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Unser Boden, unser Erbe

Geschrieben von Peter Gutting am 20. August 2020

„Boden ist nicht sexy“, sagt die Fernsehköchin und Öko-Aktivistin Sarah Wiener. Will heißen: Mit einem Stück brauner Erde lässt sich keine Aufmerksamkeit erregen. Es eignet sich nicht für emotionalisierende Botschaften, ganz anders als etwa ein Nashornbaby oder ein Eisbär. Und doch ist der Boden bedroht – und damit die Grundlage für alles, was wir essen. Laut einer Studie der Vereinten Nationen hat die Menschheit nur noch 60 Ernten zur Verfügung. Danach sind die Äcker so ausgelaugt, dass sie die Weltbevölkerung nicht mehr ausreichend ernähren. Höchste Zeit also für ein anderes Bewusstsein gegenüber der wichtigsten Lebensgrundlage. Mit seinem Dokumentarfilm trägt Regisseur Marc Uhlig viel zur Aufklärung bei. Er tut es verständlich, sachlich und visuell reizvoll.

Landwirt Achim Heitmann ist zufrieden. Nachdenklich sitzt er auf den Furchen seines Feldes, das er gerade für die neue Saison vorbereitet hat. Staubtrocken sieht es hier aus, nahe Überlingen am Bodensee, wo es zur Zeit der Dreharbeiten länger nicht geregnet hatte. Aber der Demeter-Bauer weiß, dass schon drei Zentimeter unter der Oberfläche Anlass zur Hoffnung besteht. „Dort hat der Boden so viel Wasser gespeichert, dass er die Jungpflanzen, die wir bald einsetzen, ernähren wird“. Heitmann, der seit elf Jahren den vom Vater übernommenen Hof bewirtschaftet, ist glücklich, welche Früchte sein langjähriger Einsatz für einen guten Boden trägt.

Das ist alles andere als selbstverständlich. In den letzten 70 Jahren, also mit Beginn der industrialisierten Landwirtschaft gingen zwischen 30 bis 50 Prozent des Humusgehalts verloren, sagen Experten. Und Humus ist das, worauf es ankommt in der etwa 30 Zentimeter dicken Bodenschicht, die unseren Planeten bedeckt und – anders als sonst wo – Leben ermöglicht. Humus nennt man die abgestorbene organische Substanz des Bodens. Er besteht vorwiegend aus vermoderten Blättern, Pflanzenresten sowie aus Ausscheidungen und Umwandlungsprodukten von Bodentieren und Mikroorganismen. Ist der Boden humos, hat er eine lockere, krümelige Struktur.

Das mag belanglos klingen, hat aber enorme Auswirkungen, gerade in Zeiten des Klimawandels. Landwirt Achim Heitmann ist sicher, dass sein Boden mit 100 Litern Starkregen klarkommt. Das heißt, das Wasser kann gebunden werden, es läuft nicht einfach ab oder schwemmt den wertvollen Boden weg. Und: Humus speichert das Treibhausgas Kohlendioxid. Wissenschaftler rechnen vor, dass man mit dem Aufbau von Humus den Klimawandel stoppen könnte. Nur ein Prozent mehr Humus in deutschen Böden würde genügen, um den gesamten CO2-Ausstoß des Landes in einem Jahr zu neutralisieren. Nur: Dafür müsste man etwas tun, müsste aufhören, die Böden auszulaugen und durch eine andere Landwirtschaft die Lebensgrundlage verbessern.

Was thesenhaft und theorielastig klingt, veranschaulicht der Film in reizvollen Bildern, etwa Detailaufnahmen vom Gewimmel der Bodenlebewesen. Oder mit Zeitraffern vom Aufziehen heftiger Gewitter. Oder von Stürmen, die ausgetrocknete Oberflächen wegfegen. Am greifbarsten und sinnlichsten wird das Thema aber, wenn die Regie dem Bauern Achim Heitmann über die Schulter schaut. Ein ganzes Jahr lang hat das Filmteam ihn begleitet, angefangen im Frühjahr, als der Landwirt Zwiebeln und Kartoffeln pflanzte, und dann immer wieder bis zur Ernte.

Die handfeste Arbeit für unser Essen wird zum roten Faden des Films, an den sich die diversen weiteren Interviews mit Experten und Prominenten wie dem Wissenschaftler Ernst Ulrich von Weizäcker knüpfen. Wie Schuppen fällt es dem Zuschauer von den Augen, wenn Bauer Heitmann von seinen Existenzsorgen spricht, die eben zu einem Leben mit der Natur dazugehören. Und sich dann wundert, warum er damit so allein steht: „Ich verstehe gar nicht, wie wenig Existenzängste der Stadtmensch hat. Er ist doch absolut abhängig davon, dass hier etwas wächst“. Eine scheinbar banale Aussage, die aber im Kontext des Films unter die Haut geht.

Natürlich möchte „Unser Boden, unser Erbe“ aufrütteln. Aber der Film tut es nicht in hysterischer, dogmatischer oder besserwisserischer Agitation. Keineswegs wird behauptet, über ein Patentrezept zu verfügen. Aber die Dokumentation zeigt Beispiele, die Mut machen. Etwa von der Initiative solidarischer Landwirtschaft, die einen „toten“ Boden mit viel Sorgfalt und Hingabe in wenigen Jahren wieder zum Leben erweckte.

Alarmmeldungen gibt es viele in unserer Mediengesellschaft. Die meisten sorgen kurzfristig für Schlagzeilen, werden aber schnell von neuen Katastrophen verdrängt. Da tut es gut, dass sich „Unser Boden, unser Erbe“ eines Themas annimmt, das sich allzu leicht verdrängen lässt. Solange die Supermärkte überquellen, besteht die Gefahr, dass sich nur wenige mit der Bedrohung der Lebensgrundlagen auseinandersetzen. Bewusstsein zu schaffen, ist daher ein Gebot der Stunde. Regisseur Marc Uhlig tut es unaufgeregt, sachkompetent und ohne die visuellen Möglichkeiten der großen Leinwand zu vernachlässigen.

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Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: W-Film

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Länge: 71 min

Kategorie: Documentary

Start: 08.10.2020

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Unser Boden, unser Erbe

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 71 min
Kategorie: Documentary
Start: 08.10.2020

Bewertung Film: (7,5/10)

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