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Schwesterlein

Geschrieben von Peter Gutting am 28. August 2020

Für Schauspielstars haben die Regisseurinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond ein gutes Händchen. Bereits in ihrem Debüt „Das kleine Zimmer“ (2010) gelang es ihnen, Michel Bouquet, bekannt biederer Bourgeois in mehreren Werken von Claude Chabrol, für die männliche Hauptrolle zu gewinnen. Dann drehten sie eine TV-Serie und eine Doku. Und nun, zehn Jahre nach ihrem Erstling, bringen sie Nina Hoss und Lars Eidinger gemeinsam auf die große Leinwand – als Zwillingsgeschwister aus dem Theatermilieu, die für ihre Rollen wie geschaffen sind.

„Schwesterlein, wann gehen wir nach Haus‘“ fragt „Brüderlein“ in dem von Johannes Brahms bearbeiteten Volkslied, das dem Film seinen Titel gab. Gleich, könnte man antworten, wenn man eine der ersten Szenen betrachtet. Lisa (Nina Hoss) und Sven (Lars Eidinger) sitzen auf der Rückbank eines Taxis, sein Kopf liegt auf ihrer Schulter. Jeder, der sie nicht kennt, würde die beiden für ein Liebespaar halten. Bevor sie nach Hause fahren, in die Wohnung ihrer Mutter Kathy (herrlich verpeilt: Marthe Keller), muss der an Leukämie erkrankte, gerade aus dem Krankenhaus entlassene Theaterstar Sven erst noch einen Abstecher zur Berliner Schaubühne machen – vielleicht seine wahre und einzige Heimat. Dort proben sie den Hamlet. Sven überrascht seine Kollegen, indem er textsicher und ausdruckstark mitten in die Szene einsteigt.

Wer sich ein wenig mit Theater auskennt, dürfte an dieser Stelle stutzen. Sind das nicht die echten Aushangfotos der legendären Hamlet-Aufführung mit Eidinger in der Titelrolle? Hat nicht Thomas Ostermeier, der im Film den Regisseur David spielt, auch im realen Leben das Stück inszeniert? Und ist nicht Nina Hoss ebenfalls in Ostermeiers Arbeiten an der Schaubühne aufgetreten? Dreimal lautet die Antwort ja. Fiktion und Wirklichkeit vermischen sich hier, ohne dass man zunächst den Grund dafür wüsste. Erst nach und nach wird klar, welche Bedeutung das Theatermilieu für die fiktive Geschichte hat. Und warum es so wichtig wird, das Arbeiten auf und hinter der Bühne so authentisch wie möglich zu schildern. Svens Krankheit ist lange nicht überwunden. Ob er sie besiegen kann, hängt wesentlich mit der Chance zusammen, bald wieder spielen zu dürfen. Seine Schwester Lisa versteht das. Sie war eine gefeierte Stückeschreiberin, bevor sie eine Familie gründete und ihrem Mann zuliebe in die Schweiz ging.

Mag auch der Stoff schwer nach Drama klingen, seine Verarbeitung durch die beiden Regisseurinnen tendiert eher zur Lyrik. Luftig und leicht tänzelt die Geschichte durch den eigentlich bleischwer gewordenen Alltag der Geschwister. Die bewegte Handkamera interessiert sich für die kleinen Dinge, die Zeichen, die Symbole: Für den Händedruck am Krankenbett, für die geheime, aus Kindertagen stammende Zeichensprache der Zwillinge, und für die Hilflosigkeit, mit der die eigentlich pragmatische und hochorganisierte Lisa – Mutter zweier Mädchen – einen Kaffee aus dem Krankenhaus-Automaten zu ziehen versucht.

Niemand, der nicht selbst Zwilling ist, wird wohl verstehen, wie es sich anfühlt, so aufgewachsen zu sein. Auch der Film versucht nicht, es zu erklären. Aber er nähert sich dem Phänomen unaufdringlich an, ohne ihm sein Geheimnis vollends entreißen zu wollen. Nicht Worte sind dafür sein Medium, sondern Bilder, Blicke, Gesten. Oder Reaktionen, die sich dem Zuschauer erst nach dem Überwinden eines Stutzens erschließen. Etwa wenn Lisa erfährt, dass Sven einfach ihren Laptop geöffnet und durchsucht hat, um nachzuschauen, ob und was sie schreibt. Da huscht lediglich ein winziger Protest über ihr Gesicht, gefolgt von einem kaum verhohlenen Einverständnis und beinahe einer Freude darüber, dass der andere den Glauben an ihre Schreibkünste nicht verloren hat. Sven hat dabei etwas registriert, das Lisa gar nicht richtig bewusst war. Am 3. Juni, dem Tag seiner Diagnose, bricht ihre Schreibtätigkeit ab.

Nina Hoss und Lars Eidinger kennen sich seit Langem. Sie haben das Schauspielhandwerk zusammen auf der renommierten Ernst-Busch-Schule gelernt. Aber noch nie waren sie gemeinsam auf der Leinwand zu sehen. Dass sie derart harmonieren würden, ohne dass einer den anderen an die Wand spielt, hätte man nicht ohne weiteres gedacht. Stéphanie Chuat und Véronique Reymond, die auch das Drehbuch geschrieben haben, ist in diesem Film ein kleines Wunder gelungen. Es ist das Faszinosum, wie die Kunst die Wirklichkeit übertreffen und Menschen zu Zwillingen werden lassen kann, die im realen Leben diese Erfahrung nie gekannt haben.

Zwillinge irritieren ihre Mitmenschen auch deshalb, weil kein Außerstehender ihre symbiotische Beziehung wirklich verstehen kann. „Schwesterlein“ nutzt die Möglichkeiten des Kinos, um die Neugier ein bisschen besser zu befriedigen als die Wirklichkeit. Nina Hoss und Lars Eidinger spielen die Geschwister derart einfühlsam ineinander verflochten, als wären sie tatsächlich schon im Mutterleib beisammen gewesen.

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Copyright: Weltkino

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Länge: 99 min

Kategorie: Drama

Start: 29.10.2020

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 99 min
Kategorie: Drama
Start: 29.10.2020

Bewertung Film: (7,5/10)

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