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Enfant Terrible

Geschrieben von Peter Gutting am 15. September 2020

Es gibt einige Dokumentationen über den ebenso legendären wie berüchtigten deutschen Filmregisseur Rainer Werner Fassbinder, aber keinen Spielfilm. Eigentlich ist klar, warum. Eine mit Schauspielern besetzte Filmbiografie muss sich klarer positionieren, muss deutlicher Stellung beziehen als eine zurückhaltende Montage aus Interviews. Ins Minenfeld Fassbinder, gepflastert von unzähligen Streits und Zerwürfnissen mit seinem ehemaligen „Clan“, wagt sich nun einer, der selbst als „Enfant terrible“ gilt: Oskar Roehler. Zeitweise wurde er als filmischer Erbe von Fassbinder gehandelt. Als einer, der ähnlich viel wagt, vergleichbar viel Persönliches in seinen Filmen preisgibt. Für den früh Verstorbenen zieht der 13 Jahre Jüngere nun seinen Hut. Am 31. Mai wäre der mit 37 Jahren verstorbene Fassbinder 75 geworden. Vier Tage vorher kommt Roehlers Hommage in die Kinos.

Keiner würde glauben, dass im Jahr der Revolte, 1967, so etwas möglich gewesen wäre, noch dazu in einer Bastion des antibürgerlichen Theaters. Rainer Werner Fassbinder (toll: Oliver Masucci), mit 22 noch rank und schlank, mischt sich ungefragt in eine Probe. Er hat eine Idee zur Inszenierung, die er der Mitgründerin des Münchner Action-Theaters ins Ohr flüstert. Ohne die Reaktion abzuwarten, gibt er den Schauspielern Anweisungen. „Du stellst dich jetzt da hin und du da – es muss ganz viel Abstand zwischen euch bleiben“. Der Ton ist autoritär, dreist, fast wie auf dem Kasernenhof. Niemand hätte einen derartigen Putsch erwartet von einem Typen, der als Revoluzzer unterwegs ist, mit Schnauzer und Lederjacke. Dennoch folgen sie seinem Charisma und seiner Vision von der Kälte unter den Menschen und ihrer Sehnsucht nach Liebe, die es als Illusion zu entlarven gelte. Der unberechenbare junge Mann legt noch einen drauf. Bei einer der Aufführungen stürmt er mit einem Wasserschlauch auf die Bühne und spritzt das Publikum nass. Keiner der entsetzten Schauspieler hatte davon gewusst.

Roehler spielt die Episode aus Fassbinders Anfängen am Theater breit aus. Die Botschaft ist klar: Zur simplen Identifikation taugt dieser Berserker und Menschenfänger, dieser Sadist und Manipulator nicht. Aber er ist auch kein eindeutiger Bösewicht. Fassbinder ist für Roehler etwas dazwischen: ein Unausdeutbarer. Einer, der sich selbst nicht versteht. Der nicht zuletzt darum Theater und später Filme macht, um der Gesellschaft und damit sich selbst auf die Spur zu kommen. Wenige haben Privates und Politisches derart vermengt, selbst wenn es damals geradezu Zeitgeist war, die Ursache für die eigene Verkorkstheit in den Missständen des Kapitalismus und der verdrängten Nazi-Zeit zu suchen. Fassbinder wurde nur drei Wochen nach Kriegsende geboren, sein Schaffen erzählt von den Verwundungen der Nachkriegskinder und der Tiefenbohrung nach der Schuld, die unter den Trümmern lag.

43 Filme hat Fassbinder gedreht, von seinem Debüt „Liebe ist kälter als der Tod“ (1969) bis zu „Querelle“ (1982), während dessen Postproduktion der überarbeitete Regisseur am 10. Juni 1982 aufgrund von zu viel Kokain, Alkohol und Schlaftabletten starb. Oskar Roehler tut gut daran, sich in ihnen nicht zu verlieren, sondern Schlaglichter zu werfen auf die wichtigen Lebens- und Arbeitsstationen. Etwa auf „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ (1972), in der Fassbinder seinen Liebeskummer über die unerwiderte Zuneigung zum Schauspieler Günther Kaufmann verarbeitete. Oder „Angst essen Seele auf“ (1973), der auch etwas mit einer unglücklichen Liebe zu tun hat, der zum Tunesier El Hedi ben Salem. Der Film bringt den internationalen Durchbruch. Fassbinder bricht bei Roehler unter Freudentränen zusammen, als er von den Beifallsstürmen bei der Premiere des Films in Cannes erfährt.

Es scheinen eher die schwulen Beziehungen des bisexuellen Fassbinders zu sein, die Roehler interessieren. Die weiblichen Figuren bleiben, mit Ausnahme der Mutter, am Rande. Der jüngere der beiden Enfants terribles interessiert sich für das Triebhaft und Orgiastische in Leben und Werk des älteren. Für den Rausch, die Abgründe von Liebe und Sexualität, für das Brüchige, Animalische in menschlichen Beziehungen. Die helleren Seiten des späten Fassbinder, etwa seine Deutschland-Trilogie zu Faschismus und Wiederaufbau, kommen nur am Rande vor.

Trotz klarer Auswahl und gezielter künstlerischer Entscheidungen hält sich Roehler an das, was er 2002 in einem Zeitungsartikel über den von ihm Bewunderten schrieb: „Fassbinders Helden sind einzigartig, weil er nie behauptet, sie zu verstehen.“ Genauso macht es Roehler selbst. Er will nichts psychologisieren oder biografisch erklären, er lässt seiner Figur einfach ihr Geheimnis. Für Fassbinders Arbeitswut findet er eine rein visuelle Lösung: die betörende Künstlichkeit der Bilder, meist getaucht in rotes und grünes Licht. Realität kommt in „Enfant terrible“ praktisch nicht vor, alles hat den Anstrich eines Filmstudios. Selbst das Häuschen, in dem Günther Kaufmann mit seiner Frau wohnt, sieht nach Pappmaché aus. Leben und Fiktion verschmelzen, eines so dunkel, wild und romantisch wie das andere.

Oskar Roehler wäre nicht er selbst, würde er mit „Enfant terrible“ seinen Seelenverwandten Fassbinder in einer konventionellen Filmbiografie auf den Sockel stellen. Der Regisseur nähert sich dem wilden Leben eines Besessenen über das, was er am meisten an ihm schätzt: Dass Fassbinder radikal sein Inneres nach außen gekehrt habe und für seine Visionen weiter gegangen sei als andere. So wie Roehler selbst, etwa in „Der alte Affe Angst“ (2003) oder „Quellen des Lebens“ (2013).

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Länge: 134 min

Kategorie: Biography, Drama

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Enfant Terrible

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 134 min
Kategorie: Biography, Drama
Start: 01.10.2020

Bewertung Film: (8/10)

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