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Astronaut

Geschrieben von Peter Gutting am 1. September 2020

Es ist wahr: Der Altersdurchschnitt des Kinopublikums steigt. In immer mehr Filmen spiegelt sich das wider. Sie machen der Generation 60plus Mut, indem sie das „alte Eisen“ im cineastischen Jungbrunnen umschmieden. Da läuft ein Mittsiebziger einen Marathon („Sein letztes Rennen“, 2013), eine 83-jährige steigt auf einen schroffen Berg im Norden Schottlands („Edie – Für Träume ist es nie zu spät“, 2019) und eine Truppe überwiegend älterer Shantysänger schafft es in die britischen Charts („Fisherman’s Friends“, 2019). Noch nie aber wollte jemand so hoch hinaus wie die Schauspielerin und Debütregisseurin Shelagh McLeod. Sie schickt einen 75-jährigen ins All.

Der Arzt hat schlechte Nachrichten für Angus Stewart (Richard Dreyfuss): Das Autofahren solle er besser sein lassen. Nicht leicht für den 75-jährigen, denn dass er stattdessen gut zu Fuß wäre, kann man auch nicht behaupten. Manchmal kriegt er kaum noch Luft, sein Herz macht ihm zu schaffen. Und dass er zehn Jahre jünger aussehe, wie sein Enkel Barney (Richie Lawrence) verkündet, nimmt Opa Angus als das, was es ist: pure Schmeichelei. Der ehemalige Straßenbauingenieur steht auf dem Boden der Tatsachen. Einerseits. Wäre da nicht der immer schon geträumte Traum, ins Weltall zu fliegen. Und: Seinen Enkel kann Angus mit dem riesigen Fernrohr durchaus beeindrucken. Der hält ihn nicht für einen nervigen Spinner, als den ihn Schwiegersohn Jim (Lyriq Bent) abtut.

Eines Tages kündet der spleenige Milliardär Marcus Brown (Colm Feore) im Fernsehen den ersten kommerziellen Weltraumflug an. Neben finanzkräftiger Kundschaft soll es beim Jungfernflug auch ein Freiticket geben. Per Losentscheid werden zwölf Bewerber ermittelt, die dann im TV gegeneinander um die Gunst des Publikums ringen. Enkel Barney wittert die Jahrhundertchance für seinen Opa. Er solle einfach Alter und Gesundheitszustand fälschen, dann würden sie ihn mit seiner Erfahrung und seinem Ingenieurwissen schon nehmen. Opa Angus hält das zunächst für eine Schnapsidee. Doch als sich seine Lage zuspitzt und er in einem Altersheim landet, greift er noch einmal nach den Sternen.

Bei vielen Filmen wird die Nacherzählung des Inhalts dem eigentlichen Seherlebnis nicht gerecht. Bei „Astronaut“ dagegen schon. Der Mix aus Kinder- und Seniorenfilm ist genauso unglaubwürdig und ausgedacht, wie es die von der Regisseurin verantwortete Drehbuchkonstruktion befürchten lässt. Das könnte man noch verschmerzen, wenn die dramaturgischen Unwahrscheinlichkeiten durch Tempo, Bildwitz oder verrückte Wendungen ausgeglichen werden. Aber die Erzählgeschwindigkeit ist mäßig, die Inszenierung bieder wie in einem TV-Film, und die Handlung ziemlich absehbar.

Nach eigener Aussage kam die in Kanada geborene Regisseurin auf das Thema des Films, als sie ihre Mutter im Pflegeheim besuchte. Dort traf sie einen Mann, der immer mit seinem Rollstuhl in den Garten der Einrichtung fuhr und stundenlang in den Himmel schaute. Als ihn die Regisseurin fragte, was er dort suche, antwortete er: „Einen neuen Anfang“. Das ist rührend und erklärt, weshalb die Inszenierung so sehr mit einer überdeutlichen Moral aufgeladen ist: Schiebt die Alten nicht ab, gebt ihnen eine Chance.

Dass die Familie, die nächsten Angehörigen dabei die zentrale Rolle spielen, versteht sich von selbst. Weniger zwangsläufig ist die Gefühlsduselei, mit der der Film das Beziehungsgeflecht auflädt. Der böse Schiegersohn wandelt sich zum Paulus, die gute Tochter wird tränenreich besungen, und die jüngst verstorbene Frau erscheint wie auf einem Heiligenbild vor dem inneren Auge. Selbst wenn „Astronaut“ ein typischer Hollywoodstreifen wäre, würde die Beschwörung der guten alten Blutsverwandtschaft an den Grenzen des guten Geschmacks kratzen. Aber nein, es ist eine kanadische Produktion, offensichtlich ohne Druck von mächtigen Geldgebern.

Zuweilen werden die Alten im Film unfreiwillig vorgeführt. Etwa wenn im Radio des Pflegeheims Disko-Musik spielt und alle mit den Schultern wackeln – als Zeichen, wie Angus’ tollkühne Pläne auch die Lebensgeister der anderen durchschütteln. Auch Richard Dreyfuss ist in der Titelrolle kaum zu beneiden. Einerseits soll er die Beschwerden des Alters spüren lassen, andererseits Begeisterung für ein Himmelfahrtskommando verströmen. Statt Euphorie zu versprühen, erregt der Film eher Mitleid. Nicht nur einmal möchte man dem alten Mann die Hand auf die Schulter legen und ihm raten, lieber auf dem Teppich zu bleiben.

„Astronaut“ krankt an missionarischem Eifer. In ihrem Plädoyer für ein selbstbestimmtes Alter zieht Shelagh McLeod alle Register vermeintlich publikumswirksamer Klischees. Damit tut sie den Senioren (und allen anderen) keinen Gefallen, denn sie unterschätzt deren geistige Leistungskraft. Einzig als Kinderfilm mit Opa-Begleitung könnte das Debüt einen gewissen Nutzwert entfalten.

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Länge: 97 min

Kategorie: Drama

Start: 15.10.2020

cinetastic.de Filmwertung: (4,5/10)

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Astronaut

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 97 min
Kategorie: Drama
Start: 15.10.2020

Bewertung Film: (4,5/10)

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