahrer eines millionenschweren Haschisch-Imports ist der Sohn der Altenpflegerin, die Patiences Mutter betreut. Blitzschnell ergreift sie ihre Chance, hilft Mutter und Sohn, allerdings nicht uneigennützig, denn der Stoff gehört nun ihr. Ganz schön heikel, wenn man die Geliebte des Polizisten Philippe (Hippolyte Girardot) ist und das Machtkartell der Dealer nur aus Telefonaten kennt.

Das klingt nach anarchischem Witz, aber in der ersten halben Stunde ist „Eine Frau mit berauschenden Talenten“ vor allem ein Thriller. Nur spärlich lässt Regisseur Jean-Paul Salomé ein paar Gags einfließen, etwa wenn der Direkttransport der Droge von Marokko nach Paris mit den Vorlieben der Bio-Käufer verglichen wird: gestern noch auf dem Feld, heute schon auf dem Teller. Ansonsten ist mit der Lage der überforderten Frau nicht zu spaßen, die Doppel- und Dreifachbelastung trägt realistische Züge, ähnlich wie die genaue Milieuschilderung in „Paulette“.

Mit dem gelungenen Coup ändert sich allerdings die Tonlage, ohne dass der Film ein Gagfeuerwerk abbrennen würde. Genüsslich kosten der Regisseur und seine Hauptdarstellerin die Situationskomik aus, würzen sie mit sehenswerten Einfällen und der Kreativität einer Frau, die ab sofort ihr Leben zu genießen weiß – auch und gerade in höchster Gefahr. Denn es ist nicht nur ihr ehrgeiziger Geliebter, der dem Geheimnis der von den Hilfsdealern nur „Die Alte“ genannten Drogenkönigin auf der Spur ist. Auch die selbsternannten „Besitzer“ der illegalen Großlieferung sind nicht amüsiert.

Es dürfte Isabelle Hupperts Vorliebe für unkonventionelle Rollen entgegengekommen sein, dass die Verfilmung von Hannelore Cayres Roman „Die Alte“ sich nicht nur auf die eigene Frauenpower konzentriert. Mit im Bunde der cleveren Lebenskünstlerinnen ist auch die Chinesin Colette Fo (Jade Nadja Nguyen). Zusammen mit der Altenpflegerin Khadidja (Farida Ouchani) spannen sie ein weibliches Netzwerk auf, das das Gelingen des zunächst durchgeknallt anmutenden Coups sichert und ihm trotz komödientypischer Unwahrscheinlichkeiten Glaubwürdigkeit verleiht.

Regisseur Jean-Paul Salomé („Rache ist weiblich“) arbeitete nach ersten Erfolgen jahrelang als Präsident zweier Filmorganisationen. Bei seinem Comeback verschafft er Isabelle Huppert eine Paraderolle mit vielen Facetten. Zwar erfindet „Eine Frau mit berauschenden Talenten“ die Krimi-Komödie nicht neu. Intelligente Unterhaltung bietet das Verwirrspiel einer zierlichen Power-Frau aber allemal.

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Länge: 104 min

Kategorie: Comedy, Crime, Drama

Start: 08.10.2020

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Eine Frau mit berauschenden Talenten

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 104 min
Kategorie: Comedy, Crime, Drama
Start: 08.10.2020

Bewertung Film: (7/10)

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